Zwischen Utopie und Dystopie: Highlights der SS27 Berlin Fashion Week
Wird geladen...
Das Engagement trägt langsam Früchte. Mit der Abschluss-Show von GmbH endete am Sonntagabend die Berlin Fashion Week. Das Fazit: Die Veranstaltung etabliert sich zunehmend als international relevanter Modestandort – für Designer:innen und Brands ebenso wie für Einkäufer:innen und Medien. Selbst der Bundeskanzler würdigte die Branche.
Vor fast fünf Jahren hat das Fashion Council Germany damit begonnen, gemeinsam mit dem Berliner Senat eine Strategie für die Zukunft der Berlin Fashion Week zu entwickeln. Die zentrale Frage lautete: Wie lässt sich Berlin im internationalen Fashion-Kalender positionieren und mit welchem Alleinstellungsmerkmal?
„Unsere Antwort war klar: Berlin soll die Plattform für Emerging Talents werden. Gerade junge Designer:innen stehen heute vor enormen Herausforderungen und brauchen Sichtbarkeit“, so Christiane Arp, Vorstandsvorsitzende des Fashion Council Germany. Dass das Konzept aufzugehen scheint, sieht man Saison für Saison an der Weiterentwicklung und Professionalisierung der Labels, die die Plattform Fashion Week für sich nutzen.
„Dieses Wachstum zu sehen ist fantastisch“, so Arp weiter. Nicht nur aufgrund der teilnehmenden Brands kann sich Berlin sehen lassen, auch das internationale Gästeaufgebot, das aus Buyern und Medienschaffenden besteht, unterstreicht die Bedeutung der Veranstaltung. Beispielsweise Einkäufer:innen von Antonioli, H Lorenzo, Hankyu, Isetan, Printemps, Roadsign, SVRN, Takashimaya, United Arrows, Velvet und Voo Store sind der Einladung des Fashion Councils gefolgt, ebenso zahlreiche internationale Journalisten und Content Creators. „Inzwischen werden auch Orders geschrieben“, ergänzt Scott Lipinsky, CEO des Fashion Council Germany. „Die internationalen Stores sind wichtige Multiplikatoren – was dort hängt, wird weltweit wahrgenommen.“
Auch auf Seiten der Labels ist klar, dass sich das Engagement lohnt. „Für eine junge Brand gibt es derzeit kaum einen besseren Ort als die Berlin Fashion Week und die Chance, mit dem Fashion Council zu wachsen“, sagt Mario Keine vom Menswear Label Marke. Er zeigte im Rahmen einer eigenen Show und präsentierte sich im Anschluss einen Tag lang im Hotel-Showroom der Fashion Week, dort wo auch die internationalen Gäste der Veranstaltung untergebracht waren. „Diese Sichtbarkeit, die wir hier erhalten, wäre in Paris kaum möglich. Dort müsste man als kleines Label unter vielen anderen um die Aufmerksamkeit von Einkäufer:innen und Medien kämpfen. Das Konzept trägt langsam Früchte.“
Auch das Berliner Label Haderlump weiß den Standort zu schätzen: „Als Modelabel in Berlin haben wir viel Freiheit, Ideen umzusetzen, die in anderen Städten vielleicht gar nicht erst Beachtung finden würden“, sagt das Team von Haderlump. „Berlin ist zugleich hart und weich, offen und verschlossen, langsam und schnell. Die Stadt lebt von Widersprüchen, die sich perfekt als Inspiration für mutige Mode eignen – es wird nie langweilig. Im Gegensatz zu anderen Städten, die eher „fertig“ und etabliert wirken, ist Berlin unvollendet, und das passt zu uns.“
Selbst die Politik schaut wohlwollend auf die bunte Modebranche. Am Freitag lud das Bundeskanzleramt die Branche zum Empfang, wo Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien und Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Branche zu würdigen. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz gab der Branche kurz die Ehre, bevor er die Ministerpräsident:innen der Baltischen Staaten empfing.
Schade nur, dass aus dem deutschen Handel nach wie vor wenig Resonanz kommt. Viele Labels etablieren sich zuerst in Asien oder den USA, bevor sie in Deutschland wahrgenommen werden. „Ich verkaufe meine Kollektion nur in Japan und in den USA“, sagt etwa der Berliner Designer Vladimir Karaleev stellvertretend für viele weitere Labels. Er präsentierte sich mit seiner Kollektion ebenfalls im Showroom der Fashion Week.
