Wie neue Technologien den Designprozess verändern werden

Mode ist eines der ältesten Beispiele für Technologie. Im anthropologischen Sinne ist die Herstellung von Textilien durch das Verweben von Materialien eine prähistorische Technologie, auf die wir als Mode-Innovatoren über Tausende von Jahren hinweg immer wieder den Blick gerichtet haben und der nun den Weg in die Zukunft weist.

Um uns über die aktuellen Entwicklungen aufzuklären, hat die Messe Texworld eine Expertenrunde einberufen, die den Einfluss der Technologie auf die sich wandelnde Natur von Ideen und Design diskutierte: Natasha Franck, CEO von Eon, Tia Nicolae, Marketingmanagerin von Lectra; Andrew Wyatt, CEO von Cala, und Melissa Rusinek, Beraterin. Die Experten diskutierten den Einfluss der Technologie auf den Wandel von Ideen und Design.

Neue Daten zum Recycling

Jedem Produkt eine Identität zu geben, die einer Geburtsurkunde gleicht, war Francks Mission, als sie das CircularID-Protokoll schuf, um den wachsenden Anforderungen einer Kreislaufwirtschaft gerecht zu werden. Traditionell werden Daten nur bis zum Verkaufspunkt eines Produkts erfasst, dann verschwindet das Produkt vom Radar. Informationen über Herkunft, Preis und Stoffzusammensetzung verflüchtigen sich. „Der Wiederverkauf funktioniert derzeit ziemlich ad hoc, ohne die digitale Infrastruktur, die ihn angemessen unterstützt“, sagt Franck, die unter anderem mit H&M, Target und PVH Corp. zusammengearbeitet hat, um Abhilfe zu schaffen und den Lebenszyklus von Produkten zu verlängern. „Wir sind darauf fokussiert, Daten nach dem Verkauf der Ware und darüber hinaus zu erhalten, und den Zugriff auf diese Daten oder den Austausch zwischen den Parteien zu erleichtern."

Der Designer der Zukunft

Wie wird das Feld des Designs aussehen, wenn heutige 15-Jährige, die Generation Snapchat & TikTok, es betreten? Das ist die Art von Fragen, die Wyatt täglich motivieren. Er ist der Meinung, dass die Technologie ihre Erwartungen an die Umsetzung ihrer kreativen Visionen erfüllen muss, und dass sich eine solche Technologie sehr von dem unterscheidet, was derzeit verfügbar ist. Er gründete Cala, „um das Aufsetzen einer Infrastruktur für Modemarken so einfach zu machen wie die Einrichtung eines Instagram-Accounts". Mit diesem Service, den er als "die erste Modehaus-Technologie der Welt" bezeichnet, könne jeder, vom Keller der Eltern oder einem Studentenwohnheim aus, eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Marke gründen. In Zusammenarbeit mit über 60 verschiedenen Herstellern in zehn Ländern sowie 25 Entwicklungs- und Finanzpartnern verspricht er, das Digitale in die Realität zu holen, „egal ob Sie ein klassisch ausgebildeter Designer von Parsons sind oder ob Sie noch nie in Ihrem Leben etwas entworfen haben.“

Wie neue Technologien den Designprozess verändern werden

Wyatts Vision der Zukunft sieht Tinder nicht unähnlich: „Im Grunde genommen swipt man zwischen Entwürfen hin und her, angetrieben durch maschinelles Lernen, um seiner Vision am nächsten zu kommen, verbunden mit einem Netzwerk vollautomatischer lokaler Einrichtungen oder Produktionszentren - wie Amazon's Fulfillment-Zentren -, man stellt den Entwurf auf Instagram ein, und wenn die Leute anfangen ihn zu kaufen, wird das Produkt in ihrer Nähe produziert. Davon sind wir nicht allzu weit entfernt.“

Möglichkeiten und Grenzen des 3D-Designs

Trotz des Hype und des Ansturms auf die Digitalisierungstechnologie sagt Nicolae: „Man kann heute nicht in 3D entwerfen. Es gibt kein Werkzeug, mit dem man tatsächlich ein Muster in 3D erstellen kann. Man muss das 2D-Muster erstellen lassen, um die 3D-Version zu rendern und zu sehen, wie der Stoff fällt und sich dehnt. Passgenauigkeit ist von größter Bedeutung, mehr denn je, wenn es darum geht, Materialverschwendung zu reduzieren und unnötige Samples zu vermeiden - beides Praktiken, die mit den Exzessen unserer Branche in der Vergangenheit zusammenhängen. Lectra bietet 2D-Mustertechnologie für Marken von Balenciaga und Louis Vuitton für führende Denim-Hersteller wie Seven For All Mankind, die sich auf die Idee konzentrieren, ein Produkt erst dann zu produzieren, wenn es vom Kunden bestellt wird. Abgesehen von der Passform hat der 3D-Druck auch die Bedeutung des Stofffalls nicht berücksichtigt. Die Firma Clo ist derzeit marktführend in der Entwicklung einer außergewöhnlichen Technologie für die Darstellung von Stoffen in 3D.

