Patric Spethmann: der CEO, der Marc Cain in die Zukunft führt

Nach sieben Jahren als Chief Operating Officer des Modekonzerns Marc O’Polo übernimmt Patric Spethmann die Rolle des CEO beim Wettbewerber Marc Cain – mit der Aufgabe, das Vermächtnis des Gründers Helmut Schlotterer in die Zukunft zu führen.

Der Chief Operating Officer

Seit Anfang Juni arbeitet Spethmann in der Bodelshausener Marc Cain-Zentrale. Der 47-Jährige traf dort nicht als Unbekannter in der deutschen Modebranche ein, sondern als jemand, der fast ein Jahrzehnt damit verbracht hat, diese von innen heraus effizienter zu gestalten.

Frühe Stationen bei den Handelskonzernen Tchibo und der Otto Group vermittelten dem Hanseaten ein grundlegendes Verständnis für die Dimensionen und die Komplexität des Einzelhandels. Später baute er als Chief Operating Officer (COO) bei der Einrichtungskette Depot, offiziell Gries Deco Company, die internationale Logistik- und IT-Infrastruktur aus und führte das Team 2017 zum Gewinn des Supply Chain Management Award für ein cloudbasiertes Auftragsverfolgungssystem.

Im Sommer 2019 wechselte er vom Wohnaccessoires-Händler zu Marc O’Polo, um die digitale Transformation voranzutreiben – inklusive Neuausrichtung der Logistik. Nach sieben Jahren bei dem Stephanskirchner Modeanbieter sah der vormalige Chief Operating Officer seine Aufgabe als getan an. Dafür spricht auch, dass das Unternehmen selbst entschied, die damals eigens für ihn geschaffene Rolle nach seinem Weggang nicht nachzubesetzen.

„Meiner Ansicht nach muss man als Chief Operating Officer zwischen fünf und acht Jahren seine Ziele erreicht haben, also mit Hochdruck an die Themen rangehen und die Veränderung herbeiführen”, sagte Spethmann im Gespräch mit FashionUnited.

Die Frage ist nun, ob ein Mann, dessen Karriere von ergebnisorientierter Transformation geprägt ist, auch zum öffentlichen Gesicht und strategischen Impulsgeber einer der international bekannteren deutschen Damen-Marken werden kann.

Der Teamplayer

Die bisherigen öffentlichen Auftritte von Spethmann drehen sich um technische Themen: darunter eine Fallstudie über die Ersetzung von fragmentierten Altsystemen an Planungssoftware mit cloud-basierter Infrastruktur oder eine Podcast-Folge über den vergangenen Cyberangriff bei Marc O’Polo. Auffallend ist die Leichtigkeit und Klarheit, mit der er das letztere Thema kommunizieren kann – nicht nur in den technischen Feinheiten, sondern auch, was es für Unternehmen und Mitarbeitende künftig bedeutet.

Das große Ganze im Blick haben, komplexe Probleme abstrahieren und auf den Punkt bringen, transparent und authentisch kommunizieren können, all das sind Fähigkeiten, die Spethmann als äußerst wichtig in der Rolle des CEO erachtet.

„Ich war immer der festen Überzeugung, dass eine Führungsaufgabe – egal ob CEO, COO oder Director – eine Kommunikationsaufgabe ist. Es ist eine Frage von Haltung, Richtung, Entscheidung, von Miteinander und Team-Gedanken”, sagt er.

Im Gespräch mit Patric Spethmann wird schnell deutlich, dass der Manager sich als Teamplayer sieht. Als Führungskraft, deren Stärke darin besteht, eine Mannschaft aus unterschiedlichen Charakteren zu formen und weiterzuentwickeln. Bis heute kontaktieren ihn ehemalige Kolleg:innen und bitten ihn um Rat für den nächsten Karriereschritt.

„Potenziale zu entdecken, zu fördern, ihnen Raum zu geben, sich gegenseitig Vertrauen zu schenken und zu wachsen”, erzählt Spethmann. „Dieses Gefühl, dass etwas von meiner Tätigkeit bleibt und ich jemanden mitprägen konnte, ist erfüllend für mich.”

Das Lebenswerk

Bei Marc Cain will sich Spethmann in seinen ersten drei Monaten – wie in seinen bisherigen Stationen – einen Überblick über das Unternehmen verschaffen. Viele C-Level-Manager:innen versuchen einen möglichst objektiven Eindruck am Anfang zu bekommen, bevor sie ihre Strategien entwickeln und umsetzen. Zum jetzigen Zeitpunkt will sich der frischgebackene Chef daher über konkrete Pläne noch nicht äußern.

Das 1973 von Helmut Schlotterer gegründete Unternehmen hat sich von einer kleinen Strickwarenfabrik im italienischen Carpi zu einer Marke mit 853 Mitarbeitenden entwickelt. Der Jahresumsatz lag laut eigenen Angaben bei zuletzt 240 Millionen Euro.