William Fan: Zwischen Schutz und Leichtigkeit
Der Berliner Designer William Fan zeigte in seiner SS27 Kollektion einmal mehr, wie er den Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien und Texturen versteht. Seine Entwürfe zeigten fließende Silhouetten mit vielen Plissees, schwingenden Rüschen und überlangen Ärmeln, die den Looks viel Dynamik verleihen, während aufwendiges Layering für Tiefe und Volumen sorgt. Die Farbpalette bleibt zurückhaltend – viel Schwarz trifft auf Erdtöne und mal ein sanftes Gelb oder helles Grün.
Prägnant sind die Details: Baggypants mit doppeltem Bund wirken bewusst unkonventionell, während Halskrausen als wiederkehrendes Detail Oberteile und Kleider skulptural rahmen. Fans charakteristische Verbindung von Tailoring und fließenden Formen schafft Silhouetten, die den Körper eher umspielen als betonen. Überhaupt scheint die Kollektion weniger an körpernaher Inszenierung als an Schutz und Hülle interessiert. Die Schnitte sind großzügig, inklusiv gedacht und funktionieren über unterschiedlichste Körperformen hinweg – von klassischen Modelmaßen bis hin zu Plus-Size-Silhouetten.
Auch die Grenzen zwischen klassischer Herren- und Damenmode lösen sich auf. Looks aus der Menswear erscheinen selbstverständlich an Frauen, Röcke werden ebenso von Männern getragen.
Taskin Goec: Mode im digitalen Raum
Der Designer Taskin Goec beschäftigt sich seit Jahren mit digitaler Mode. Mit seiner Fashion Show Black Eye entwickelte er diesen Ansatz konsequent weiter präsentierte statt einer klassischen Runway-Show eine audiovisuelle Installation, in der Mode, KI und digitale Bildwelten verschmolzen – ganz ohne Laufsteg, ohne anwesende Models, alles nur per Screen.
Und es zeigte sich: Dieser Verzicht war ein Gewinn, denn er eröffnete neue Möglichkeiten der Inszenierung. Hier behielt der Designer selbst die Blickregie, er bestimmte, worauf die Zuschauenden zu achten hatten: auf einzelne Details, auf Oberflächen, Materialstrukturen und Verarbeitungen. Auch Bewegung wurde zum gestalterischen Element. Wind ließ Fransen, Bänder und Stofflagen schwingen, die Materialien wirkten beinahe lebendig.
Latex, Ledergurte, aus Stoffstreifen bestehende Kleider, grober Strick und aufwendig geschichtete Stoffe treffen in seiner Kollektion aufeinander. Fransen, Bänder und Nieten verstärken die Dynamik der Entwürfe und werfen zugleich die Frage auf, ob sie überhaupt für die physische Produktion gedacht sind.
Andrej Gronau: Spiel mit Erwartungen
Im klassizistischen Ambiente von Schloss Friedrichsfelde präsentierte Designer Andrej Gronau eine weitaus jüngere, exzentrischere Kollektion. Gronaus Entwürfe feiern Mode als Ausdruck von Individualität - sinnlich, humorvoll und bewusst jenseits klassischer Dresscodes.
Im Zentrum stehen starke Materialkontraste und markante Prints. Bedrucktes Leder mit Gieskannenprint oder Katzen- und Mausmotiven treffen auf metallisch schimmernde Oberflächen, auf Lurexgarne, auf Jacken und Röcke mit Kordelzügen und Matelassés.
Auch die Silhouetten spielen mit Erwartungen. Gestrickte Kleider und pinke Satinshorts für Männer unterstreichen den lockeren Umgang mit Gendercodes. Für die Womenswear greift Gronau Anleihen der 1950er-Jahre auf. Weite Tellerkrägen, kurze Bolerojacken und feminine Proportionen werden jedoch nicht nostalgisch interpretiert, sondern in einen zeitgenössischen Kontext überführt. So entsteht eine Kollektion, die Vintage-Referenzen mit einer spielerischen, fast theatralischen Handschrift verbindet.
Marke: Tradition trifft Gegenwart
Mit einer eindrucksvollen Inszenierung machte das Kölner Menswear-Label Marke die Zeit zum zentralen Motiv der Show. Ein vielstimmiges Ticken eröffnete die Präsentation und verwandelte den futuristischen Raum auf dem Berliner Messegelände für einen Moment in einen Ort beinahe sakraler Stille.
