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Die Relevanz von Fachmessen und Innovation in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit

Eine jüngst von Messe Frankfurt organisierte Podiumsdiskussion befasste sich mit der Frage, wie Fachmessen wie Techtextil und Texprocess Vernetzung und den Austausch von Ideen ermöglichen.
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KI-generiertes Bild zur Illustration. Bild: FashionUnited
Von Simone Preuss

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Eine Podiumsdiskussion im Hinblick auf die kommenden Fachmessen Techtextil und Texprocess 2026 verdeutlichte einen kritischen Wendepunkt für die Textilindustrie. Vier Branchenexperten erörterten dabei, wie Innovation als Werkzeug für Resilienz in Zeiten globaler wirtschaftlicher Unsicherheit dient.

„Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Abwarten... Wir bieten dieser Industrie mit Innovationen die richtige Plattform, um genau zu zeigen, was dem Stand der Technik entspricht“, betonte Olaf Schmidt, Vice President Textiles and Textile Technologies bei Messe Frankfurt und verantwortlich für rund 50 Messen weltweit. Er positioniert Fachmessen somit als unverzichtbare Plattformen, auf denen Forschung auf industriellen Maßstab trifft, um das Überleben von Unternehmen zu sichern.

Die strategische Notwendigkeit von Innovation

Innovation ist kein optionaler Luxus mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit für das Überleben am Markt. Elgar Straub, Geschäftsführer des VDMA Bayern sowie des Fachverbandes Textile Care, Fabric and Leather Technologies, stellte fest, dass europäische Herstellende derzeit einen Wettbewerbsvorteil behalten, indem sie Produktion mit der Digitalisierung verzahnen.

„Innovation ist einerseits ein Effizienztreiber und andererseits der Motor für Wachstum“, sagte er und fügte hinzu, dass dies Unternehmen dabei helfen werde, hohe Energiekosten und sich verändernde Handelsabkommen zu bewältigen.

Während digitale Werkzeuge wie 3D-Design und virtuelles Prototyping zunehmend ausreifen, bleibt bei der physischen Automatisierung eine erhebliche Lücke bestehen. Walter Wälth, Senior Director Advanced Creations – Apparel Pattern & Digital Creation bei der Adidas AG, wies darauf hin, dass viele „digitale“ Aufgaben innerhalb von Softwareumgebungen immer noch manuell ausgeführt werden: „Im Moment ist KI nur ein visuelles Werkzeug... Der gesamte technische Teil der Erstellung eines Produkts, das man anschließend produzieren und tragen kann... existiert noch nicht.“ Er erwartet aber, dass die nächste Phase eine nahtlose Konnektivität zwischen Systemen beinhalten werde, um die redundante manuelle Positionierung von Schnittmustern zu eliminieren.

Künstliche Intelligenz vs. Human Engineering

Die Diskussion klärte den Unterschied zwischen generativer KI (wie ChatGPT) und industrieller KI. Während generative Tools Marketing und visuelles Design unterstützen, können sie noch kein tragbares Kleidungsstück konstruieren. António Braz Costa, General Manager des Technologischen Zentrums für die Textil- und Bekleidungsindustrie Portugals (CITEVE), hob hervor, dass eine „Humanisierung der KI“ entscheidend sei. Dabei gehe es darum, Data Science zur Vorhersage von Trends und zur Organisation der Fabriklogistik zu nutzen, anstatt die grundlegenden ingenieurtechnischen Fähigkeiten zu ersetzen, die für Passform und Qualität erforderlich sind.

Nachhaltigkeit hat sich von einem Nischenthema zur Grundvoraussetzung der Branche gewandelt. Die Herausforderung besteht nun darin, erdölbasierte Funktionsmaterialien durch biobasierte Alternativen zu ersetzen, ohne dabei an Funktionalität einzubüßen.

Costa verzeichnete einen Anstieg der Bewerbungen für den Techtextil Innovation Award um 35 Prozent, wobei sich viele auf fortschrittliches Recycling und Kreislaufwirtschaft konzentrieren – ein Beweis dafür, dass die Branche mit Hochdruck nach „grünen“ Lösungen sucht.

Die Rolle von Regulierung und Standards

Ein wesentlicher Streitpunkt ist die Geschwindigkeit und Stabilität europäischer Regulierungen. Die Diskussionsteilnehmer äußerten die Sorge, dass Regulierungen für eine nachhaltige Zukunft zwar zwingend erforderlich seien, aber agil gestaltet werden müssten. „Um innovativ zu sein, müssen wir wettbewerbsfähig sein. Um wettbewerbsfähig zu sein, brauchen wir ein sehr klares und stabiles Regulierungssystem“, mahnte Costa. Plötzliche Verzögerungen bei Mandaten, wie etwa dem digitalen Produktpass, können den Wettbewerbsvorteil von Unternehmen beeinträchtigen, die bereits in die Umsetzung investiert haben.

Die Diskussion berührte auch die Frage, wie Standards unbeabsichtigt zu Handelsbarrieren werden können. Beispielsweise kann ein in Europa zertifiziertes Produkt in China eine erneute Zertifizierung nach anderen Standards erfordern. Diese mangelnde internationale Harmonisierung erschwert die globale Lieferkette, insbesondere für mittlere und kleine Subunternehmer in Asien, denen oft die Ressourcen fehlen, um sich an schnelle gesetzliche Änderungen anzupassen.

Menschliche Verbindung in einer digitalen Welt

Trotz des Vorstoßes in Richtung KI und Automatisierung bleibt das „menschliche“ Element ein Kernwert für Verbraucher:innen. Es gibt eine wachsende Nachfrage nach Transparenz bezüglich Kleidung, die von Menschenhand gefertigt wurde.

Wälth merkte an, dass es künftig Zertifizierungen geben könnte, die handwerkliches Können hervorheben und sicherstellen, dass Technologie eher dazu dient, den menschlichen Aspekt in der Mode zu unterstützen als ihn auszulöschen.

Ausblick auf Techtextil und Texprocess im April 2026 – Vernetzung und Austausch

Die beiden Messen Techtextil und Texprocess werden vom 21. bis 24. April 2026 rund 1.700 Ausstellende aus 50 Ländern in Frankfurt präsentieren. Zu den Schwerpunkten gehören Funktionsbekleidung sowie Live-Demonstrationen technischer Variablen in Endprodukten. Die Messen fungieren als „Co-Creation“-Raum, in dem sich die Weltgemeinschaft auf die technologischen und ethischen Standards der Zukunft verständigen kann.

Die Experten kamen zu dem Schluss, dass die Zukunft von Textilien durch drei Säulen definiert werde: Vernetzung, KI und Nachhaltigkeit. Die kommenden Innovation Awards, die am 14. April 2026 bekannt gegeben werden, dienen als wichtigstes Schaufenster für diese Fortschritte. Wie Schmidt zusammenfasste, bleibt die Messe der Ort, an dem Ideen auf Marktrealität treffen und die Lücke zwischen theoretischer Forschung und greifbaren wirtschaftlichen Auswirkungen schließen.

Übrigens kommt die Techtextil ab November 2026 auch nach Indien: Messe Frankfurt India hat mit dem Textilministerium der Regierung von Tamil Nadu eine Absichtserklärung unterzeichnet, um den Techtextil India Summit im zweijährigen Turnus in Coimbatore als zentralen Knotenpunkt der Branche für technische Textilien zu etablieren.

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