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Studie zum Textilrecycling: „Europa wird den Weg weisen“

Von Simone Preuss

15. Juli 2022

Business

Bild: Reverse Resources

Dass Europa ein massives Problem mit Textilabfällen hat, ist inzwischen bekannt - derzeit fallen 7 bis 7,5 Millionen Tonnen jährlich an (hauptsächlich in Privathaushalten), aber nur etwa 30 bis 35 Prozent werden getrennt gesammelt und weniger als 1 Prozent Textilmüll wird derzeit zu neuer Kleidung recycelt.

Die europäische Abfallgesetzgebung will das ändern, und dementsprechend müssen alle EU-Mitgliedstaaten in den nächsten 2,5 Jahren Textilabfälle getrennt sammeln. Während einige Länder bereits Systeme entwickeln, um die Herausforderung der Abfallsammlung zu bewältigen, gibt es derzeit keinen groß angelegten Plan für die Verarbeitung dieser Abfälle.

Hier setzt die neue Studie  „Scaling textile recycling in Europe – turning waste into value“ von McKinsey & Company an, die auch mit Euratex’ ReHubs-Initiative zusammen arbeitet, die bis 2030 das Faser-zu-Faser-Recycling für 2,5 Millionen Tonnen Textilabfälle anstrebt.

Ein Fünftel des Textilabfalls könnte zu neuer Kleidung werden

Laut der McKinsey-Studie könnte aus mindestens einem Fünftel des Textilabfalls neue Kleidung werden und eine Kreislaufwirtschaft für Textilien könnte bis 2030 15.000 neue Jobs in Europa schaffen und eine Marktgröße von 6 bis 8 Milliarden Euro erreichen. Dafür wären jedoch Anstoß-Investitionen in Höhe von 6 bis 7 Milliarden Euro nötig.

In einem Webinar am Donnerstagabend stellten die Autoren der Studie Karl-Hendrik-Magnus, Jonatan Janmark und Nikolai Langguth begleitet von Expertin Moa Strand aus Stockholm Szenarien vor, wie sich das Textilmüllvolumen sowie Sammel- und Recyclingraten bis 2030 entwickeln werden. Sie zeigten auch die Potenziale der Recyclingindustrie in Europa auf und gaben sich positiv: „Europa wird den Weg für die Welt weisen“ war das Fazit.

„Wenn das volle technische Recyclingpotenzial genutzt und mehr Textilien gesammelt würden, könnten bereits im Jahr 2030 zwischen 18 und 26 Prozent des Textilmülls für die Herstellung von neuen Kleidungsstücken wiederverwertet werden“, sagte Magnus, Senior Partner und Leiter der Modeindustrieberatung bei McKinsey in Deutschland. „Ein skaliertes Textilrecycling würde nicht nur vier Millionen Tonnen CO2 einsparen, sondern auch einen profitablen Wirtschaftszweig mit 15.000 Jobs in Europa schaffen.“

Bild: Closing the Loop / McKinsey & Company

Wert schaffen durch Recycling

Die Autoren der Studie betonten, dass der Ausbau der textilen Wertschöpfungskette - also das textile Recycling - nicht nur soziale und ökologische Vorteile hat, sondern auch wirtschaftliche. Daher beantworteten sie die Frage, die von den Teilnehmer:innen gestellt wurde, ob diese Wertschöpfungskette ausreichend monetarisiert und profitabel werden könne mit einem klaren ‘ja’.

„Die Investition ins Fiber-to-fiber-Recycling lohnt sich nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen. Es können beim Recycling neue Rohmaterialien entstehen, die mehr Modeproduktion in Europa ermöglichen würden. Dadurch könnte diese Recyclingindustrie sogar noch mehr Wert generieren“, so Janmark.

Um das volle Potenzial des Textilrecyclings nutzen zu können, werden insgesamt jedoch etwa 6 bis 7 Milliarden Euro an Investitionen bis 2030 benötigt, die in der gesamten Wertschöpfungskette wie beim Sammeln, Sortieren und dem Aufbau von Recyclingfabriken gebraucht werden.

