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Madame Carven stirbt im Alter von 105 Jahren

Von Regina Henkel

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Die französische Modeschöpferin Marie-Louise Carven war eine der bedeutendsten Designerinnen der Nachkriegszeit. Sie starb am Montag im Alter von 105 Jahren in ihrem Pariser Stadthaus.

Madame Carven, wie sie hauptsächlich genannt wurde, war die Grande Dame der Pariser Mode. 1909 in Westfrankreich geboren, eröffnete sie 1945 ihr erstes Geschäft „Maison Carven“ am Rond-Point des Champs Élysées und machte eine Mode, die sich bewusst dem Kriegstrauma entgegenstellte und mit Enthusiasmus in die Zukunft blickte. Ihre Handschrift war ein frischer, selbstbewusster Stil, der vor allem bei den jungen Pariserinnen schnell für Begeisterung sorgte. Selbst nur 1,55 Meter groß, war es ihr ein stetes Anliegen gewesen, speziell für kleine, zierliche Frauen elegante Mode zu kreieren. Dass so etwas überhaupt möglich sein könne, soll ihre Mutter immer bestritten haben.

Carven, die eigentlich Carmen de Tommaso hieß und den Namen ihres Modehauses gleich zu ihrem eigenen Pseudonym machte, kreierte zunächst nur Haute Couture, denn Prêt-à-porter gab es damals noch nicht. Dennoch verstand sie ihre Mode nicht als elitär und lehnte auch jeden Starrummel ab, wie ihn z.B. Designerkollegen wie Christian Dior betrieben. Wie sie ihre Mode verstand, zeigte sie schon auf ihrer Einladungskarte zur Eröffnung des ersten Geschäfts 1945: Anstelle von pompösen Abendroben zierte die Karte nur eine verspielte Illustration, die ein junges Mädchen auf einem Fahrrad mit einem Anhänger voller Schneiderutensilien zeigt. Ebenso schlicht und grafisch war auch ihr Markenzeichen, die grün-weißen Blockstreifen.

Die 1950er Jahre bedeuteten für die Mode jedoch den Aufbruch in ein neues Zeitalter. Die Haute Couture, bis dahin alleinige Autorität in Modefragen, schien nicht mehr in die neue Zeit mit ihrem praktisch orientierten Lebensstil und dem gesteigerten Tempo zu passen. Mit der Entstehung der Konfektion, gehörte Carven zu den ersten, die mit der Lancierung einer günstigeren Zweitlinie die Mode demokratisieren wollte. Als 1955 „Carven Junior“, wie die Zweitlinie hieß, auf den Markt kam, bezeichnete sie ihren Schritt als ihre „moralische Pflicht“. Sie empfand es als ungerecht, dass sich nur die wohlhabenden, meist älteren Frauen einen eleganten Stil leisten konnten.

Ihr Studium der Architektur an der Ecole des Beaux-Arts schulte ihren Blick für eine klare, präzise Linienführung. Ihre Mode bezog sich nicht nur auf offizielle oder festliche Anlässe, sondern hatte auch den Alltag im Blick. So gehörten auch Sportmode zum Skifahren oder Schwimmbekleidung zu ihrem Repertoire. 1965 entwarf sie die erste Uniform für die Fluglinie SAS, 1978 folgte die Uniform für die Air France.

Wie modern sie in Sachen Marketing war, bewies sie von Anfang an: Als 1954 der zehnte Jahrestag der Befreiung von Paris gefeiert wurde, flogen Proben ihres Parfums an kleinen Fallschirmen vom Himmel herab. Schon in den 1960er Jahren reiste sie nach Asien, Uruguay oder Chile, um dort ihre Mode zu präsentieren.

Nach fast 50 Jahren in der Mode, zog sie sich 1993 aus dem Geschäft zurück. Mit zahlreichen hohen Auszeichnungen wurde sie in den letzten Jahren geehrt. 2002 feierte das Pariser Modemuseum Palais Galliera ihr Lebenswerk mit einer Einzelausstellung. Die Marke Carven wechselte seither mehrmals den Besitzer. Sie wird seit einigen Jahren von Henri Sebaoun erneuert und kam dank der kreativen Finesse von Designer Guillaume Henry zu neuem Erfolg. Seit März dieses Jahres haben Alexis Martial & Adrien Caillaudaud das Design von Carven übernommen.

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