Neue Technologie muss auf alte Handwerkskunst setzen

„Die Handarbeit und das Know-How, die hinter der Produktion eines Kleidungsstücks stehen, machen die inhärente Qualität des Kleidungsstücks aus und sind der Grund dafür, dass es kein Wegwerfprodukt ist. Das hat eine Auswirkung auf den dabei entstehenden Abfall. Fast Fashion hat diese Qualität nicht. Das Fehlen von Schnittmacherfähigkeiten in unserer Industrie, die durch das Outsourcing ins Ausland ausgestorben sind, wird jetzt von den führenden Technologieunternehmen beklagt, die die Zukunft als eine Verbindung von traditionellem Design und Musterprozessen mit 3D-Innovationen sehen“, sagt Nicolae. Und Wyatt fügt hinzu: „Bei Clo kann man die kostenlose Testversion herunterladen, aber man muss wissen, wie man ein Muster erstellt, damit es benutzerfreundlich ist, und das wissen nicht mehr viele Designer. Vielleicht kann es in AR oder VR zur Anwendung kommen, aber die vollständige Erfahrung eines Kleides im digitalen Kontext ist weiter entfernt, als uns lieb ist.“

Designer wollen in 3D entwerfen, sagt Wyatt, „weil es sexy ist“. Doch während die neue Generation die Schule in der Erwartung verlässt, dass die Technologie vorhanden sein wird, sieht die Realität ganz anders aus. „Es gibt keinen magischen Knopf, den man drücken kann, um von einer Idee über ein Muster zu einem fertigen Produkt zu gelangen“, sagt Nicolae, der das Verschwinden von Fähigkeiten, Qualität und Passform befürchtet, die mit einer solchen Realität verbunden sind. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir das wollen.“

Der Autodidakt und Modedesigner Virgil Abloh teilt Berichten zufolge erste Ideen über Whatsapp mit seinen Mitarbeitern, die diese dann ergänzen, und man fragt sich unweigerlich, ob dieser Mash-Up-Prozess ein Hinweis darauf ist, wie zukünftige Designer arbeiten werden. Wyatt richtet sich an Kreative mit einer solchen Vision: „Ich will den Schuh, aber statt dieses Motivs will ich lieber dieses“ ist ein kuratorischer Ansatz für das Design, aber er erklärt, dass Cala mit Maßen, Kommentaren und Anweisungen hilft, die jeweilige Vision zu erreichen.

Die unvermeidliche Kehrseite dieser Szenarien werden wahrscheinlich Urheberrechtsverletzungen und andere rechtliche Bedenken sein, da Insta-Kreative versucht sein werden, ihr Lieblingsmeme direkt auf ihre T-Shirts zu drucken.

Massenproduktion und die Zukunft

Die Modeindustrie hat sich um 180 Grad verändert. Wo einst der Designer seine Vision von oben an den Kunden vermittelte und alle nach einem Stück davon lechzten, haben wir heute eine Fülle von Daten, die vom Verbraucher kommen und darüber informieren, welche Produkte gerade im Trend liegen. Nicolae sagt: „Das traditionelle Modell eines Modeunternehmens, das in Massenproduktion produziert und Hunderttausende von Dollar, wenn nicht sogar Millionen investiert, um Hunderttausend Stück desselben Produkts zu produzieren, in der Hoffnung, dass die Nachfrage da sein wird - dieses Modell ist vorbei."

Massenproduktion ist heutzutage nur noch für bestimmte Produktlinien sinnvoll, und Experten sind sich einig, dass es die beste Lösung ist, die Lieferkette zu verkleinern, wenn man Nachfrageschwankungen ausgleichen will. Das Tesla-Modell, bei dem Sie Ihr eigenes Auto entwerfen und es nach Ihren Vorgaben ankommt, ist ein Beispiel. „On-Demand ist nicht nur für kleine Marken, Start-Ups oder solche, die kleine Chargen produzieren müssen“, sagt Nicolae. „Firmen, die McKinsey als "Super-Gewinner" bezeichnet, setzen genau darauf.“

Und Franck fügt hinzu: „Anstatt ein Produkt nur einmal zu verkaufen, aber dafür an die Massen, müssen wir jetzt verstehen, wie sich dasselbe Produkt vier-, fünfmal verkaufen kann. Die billigste Art, Geld zu verdienen, ist der Wiederverkauf eines bereits hergestellten Produkts.“

Marken, die sich gegen Investitionen in die Automatisierungstechnik sträuben, weil sie glauben, nicht genug Volumen zu haben, oder die auf die Rückkehr des Ordervolumens aus China warten, übersehen das Wichtigste, glaubt Nicolae. „Das Volumen kommt nicht zurück. Es geht nicht darum, mit China auf dem Massenmarkt zu konkurrieren. Es geht um eine schnelle Produktion, ein individuelles, personalisiertes Produkt. Das ist die Chance für die Herstellung vor Ort. Dort muss das Gespräch geführt werden. Wir errichten keine Massenproduktionsanlagen, um mit China zu konkurrieren.”

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in New York und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Headerbild: Texworld, andere FashionUnited.

 

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