Bild: notwendige Recyclingbetriebe bis 2030 / McKinsey & Company

Herausforderungen

Es gibt allerdings auch eine Reihe von Herausforderungen zu meistern - zum einen die massive Fragmentierung des Ausgangsmaterials und die Tatsache, dass es sich größtenteils um Mischfasern handelt. Diese stellen immer noch ein Problem dar, da die Fasersortierung derzeit noch weitgehend manuell geschieht und unausgereift ist. Hier muss technisch aufgerüstet und eine größere Automatisierung erzielt werden. „Dies ist jedoch kein Weltuntergang, sondern bedeutet große Chancen“, sind sich die Autoren einig.

Eine Zahl, die die Teilnehmer:innen beeindruckte, war ein Anteil von 70 Prozent an Faser-zu-Faser-Recycling, der bis 2030 möglich sein sollte. Dieser ergab sich aus einer tiefgreifenden Analyse der Autoren, bei der die derzeitige Art der im Umlauf befindlichen Textilien und ihre Zusammensetzung berücksichtigt wurde.

„Dieses so genannte Fiber-to-fiber-Recycling, bei dem aus Textilfasern neue Fasern für Mode hergestellt werden, stellt die nachhaltigste Möglichkeit dar, um aus Müll etwas Neues mit Wert zu generieren“, erklärt Janmark. Dazu könnte die Sammelrate bis 2030 auf 50 bis 80 Prozent gesteigert beziehungsweise die Kreislaufwirtschaft, die aus Textilabfall neue Fasern für Mode produziert, auf 18 bis 26 Prozent skaliert werden. Derzeit beträgt sie weniger als 1 Prozent. 

Recyclingtechnologien

Möglich wird diese Entwicklung hin zur Kreislaufwirtschaft durch neue Technologien, wie etwa das mechanische Recycling von Materialien wie Baumwolle, das thermo-mechanische Recycling, bei dem Polymere entstehen, sowie chemisches Recycling für die Wiederverwertung von Polyester, das aktuell im Teststadium ist. Thermo-chemisches Recycling ist ebenfalls eine Möglichkeit, bei der Syngas entsteht.

Bild: Recyclingarten / McKinsey & Company

Bei jeder Technologie ist auch die Energieeffizienz und die Möglichkeit, eine Neuware-ähnliche Qualität zu erzeugen zu berücksichtigen, die sich oft antiproportional verhält. „Hier ist die gute Nachricht, dass die verschiedenen Arten von Recyclingtechnologien und -innovationen nicht miteinander konkurrieren, sondern dass wir sie alle brauchen“, erklärt Langguth.

„Allerdings steht das Sammeln und die Aufbereitung der Altbekleidung und -textilien durch fragmentierte, kleinteilige Strukturen und noch meist manuelle Arbeitsvorgänge immer noch vor großen Herausforderungen. Kleidungsabfälle müssen nach Qualitätskriterien sortiert, Knöpfe und Reißverschlüsse entfernt und Faserzusammensetzungen eindeutig identifiziert werden. Viele Produkte aus Mischfasern stellen noch ein ungelöstes Problem für Fiber-to-fiber-Recycling dar“, so die Studie.

Stichwort Nearshoring

Hier ist Nearshoring das Stichwort und eine Möglichkeit für Europa, sollte das Recycling doch stattfinden, wo das Abfallmaterial auch anfällt. Danach kann das recycelte Material weitergeleitet werden - etwa zur Verarbeitung nach Asien - da der Transport nach dem Recyclingprozess effizienter ist

Letztendlich fragten sich die Teilnehmer:innen des Webinars - darunter Marken, Investor:innen und Regierungsorganisationen - ob Verbraucher:innen bereit seien, sich zu engagieren und mehr für recycelte/nachhaltige Produkte zu zahlen. Hier ergibt sich ein Gefälle nach Zielgruppe: Je jünger, desto höher die Bereitschaft, nach recycelbaren oder nachhaltigen Materialien zu suchen und sie zu kaufen. Hier wird auch das zirkuläre Design eine große Rolle spielen.

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