Dieses Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart prägt auch die Kollektion. Designer Mario Keine greift historische Kleidungsreferenzen auf und übersetzt sie in eine zeitgenössische Menswear. Gefältelte Renaissance-Pluderhosen erscheinen als voluminöse Ärmel einer Bomberjacke, während Frack und Kummerbund des 19. Jahrhunderts mit einer weiten Jerseyhose kombiniert werden.
Die formale Strenge klassischer Herrengarderobe wird immer wieder aufgebrochen. Weite Hosen, Shorts und Hosenröcke verleihen den Silhouetten Bewegung, klassische Smokinghosen treffen auf ärmellose Seidenhemden. Farblich bleibt die Kollektion reduziert: Weiß- und Cremetöne dominieren, ergänzt durch Grau, Bordeaux und traditionelle Pyjamastreifen. So verbindet Marke historische Codes mit einer modernen, selbstverständlichen Leichtigkeit.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Accessoires: Aus Gedenkmünzen gefertigt, greifen sie das Leitmotiv der Vergänglichkeit auf und übersetzen Zeit in tragbare Objekte.
Unvain: Berliner Coolness mit Biker-Attitüde
Das 2020 von Robert Friedrichs gegründete Label Unvain feiert in der neuen Kollektion starke Looks für Männer und Frauen und spielt dabei mit selbstbewusster Sexiness.
Schmale Lederkleider, deren Oberfläche durch fein eingeschnittene Streifen aufgelöst wird, verleihen dem sonst schweren Material überraschende Bewegung. Daneben setzen knallrote Looks mit Anleihen an klassische Biker-Wear markante Akzente in der Menswear. Eindrucksvoll wirkt ein Kleid aus schwarzen Federn, das sich im Bauchbereich zu transparentem Mesh öffnet und so gekonnt mit dem Wechselspiel von Verhüllen und Enthüllen spielt. Transluzenz bleibt ein wiederkehrendes Motiv, etwa bei einem weißen, transparenten Mantel, der sich wie ein leichter Schleier über die Silhouetten legt.
Denim bildet einen weiteren Schwerpunkt der Kollektion. Verwaschene Jeans treffen auf metallisch glänzende Finishes. Motorradcodes - Leder, Utility-Details und robuste Silhouetten - werden nicht wörtlich zitiert, sondern in eine zeitgemäße, urbane Garderobe übersetzt. Charakteristisch sind zudem Hosen ohne klassischen Bund, die sowohl bei den Damen- als auch bei den Herrenlooks die Hüfte betonen und den Looks eine lässige, unkonventionelle Haltung verleihen.
Barragán: Provokativ und respektlos
Für Gesprächsstoff sorgte die Show von Barragán in der mexikanischen Botschaft. In tiefrotes Licht getaucht inszenierte der mexikanische Designer Victor Barragán eine ebenso verstörende wie energiegeladene Performance, bei der die Grenze zwischen Modenschau und Kunstaktion verschwamm. Models mit blutverschmierten Wunden, Männer mit Clownsnasen sowie halbnackte, glänzende Körper rannten oder taumelten durch den Raum.
Ebenso experimentell präsentierte sich die Kollektion. Ein Hoodie für drei Personen, mit Reißverschlüssen verbundene Armstulpen, die die Arme auf dem Rücken fesseln, bunte Slips für Männer sowie T-Shirts mit dem Schriftzug „Meth“ hinterfragten gängige Vorstellungen von Kleidung und Funktion. Hoodies und Sportswear wurden mit einer queeren, subversiven und respektlos spielerischen Ästhetik aufgeladen. Barragán versteht Mode weniger als tragbare Garderobe denn als gesellschaftliche Ausdrucksform: provokant, überzeichnet und gegen jede Form von Konvention.
Milk of Lime: Fließende Silhouetten und neue Proportionen
Beim deutsch-belgischen Designer-Duo Milk of Lime schien weniger der der Körper, sondern die Bewegung im Mittelpunkt zu stehen. Die Kollektion entwickelt sich über fließende Silhouetten, vielschichtiges Layering und ausdrucksstarke Materialien, die mit jedem Schritt ihre Form verändern. Erdige Naturtöne treffen auf Schwarz und unterstreichen die fast skulpturale Wirkung der Entwürfe.
Die Silhouetten bleiben bewusst schwer greifbar. Weite Hosen mit tief angesetztem Schritt, großzügige Volumen und asymmetrische Schnitte lösen klassische Proportionen auf und verleihen den Looks etwas Fließendes. Nichts wirkt starr, die fließenden Linien verändern sich ständig.
