Ein Jahrzehnt Anthony Vaccarello bei Saint Laurent: Eine Retrospektive

Die entscheidenden Momente und die kreative Entwicklung von Anthony Vaccarello während seiner zehnjährigen Tätigkeit als künstlerischer Leiter bei dem französischen Luxusmodehaus Saint Laurent.
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Anthony Vaccarello bei den Filmfestspielen von Cannes, Mai 2019 Credits: LOIC VENANCE / AFP
Von Florence Julienne

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Seit zehn Jahren prägt Anthony Vaccarello als künstlerischer Leiter die Ästhetik von Saint Laurent. Anlässlich dieses Jubiläums blickt FashionUnited auf die wichtigsten Stationen seiner bisherigen Zeit an der Spitze des französischen Modehauses zurück – von seiner ersten Kollektion bis zur Erweiterung der Marke über die Mode hinaus.

April 2016: Anthony Vaccarello tritt die Nachfolge von Hedi Slimane an

Es war eine risikoreiche Nachfolge. Hedi Slimane galt nach seinem Erfolg als Creative Director bei Dior Homme als kaum zu ersetzende Größe und setzte seinen Erfolg auch als Chefdesigner von Saint Laurent fort. Zu Beginn seiner Zeit bei dem französischen Luxusmodehaus veränderte er die Marke grundlegend und nachhaltig: Er strich den Vornamen „Yves“ aus dem Markennamen und verlieh Saint Laurent seine charakteristische Rock-Ästhetik. Zugleich verband er seinen gestalterischen Kurs mit großem wirtschaftlichem Erfolg.

Unter Slimane stieg der Umsatz von Saint Laurent nahezu auf das Dreifache. Er erhöhte sich von 353,7 Millionen Euro im Jahr 2011, dem Jahr vor seinem Amtsantritt, auf 974 Millionen Euro im Jahr 2015, wie aus den Jahresberichten des Luxusgüterkonzerns hervorgeht.

Als Vaccarello die Nachfolge antrat, war er gerade 34 Jahre alt. Er schloss sein eigenes Label, um sich vollständig Saint Laurent zu widmen. Seine prägendste Erfahrung bei einem größeren Modehaus hatte er zuvor als Kreativdirektor von Versus Versace gesammelt.

September 2016: Anfänge in den Fußstapfen seiner Vorgänger

Seine erste Show für die Frühjahr/Sommer-Saison 2017 wurde entsprechend mit Spannung erwartet und von der Modewelt aufmerksam verfolgt. Vaccarello knüpfte zunächst an die Ästhetik seines Vorgängers an und setzte auf Schwarz, Leder und Transparenz. Gleichzeitig griff er auf Elemente aus der Geschichte des Hauses zurück und orientierte sich am ursprünglichen Couturier Yves Saint Laurent. Smoking, markante 80er-Jahre-Schultern, Leopardenmuster, Goldlamé sowie das YSL- beziehungsweise Cassandre-Monogramm fanden ihren Weg in seine erste Kollektion für das Haus.

September 2017: Anthony Vaccarello inszeniert den Eiffelturm

Saint Laurent SS26 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Für die Show der Kollektion Frühjahr/Sommer 2018 ließ sich Anthony Vaccarello am Trocadéro nieder, mit dem beleuchteten Eiffelturm als Kulisse. Diese erste visuelle Handschrift inszenierte den internationalen Einfluss der Marke: Saint Laurent ist Paris, Paris ist Saint Laurent.

Oktober 2017: Betty Catroux, das Treffen, das alles erklärt

Der entscheidende kreative Impuls kam für Anthony Vaccarello offenbar mit der Begegnung mit Betty Catroux, der Muse und engen Freundin von Yves Saint Laurent. Der damalige junge künstlerische Leiter traf Catroux im Oktober 2017 bei der Eröffnung des Yves Saint Laurent Museums in Marrakesch. Die Begegnung sollte Vaccarellos Verständnis für die Welt und Ästhetik des französischen Modeschöpfers nachhaltig prägen.

„Sie ist Saint Laurent, so wie sie atmet. Ihre Anziehungskraft, ihr Geheimnis, ihre skandalöse Seite, eine schwer fassbare und begehrenswerte Gefahr – all das trägt zur Aura dieses Hauses bei“, erklärte Vaccarello. „Man versteht das Ausmaß erst, wenn man Betty trifft.“ Dies sagte er im Rahmen einer Ausstellung, die dieser Muse im Jahr 2020 im Yves Saint Laurent Museum in Paris gewidmet war.

2019: Die Gründung von Saint Laurent Rive Droite

Saint Laurent in Hamburg Credits: Saint Laurent

Wie einst das Duo Saint Laurent/Bergé die Pariser Rive Gauche verkörperte, machte sich auch Vaccarello einen Teil der Pariser Kulturlandschaft zu eigen: die Rive Droite. Damit erweiterte er das Universum der Marke über die Mode hinaus und entwickelte Saint Laurent zunehmend zu einer Lifestyle-Marke.