Marc Cain gehört zu den wenigen Unternehmen, die noch Produktionsstandorte in Deutschland betreiben – angefangen bei den maßgeschneiderten Hightech-Strickmaschinen bis hin zum selbst entwickelten Printprozess mit speziell entwickelten Reaktivfarbstoffen.

Der Einstieg von Spethmann markiert eine entscheidende Phase für Marc Cain. Der Modemarkt befindet sich im strukturellen Wandel. Das Kaufverhalten der Menschen verändert sich angesichts von einem Überangebot an Kleidung und Inflation. Gleichzeitig müssen Unternehmen in existenzielle neue Technologien investieren, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben, analysiert er. Zudem will sich der Firmengründer Schlotterer schrittweise aus dem Unternehmen zurückziehen.

Nach einer Phase von rapiden Wechseln in der Vorstandsetage hielt der mittlerweile 79-jährige Gründer bis zuletzt die Zügel fest in der Hand. Vor dem Antritt Spethmanns saß neben ihm nur noch Vertriebschef Dirk Büscher in der Geschäftsleitung. Bis der neue CEO eingearbeitet ist, bleibt Schlotterer Chairman of the Board.

„Vornehmlich für die Einarbeitung von Patric Spethmann und als Coach und Berater“, sagte Schlotterer in einer Mitteilung im Dezember. „Zusammen werden wir die Weichen stellen, um unsere Marke und Werte zu erhalten sowie strategisch weiter voranzutreiben.”

Die Weichen

Von seinen bisherigen Stationen wie Depot und Marc O’Polo kennt der neue CEO das Arbeiten in inhabergeführten Unternehmen gut. An Marc Cain hat Spethmann die Kombination aus “Kreativität, Qualität und Fortschrittsdenken” gereizt.

„Ich habe hohen Respekt vor Herrn Schlotterer, vor seinem Lebenswerk – vor seinem Verständnis, wohin sich ein Unternehmen entwickeln muss, damit es auch zukünftig relevant ist”, sagt der Marc-Cain CEO. „Hier sind wir uns absolut einig und ticken ähnlich.”

Vor drei Jahren hat Schlotterer bereits begonnen, die Weichen zu stellen. Er hat das Unternehmen als Stiftung an seine Mitarbeitenden übergeben. Durch die Vermachung des Firmen- und Privatvermögen an die Beschäftigten hofft der Gründer sein Lebenswerk ohne eine Veräußerung an Dritte in die Zukunft zu führen.

Das Modell sieht etwa so aus: Die Beschäftigten bekommen Stimmrechte an der Stiftung, die von einem Betriebsrat geführt werden soll, der aus aktiven Führungskräften besteht. Wie hier die künftige Firmen- und Führungsstruktur mit Spethmann genau aussehen soll, will Marc Cain lieber zu einem späteren Zeitpunkt kommunizieren.

Die Zukunft

Das Unternehmen ist in 57 Ländern vertreten und zählt über 119 eigene Geschäfte und Partnergeschäfte, fünf Outlets und mehr als 1000 Verkaufspunkte weltweit. Jüngst eröffnete der erster Store in Mexiko und erfolgte eine strategische Neuausrichtung in den USA. Trotz dieser Internationalisierungs-Initiativen bewegte sich der Umsatz in den vergangenen Jahren aber auf einem gleichbleibenden Niveau.

In diesem Zusammenhang erscheint es vielsprechend, dass Spethmann von Marc O’Polo kommt, einem Modeunternehmen das seinen Umsatz entgegen dem Branchentrend in den vergangenen fünf Jahren um 60 Prozent auf 630 Millionen Euro steigerte. Auf die Frage, ob das für seine Ernennung zum CEO sprach und ob seine Erfahrungen übertragbar seien, beschwichtigt er, dass er nur als einer von fünf Vorständen zum Erfolg beigetragen habe.

Außerdem bewege sich Marc O’Polo mit seiner Positionierung zwischen Mainstream und Premium in einem anderen Mode-Segment. „Das ist per se die gleiche Branche, aber ein anderes Geschäft. Marc Cain sei ganz klar im Premiumsegment. Es funktioniert anders, die Kundschaft tickt anders, das kann man sicherlich nicht eins zu eins übernehmen”, erklärt er. „Natürlich gibt es ein paar grundsätzliche Themen, um Wachstum zu erreichen und dabei die Effizienz zu steigern.”

Klar ist, dass seine erwiesenen Fähigkeiten in der Überholung von Altsystemen, sicherlich auch bei Marc Cain gefragt sein werden. Schlotter will mithilfe von Spethmann das Unternehmen für die Zukunft aufstellen, um schnell und effizient auf die Herausforderungen der dynamischen Modebranche reagieren.

„Herrn Schlotterer und mir ist klar, um was es hier geht”, betont der Geschäftsführer. „Es geht nicht nur darum, einen neuen CEO zu besetzen, sondern sein Lebenswerk fortzuführen, sodass es in Zukunft weiterhin wachsen wird. Und das wissen wir beide.”


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