Eine zentrale Rolle spielten die Accessoires. Asymmetrisch drapierte Ketten setzen markante Akzente, während Korsagen über Kleidern die Silhouetten strukturieren. Wickelelemente aus Leder bringen Spannung in die fließenden Formen und schaffen neue Kontraste.
Rebekka Ruétz: Zwischen Military und Glamour
Im Motorwerk Berlin zeigte Designerin Rebekka Ruétz eine klare, nahezu skulpturale Womenswear-Kollektion. Weiß bildet dabei den zentralen Ausgangspunkt, Schwarz fungiert als konsequenter Gegenpol, bis hin zu einzelnen Statement-Pieces wie einem Mantel im schwarz-weiß-Look. Kontrastreich auch die Materialien: Steife Materialien wie Taft und Leder werden ergänzt durch transparenten Strick, etwa bei Tops und langen Strickkleidern.
Bei den Mustern setzt Ruétz auf marmorierten Samt, der unter anderem für ein Abendkleid verwendet wird. Die Silhouetten sind voluminös: weit schwingende Röcke aus weißem Satin oder schwarzem Leder, breite Schultern, überlange Formen – wie etwa Schleppen - sowie bodenlange Röcke aus Taft und Leder bestimmen das Bild.
Zwischen diesen starken Volumen setzen gebrochene Elemente Akzente – Strick in Laufmaschen-Optik, verknotete Hemden als Röcke sowie kragenartige Konstruktionen am Bund. Militärische Anspielungen bleiben subtil, etwa in Form von Khakimänteln mit goldenen Knöpfen. Ergänzt wird dies durch kettenartige Accessoires, die der Kollektion eine feierliche, fließende Anmutung verleihen.
Dagger: Gut gelaunte Streetwear mit vielen Bezügen
Schon im Publikum der Show waren zahlreiche Outfits mit Dagger-Logos zu sehen – ein Zeichen dafür, dass das Label bereits eine Fangemeinde hinter sich versammelt.
Im Zentrum der Kollektion steht eine verspielte, ungewohnt farbintensive Streetwear-Kollektion mit starkem Fokus auf Männerlooks. Sweatshirts, Hemden und Jacken werden mit unterschiedlichsten Farben und Prints kombiniert und erzeugen eine bewusst überladene, collageartige Ästhetik. Hemden aus rot-weißen Dirndl-Stoffen mit Lochstrukturen treffen auf bunte Shorts, türkise Military-Jacken, Surf-Shorts und Hibiskus-Print. Trainingsjacken, Hemden aus Paisley-Spitze und karierte Anzüge in Weiß und Knallblau ergänzen das eklektische Bild.
Die Kollektion spielt konsequent mit Gegensätzen zwischen Form und Farbe, Tradition und Streetwear. Besonders im Menswear-Kontext entsteht so ein ironisch gebrochener Blick auf Männlichkeit, der sich bewusst von klassischen Codes löst. Diademe als Accessoires verstärken diese Überzeichnung zusätzlich und setzten einen spielerischen Akzent.
Haderlump: moderner Historismus
Im Hotel Adlon zeigte das Designerlabel Haderlump eine vielschichtige Kollektion, die klassische Schneiderkunst mit historisch anmutenden Referenzen und neuen Optiken verbindet. Transparente Wollmäntel aus Mohair in Weiß setzen einen leichten, fast schwebenden Auftakt, während löchrige Strickteile und klassische Tuche für spannende Brüche sorgte.
Die Womenswear zeigt beispielsweise bodenlange, voluminöse Kleider aus grauem Tuch, die mal über der Brust gewickelt werden oder schmal auf den Oberkörper geschneidert wurden. Weite Röcke und lange Schleppen betonen klassische weibliche Formen, Moiree-Prints und Denim bilden dazu spannende Kontraste. Historische Anklänge ziehen sich durch die gesamte Kollektion, ohne in Kostümhaftigkeit zu kippen.
In der Menswear dominieren komplexe Konstruktionen: Crinkle-Sakkos mit vielen Knöpfen, deren Aufbau sich nicht sofort erschließt, halblange Jacken mit Schalkragen und Bindegürteln sowie bodenlange Kutten mit Kapuze. Dazu kommen stark gefältelte Ärmel- und Hemdpartien.
Charakteristisch ist die aufwändige Verarbeitung: viele Knöpfe, Verschlüsse und Wickelelemente erzeugen eine fast architektonische Komplexität. Haderlump arbeitet damit an einer Form von Mode, die sich erst im zweiten Blick vollständig erschließt.