Ben And denkt Agentur neu: CEO Mark Weerts über Beratung, Wachstum und warum Mode ‘Hoffnung’ verkauft
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Mark Weerts, CEO der Münchner Modeagentur Ben And, ist nicht über den klassischen Weg in die Branche gekommen. Genau das prägt auch seinen Führungsstil: pragmatisch, hands-on und konsequent an der Realität des Marktes orientiert. Seit drei Jahren verantwortet Weerts die operative und strategische Weiterentwicklung der Agentur mit einem klaren Fokus auf Strukturen, Skalierbarkeit und Wachstum.
Im Gespräch mit FashionUnited erläutert er, wie Ben And die Beratungssparte gezielt ausgebaut hat, warum saubere Prozesse für Wachstum unverzichtbar sind und weshalb Community-getriebene Marken wie Oh April für ihn ein zentrales Zukunftsmodell im Wholesale darstellen.
Wachstum braucht Struktur, Vertrieb braucht Wiederholbarkeit
Als Weerts zu Ben And kam, befand sich das Unternehmen bereits in einer starken Wachstumsphase, allerdings mit typischen Nebenwirkungen. Abläufe und Entscheidungsprozesse funktionierten für eine kleinere Organisation, waren jedoch nicht auf Skalierung ausgelegt. Genau an diesem Punkt setzte Weerts an: Teams wurden neu strukturiert, Abteilungen aufgebaut, der Tech-Stack erweitert, HR und IT professionalisiert, Merchandise Control etabliert und Sales Analytics stärker im Tagesgeschäft verankert. Wachstum sollte nicht nur ermöglicht, sondern steuerbar gemacht werden. „Mittlerweile hat sich der Umsatz verdoppelt und das Ergebnis um den Faktor drei bis vier verbessert“, sagt Weerts.
Besonders im Vertrieb sei Wiederholbarkeit entscheidend. Wie lässt sich sicherstellen, dass alle nach denselben Standards arbeiten, die richtigen Accounts priorisieren und Ergebnisse transparent dokumentieren? Für Weerts liegt die Antwort klar in Prozessen und Systemen.
Beratung als Brücke in den B2B-Markt
Ein zentraler strategischer Schritt unter Weerts ist der gezielte Ausbau der Beratungssparte. Als Marktführer ist Ben And ein natürlicher Anlaufpunkt für Marken, die in den Wholesale einsteigen wollen. Doch nicht jede Marke ist dafür bereit – meist nicht wegen des Produkts, sondern aufgrund fehlender Strukturen. Logistik, ERP, Timings, Organisation und Finanzierung sind entscheidende Faktoren. B2B erfordert operative Reife.
Genau hier setzt die Beratung an. Weerts beschreibt sie als zweigleisig: Einerseits fließt die Erfahrung von Führungskräften ein, die selbst Unternehmen geführt und skaliert haben. Andererseits ist die Beratung eine eigenständige Business Unit mit klarem strategischem Nutzen. Im Fokus steht, Marken so zu positionieren, dass sie schnell und einfach ins B2B einsteigen können, egal, ob die Distribution später über Ben And läuft oder nicht.
Best Practice Oh April: Momentum in Struktur übersetzen
Ein zentrales Beispiel ist Oh April, ein mehrjähriges Projekt, bei dem Weerts zeitweise auch als Interim-CEO involviert ist. Die Marke bringt ein starkes Asset mit: Community-Power. Gründerin und Influencerin Carmen Kroll erreicht mit ihrer Nahbarkeit und Reichweite rund 1,2 Millionen Follower:innen.
Gleichzeitig zeigte der Case, wo viele schnell wachsende Marken an Grenzen stoßen. ERP-Prozesse, Logistik, Qualitätsmanagement, klare Rollen und Entscheidungswege waren nur rudimentär vorhanden. Die Aufgabe der Beratung bestand deshalb nicht darin, weitere Ideen zu liefern, sondern Momentum in belastbare Strukturen zu übersetzen. Heute verfügt Oh April über ein ERP-System, professionalisierte Prozesse, ein deutlich ausgebautes B2B-Geschäft und mehrere hundert angebundene Handelspartner:innen.
Warum Community heute der größte Hebel ist
Aus Weerts’ Sicht verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsvorteil in der Modebranche zunehmend weg von reinem Produkt- oder Preisdenken. Früher habe das beste Produkt gewonnen, später der günstigste Einkauf. Heute beginne Differenzierung bei Endverbraucher:innen – über Community, Vertrauen und Zugehörigkeit. Marken, die bereits eine aktive Community mitbringen, erzeugen im Wholesale schneller Traktion. Händler:innen brauchen neue Frequenz und neue Zielgruppen. Genau hier können Community-getriebene Brands ansetzen, vorausgesetzt, sie sind operativ „ready“ und können die Komplexität eines B2B-Modells tragen.
Ein Satz, der Weerts über die Jahre im Gedächtnis geblieben ist, beschreibt die Branche treffend: „In der Mode verkauft man Hoffnung.“ Gemeint ist die Hoffnung, neue Kund:innen zu erreichen, Kollektionen erfolgreich zu platzieren und Investitionen wirksam zu machen. Dies prägt auch seinen Blick auf Ben And: Chancen mit Struktur, Service und gezielten Investitionen in Systeme, Menschen und Kultur organisieren, statt defensiv zu verwalten. Nach innen wie nach außen geht es darum, Positivität zu vermitteln und zu zeigen, „dass es immer wieder Chancen gibt“, auch in einer Branche, die selten einfach ist.