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When Boy Meets Girl Meets Boy - geschlechtsneutrale Mode

Von Jackie Mallon

6. Mai 2015

Die meisten Mode-Studierenden begrüßen ganz selbstverständlich ein gewisses Maß an Nonkonformität der Geschlechter. Sie sind bereits mit dem rebellischen Auftreten einer Gegenkultur ausgestattet und lernen, Kleidungsstücke zu dekodieren und Mode als eine Erweiterung ihrer Kreativität zu betrachten. Ihre Lieblingsdesigner behandeln Androgynie bereits seit Jahrzehnten: Ann Demeulemeester, Jean Paul Gaultier, Giorgio Armani ... Auf dem Höhepunkt der Charleston-Mode kleidete Coco Chanel Frauen in Hosen aus Trikotstrick, der zuvor nur für Herrenunterwäsche verwendet wurde; Marlene Dietrich in ihrem adretten Frack und Zylinder mit glamourösen Bleistift-Augenbrauen ist nach wie vor eine Quelle der Inspiration.

Konflikte, Kollisionen und Gegenüberstellungen machen die Modewelt aus. Dies trifft auf das, hart trifft auf weich, feminin auf maskulin, sportlich auf schick, Stadt auf Wüste ... Zwei ganz verschiedene Einheiten werden zusammengebracht. Einzeln sind sie leicht zu verstehen; zusammen werden sie etwas Neues, das trotzdem vertraut scheint. Aber heutzutage verfließen die Grenzen der Geschlechter, männlich trifft auf weiblich, und alles ist nicht mehr so eindeutig.

Die Grenzen der Geschlechter verschwimmen überall

Ich höre den Satz 'Ich möchte, dass meine Kleidung geschlechtsneutral ist' oft von meinen Studierenden. Normalerweise würden wir die Studierenden, die eindeutig etwas missverstanden und 'androgyn' gemeint haben, korrigieren. Männer und Frauen können nicht die gleiche Kleidung tragen, würden wir sie belehren. Kleidungsstücke müssen anders geschnitten sein, um den weiblichen Formen gerecht zu werden. Brüste und Hüften müssen bei der Passform eines Kleidungsstücks beachtet werden. Frauen knöpfen zudem rechts über links; Männer links über rechts. So belehrt, würden die Studierenden sich auf androgyn einigen und wir, selbstgefällig in unserem Wissen, würden nicht weiter darüber nachdenken.

Aber jetzt muss dieses Wissen in Frage gestellt werden. Frauen kaufen bereits "Boyfriend-Jeans" bei J Crew und Männer frischen ihr Make-up auf der Toilette zwischen Vorlesungen auf. Geschlechts-Fluidität ist überall und kündigt einen ganzen Katalog neuer Codes an, die in den Händen der Mode-Studierenden noch fließender werden: transsexuell, zwischengeschlechtlich, geschlechts-nonkonform, ungeschlechtlich, bisexuell, zissexuell, schwul...

Es lässt die jahrhundertealten Säulen des Einzelhandels der Herren- und Damenmode auf wackligen Füßen stehen. Als Dozenten konnten wir uns immer wieder auf die Absatzfähigkeit von geschlechtsneutraler Kleidung verlassen. Wo soll man sie verkaufen? Sie ist zu speziell. Es gibt keine Kundenbasis. Anfang des neuen Jahrtausends ließ auch Hedi Slimane seine schmal geschnittenen Dior-Herrenanzüge ändern, um sie dem weiblichen Körper anzupassen, nachdem er entdeckte, dass sie von Frauen getragen wurden.

Wenn wir in Frage stellen, dass Frauen Hemden anders knöpfen als Männer, dann ist das eine archaische Praxis. Außerdem haben Höhlenmenschen ihre Babies auch nicht in Rosa oder Blau gekleidet. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Menschheit eine Datenbank mit Codes zusammengestellt, die derzeit auseinandergenommen wird. Für die Pariser Haute Couture-Woche entwarf der Designer Rad Hourani eine völlig geschlechtslose Kollektion, bei der die Modells Masken trugen, so dass die Zuschauer keine vorgefassten Meinungen über die Kleidungsstücke fassen konnten.