Bereits zu Beginn seiner Amtszeit öffnete Vaccarello das Haus für Kunst, Fotografie, Musik und Design und setzte auf unterschiedliche Kooperationen. Als eine Art Dirigent prägte er dabei auch das architektonische und konzeptionelle Projekt Saint Laurent Rive Droite und verlieh ihm seinen Namen. Damit griff er zugleich eine Entwicklung auf, die Yves Saint Laurent selbst gegen Ende seiner Karriere pointiert zusammenfasste: „Ich bin nur ein Name. Ein Parfüm, ein Lippenstift, eine Strumpfhose.“

Februar 2020: Sinnlichkeit im Herzen der Saint-Laurent-Frau

Show Herbst/Winter 2020/2021 Credits: Saint Laurent

Am Vorabend der Covid-19-Krise präsentierte Vaccarello eine von Rot dominierte Kollektion. Die intensive Farbe wirkte dabei beinahe vorahnend und sollte sich kurz darauf in einem völlig veränderten gesellschaftlichen Kontext wiederfinden. Für Herbst/Winter 2020/2021 entwarf er eine Saint-Laurent-Frau, deren glühendes Rot für eine bürgerliche Frau steht, die der Monotonie ihres Alltags mit leidenschaftlichen Nächten entflieht.

Klassische Jacken, Schluppenblusen, Spitze, Vinyl und Latex prägten die Kollektion und rückten die charakteristische Sinnlichkeit der Saint-Laurent-Frau in den Mittelpunkt. Zwischen Glamour und Provokation entwickelte Vaccarello daraus eine Bildsprache, die sich auch in den Kampagnen des Hauses konsequent fortsetzte.

Juli 2022: Eine Herrenmode-Garderobe an der Schnittstelle der Geschlechter

Saint Laurent Frühjahr/Sommer 2027, Herrenmode. Credits: ©Launchmetrics/spotlight.

Ab Frühjahr/Sommer 2023 entwickelte der künstlerische Leiter den Saint-Laurent-Mann weiter. Für den Entwurf seiner Garderobe griff er erneut auf das Erbe von Betty Catroux und ihren maskulin-femininen Stil zurück. Schluppenblusen, direkt auf der Haut getragene Jacken, Leopardenmuster, weiche Stoffe, Drapierungen, Asymmetrien, transparente Hemden und fließende Hosen sind allesamt Erkennungszeichen der für die Marke nunmehr typischen dekonstruierten Männlichkeit.

2022: Saint Laurent überschreitet die Drei-Milliarden-Euro-Marke

Sechs Jahre nach dem Eintritt von Anthony Vaccarello als künstlerischer Leiter überschritt Saint Laurent erstmals die Umsatzschwelle von drei Milliarden Euro. Der Umsatz erreichte 2022 3,3 Milliarden Euro, verglichen mit 1,22 Milliarden im Jahr 2016. Gleichzeitig überstieg das wiederkehrende Betriebsergebnis eine Milliarde Euro bei einer Marge von 30,9 Prozent.

2023: Vaccarello investiert mit Saint Laurent Productions ins Kino

Emilia Perez / Golden Globes 2025 Credits: Saint Laurent Productions

Als erstes Couture-Haus, das sich in die Filmfinanzierung wagte, begann Saint Laurent unter Vaccarello mit dem Kurzfilm „Strange Way of Life“ des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar.

Seinen vielleicht größten Coup landete das Haus bei den Filmfestspielen von Cannes 2023, wo gleich drei von Saint Laurent finanzierte Filme im Wettbewerb liefen. Darunter war „Emilia Pérez“ von Jacques Audiard, der in Cannes mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter den Preis der Jury und den Preis für die beste Darstellerin.

Die Verbindung von Mode und Film sorgte zugleich für Diskussionen. Kritiker:innen merkten an, dass die Kostüme und die stark polierte Ästhetik die Grenzen zwischen den künstlerischen Entscheidungen der Regisseur:innen und der Markeninszenierung verwischen könnten. Ein Beispiel dafür ist das berühmte Rive-Gauche-T-Shirt, das Selena Gomez in „Emilia Pérez“ trägt.

Vaccarello hat damit eine neue Form der Verbindung von Mode und Kino etabliert, die weit über klassische Produktplatzierungen hinausgeht.

2026: Zehn Jahre und eine selten gewordene Stabilität

Vaccarello blickt auf zehn Jahre an der Spitze von Saint Laurent innerhalb der Kering-Gruppe zurück, eine bemerkenswerte Langlebigkeit in einer Branche, in der andere große Luxusmarken ihre kreativen Spitzenpositionen in dieser Zeit neu besetzen mussten. Allein diese Beständigkeit spricht für die Bedeutung, die Vaccarello für das Haus gewonnen hat.

Anthony Vaccarello
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