Amandine Ohayon: Die Architektin hinter dem Traum von Givenchy

Seit dem Januar steht Amandine Ohayon an der Spitze von Givenchy. Die Absolventin der ESSEC Business School vereint die von ihrer Zeit bei L'Oréal geerbte Strenge, den durch den Kontakt mit Private Equity geschmiedeten Pragmatismus und eine kreative Sensibilität. Ihre Aufgabe ist es, an der Seite von Kreativdirektorin Sarah Burton eines der traditionsreichsten Häuser im Portfolio von LVMH zu stabilisieren.

Ein Porträt einer Führungspersönlichkeit, die „Fehler akzeptiert, aber Lösungen fordert“.

Der Weg zur ‚Wissenschaft des Einzelhandels‘

Mag Luxus auch eine Frage des Träumens sein – Ohayon weiß, dass seine Beständigkeit von einer kompromisslosen Umsetzung abhängt. Das intellektuelle Fundament dafür legte sie an der ESSEC, bevor sie fast zwei Jahrzehntebeim französischen Kosmetikkonzern L’Oréal-Gruppe verbrachte. In der Luxussparte, insbesondere bei Lancôme und YSL Beauté, verinnerlichte sie die ‚Wissenschaft des Einzelhandels‘: die Steuerung internationaler Netzwerke, operative Disziplin und die Kunst, Markenimage und kommerziellen Erfolg perfekt in Einklang zu bringen.

Diese doppelte Expertise aus Kosmetik und Mode erweist sich heute als strategischer Trumpf. Bei Givenchy sind Düfte und Make-up ebenso fundamentale Wachstumstreiber wie die Ready-to-wear. Ihre Fähigkeit, einen echten Dialog zwischen diesen Welten zu stiften, liefert die Antwort auf eine der zentralen Herausforderungen der Markenidentität – ein Talent, das von der Konzernleitung bei ihrer Ernennung ausdrücklich gewürdigt wurde.

Transformation in der Krise

Im Jahr 2018 verließ sie die Welt der Großkonzerne, um sich einer tiefgreifenden Turnaround-Aufgabe zu widmen. Vom Investmentfonds BC Partners für die operative Leitung von Pronovias rekrutiert, musste sie den Weltmarktführer für Brautmode durch eine beispiellose Krise steuern: Die Pandemie hatte den gesamten Event- und Hochzeitsmarkt über Nacht zum Erliegen gebracht. In dieser Phase brach sie starre Silos auf, forcierte die Digitalisierung und etablierte eine inklusivere Vision. Dabei bewies sie die seltene Gabe, akutes Krisenmanagement mit langfristiger strategischer Weitsicht zu vereinen.

Ihre Station bei Stella McCartney zwischen 2023 und 2025 komplettierte dieses hybride Profil. An der Spitze eines Pionierhauses für Nachhaltigkeit schärfte sie ihr Bewusstsein für CSR-Themen und verfeinerte ihr Gespür für die Zusammenarbeit mit meinungsstarken Kreativen. Sie verließ das Unternehmen, als dieses seine Unabhängigkeit zurückgewann, und schloss diese Etappe als erfolgreiche Übergangsmission ab.

Praxisnahe Führung

Ohayons Führungsstil lässt sich in einem Credo zusammenfassen, das sie bereits öffentlich teilte: „Fehler sind erlaubt, solange sie mit einer Lösung einhergehen.“ Für unproduktives Klagen ist hier kein Platz; im Fokus stehen Handeln, Eigenverantwortung und kollektiver Erfolg. Dieser „Hands-on“-Ansatz wird von Weggefährten bestätigt. Nicala La Reau, ehemalige Marketingdirektorin bei Pronovias, beschreibt eine Leaderin, die sich mit derselben Akribie der visuellen Inszenierung im Store widmet wie der globalen Launch-Strategie.

Sie betont Ohayons Hartnäckigkeit, mit der sie Widerstände in Wachstumschancen verwandelt, sowie einen Führungsstil, der unmissverständlich klarstellt: Niemand steht über dem Team. Diese bemerkenswerte Bodenhaftung paart sich mit einer kompromisslosen Kund:innenorientierung, dem gezielten Vorantreiben von Frauen in Führungspositionen und dem Anspruch, kreativen Talenten den Rücken freizuhalten, indem sie ihnen ein solides operatives Fundament bietet.

Die Markenarchitektur neu definieren

Ohayons Antritt erfolgt zu einem Wendepunkt für Givenchy. Das Modehaus ist nicht nur auf der Suche nach einer neuen Ästhetik – es gilt, eine übergreifende Kohärenz zwischen Haute Couture, Ready-to-wear, Accessoires und Beauty wiederherzustellen. Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, nicht nur die Vision von Sarah Burton zu tragen, sondern eine glasklare Markenarchitektur aufzubauen, die Image, Vertrieb und Profitabilität perfekt ausbalanciert. Im Post-2020-Luxusmarkt lässt sich Wachstum nicht mehr allein durch kreative Strahlkraft generieren. Ihr Profil bedient einen fundamentalen Trend der Branche: die Rückkehr von strukturstarken Führungspersönlichkeiten, die eine künstlerische Vision in ein nachhaltiges, wirtschaftliches Ökosystem übersetzen können.

Luxus als Erzählung

Ohayon übernimmt somit ein Traditionshaus auf der Suche nach neuen Impulsen. Ihre Agenda ist klar umrissen: das Erbe von Hubert de Givenchy mit den Ansprüchen einer hochgradig vernetzten Generation von Konsument:innen zu synchronisieren; strategische Kernmärkte durch ihre profunde Kenntnis der USA und Asiens zu sichern; und ein emotionales Erlebnis zu schaffen, das weit über das Produkt hinausreicht, um eine tiefere Markenbindung aufzubauen. Für sie definiert sich moderner Luxus längst nicht mehr nur über ein Logo oder kurzfristiges Begehren, sondern über Storytelling, Stringenz und Haltung.

Die Zahl, die eine Karriere auf den Punkt bringt

Die Zahl, die man im Kopf behalten muss, ist 25: So viele Jahre internationale Luxuserfahrung bringt Ohayon mit, bevor sie die Führung an der Avenue George V übernimmt. Ein Vierteljahrhundert der Vorbereitung auf eine der anspruchsvollsten und prestigeträchtigsten Rollen in der globalen Modewelt.


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