"Die Menschheit hat eine Datenbank mit Codes zusammengestellt, die derzeit auseinandergenommen wird"

Letzten Monat führte Selfridges in London das neue Einzelhandelskonzept "asexuell" für seine Damen- und Herrenabteilungen ein, in denen Kleidungsstücke verkauft werden, die von ihm oder ihr getragen werden können, von Labels wie Comme des Garçons und Rick Owens. Ein paar wenige bahnbrechende US-amerikanische High Schools erlauben Schülerinnen und Schülern, die mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht Schwierigkeiten haben, die Toilette zu wählen, mit dessen Geschlecht sie sich identifizieren.

Wenn wir weiter in die Zukunft schauen, werden wir bald Einzelhändler mit fließenden Geschlechtsdefinitionen entdecken, bei denen Rüschen und Nadelstreifen einfach Möglichkeiten sind, um sich zu schmücken, und wo Mode zu einer Form der freien Assoziation wird, die alle Klassifizierungen von "Frauen-" oder "Männerkleidung" ablehnt, die einfach von einer unzensierten Neugier angetrieben, ohne irgendwelche Annahmen. Ich glaube nicht, das sie 'geschlechtsneutral' genannt werden wird, da dies bereits altmodisch klingt. Viele junge Beeinflusser leiten uns in diese Richtung.

Der Musiker Grimes sagte: “Ich befinde mich in einer geschlechtsneutralen Zone, also bin ich unparteiisch gegenüber Pronomen über mich selbst. Ich wünschte, ich müste nicht kategorisiert werden." Tatsächlich hat die Nachricht um so mehr Relevanz, je jünger der Überbringer ist. Der 16-jähriger Sohn von Schauspieler Will Smith, Jaden, beschrieb ein Foto von sich in einem Kleid mit den Worten: "Bin zu TopShop gegangen, um Mädchenkleidung zu kaufen, ich meine, 'Kleidung'."

Könnte dieser aufkommende Egalitarismus zu einem radikalen Wandel führen, der beeinflusst, wie die Branche Kleidung anpasst, in Größen einteilt, etikettiert und verkauft? Während die mit Spannung erwartete New Yorker Herrenmode-Woche heranschreitet, frage ich mich, ob getrennte Modenschauen in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht überflüssig oder sogar politisch inkorrekt werden könnten? Fließende Grenzen der Geschlechter könnten sogar den Look unserer Zeit einleiten, den wir seit der Jahrtausendwende so verzweifelt versuchen zu definieren. Zumindest könnte es Frauen endlich von diesem Busen-und-Hintern-Angebot aus überstrapaziertem Spandex befreien, das uns aufgezwungen wurde; diesem Phänomen aufgeblähter Weiblichkeit, das mich an Gänse denken lässt, die als Gänseleberpastete enden.

'Fließende Grenzen der Geschlechter könnten sogar den Look unserer Zeit einleiten'

Diese neue Freiheit könnte auch zu anderen Komplikationen in den Schulen führen. Ich wurde als Gast-Kritikerin zu einer Lehrstunde eingeladen, in der das Auftreten einer Studentin/eines Studenten mir keine Andeutung darüber gab, ob er/sie sich als weiblich oder männlich identifizierte. Auch der Name war nicht eindeutig. Die/der Studierende befand sich eindeutig in einer Übergangsphase, aber das war alles, was ich feststellen konnte. Nach der Hälfte der Stunde benutzte ich das Pronomen "sie" und ich konnte einen Anflug von Enttäuschung in den Augen des/der Studierenden feststellen, an den ich mich für den Rest des Tages erinnern konnte.

Es kann für uns alle verwirrend sein, aber nicht zuletzt für diejenigen, die ihre Identität in Frage stellen, und wir als Dozenten sollten nicht zu ihrer Unsicherheit beitragen. Doch wenn alle Codes entfernt werden und unsere Sprache nicht aufgeholt hat, könnten wir feststellen, dass uns dies schlecht zu Gesicht steht.

Also sollten wir als Dozenten die Worte des Zeitgeistpropheten Hedi Slimane im Kopf behalten, die jetzt genauso richtig erscheinen, wie es die Hosen mit den schlanken Hüften waren: "Bei allem, was man tun, ist es sehr wichtig, die Zeit zu verstehen, in der man lebt, um Teil der Gegenwart zu sein. Ich versuche immer nur, den Geist der Zeit zu kennen."

Ein Gastbeitrag von Jackie Mallon, Dozentin mehrerer NYC-Fashion-Programme und Autorin des Romans "Silk for the Feed Dogs", der in der internationalen Modebranche spielt. Dieser übersetzte Beitrag erschien auf FashionUnited.com. Übersetzung und Bearbeitung: Simone Preuss.

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