Berlin vs. Frankfurt: Stimmen zur Zukunft der Fashion Week aus der Hauptstadt

Die Nachricht sorgte am Montag für Schlagzeilen: „Frankfurt schnappt Berlin die Fashion Week weg“, schrieb die FAZ, vielleicht etwas voreilig. Die Premium Gruppe hatte angekündigt, ab 2021 ihre Messen in der hessischen Metropole abhalten zu wollen. Seither ist klar geworden, dass die nächste Ausgabe der Mercedes-Benz Fashion Week für Januar 2021 weiterhin in Berlin geplant ist. Treffender formulierte es die Frankfurter Rundschau: „Eine Messe (…) macht noch keine Modewoche.“ FashionUnited hat einige Stimmen aus der Modebranche eingefangen, um die Situation besser einordnen zu können.

Scott Lipinski, Fashion Council Germany

“Wir bedauern den Weggang der Modemessen Premium, Seek und Neonyt aus Berlin. Als Hauptbühne der Creative Industries in Deutschland hat die BFW eine besondere Strahlkraft in die Stadt gebracht. Der Modestandort wird sich nun neu definieren müssen. Der Umzug der Messen nach Frankfurt zeigt wie sehr die Modebranche im Aufbruch ist und aktuelle Modewochen national als auch international auf dem Prüfstand stehen. Wir beim Fashion Council Germany glauben an neue und zukunftsweisende Formate, die kompromisslos auf unsere Mission einzahlen. Und zwar als Förderer der deutschen Mode- und Designlandschaft eine visionäre, technologische und nachhaltige Zukunft in einem globalen Markt zu stärken.

Der FCG steht mit den Akteuren der Frankfurter Fashion Week im engen Austausch hinsichtlich einer Kooperation und Unterstützung des Gesamtkonzeptes. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber dem deutschen Modedesign und Modestandort Deutschland wahr und sondieren die vielseitigen Möglichkeiten, die der neue Standort durch seine sowohl komplex kreative und internationale Ausrichtung als auch durch seine wirtschaftliche Kraft bietet“, sagte Lipinski auf Anfrage von FashionUnited.

Ramona Pop, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe

„Die Corona-Pandemie verschärft die ohnehin angespannte Situation der Modewirtschaft. Dass geschäftliche Entscheidungen stark durch finanzielle Anreize motiviert sind, ist in solch schwierigen Zeiten nachvollziehbar, der Wegzug der Premium für Berlin ist dennoch bedauerlich. Aus unserer Sicht bietet der Modestandort Berlin insbesondere sehr gute Voraussetzungen für Innovation und Kreativität. Darüber hinaus braucht es einen Runden Tisch zum „Neustart des Messe- und Kongressgeschäfts nach Corona“, um gemeinsam mit der Wirtschaft zukunftsfähige Perspektiven zu diskutieren,“ hieß es auf Anfrage beim Senat.

“Die Mercedes-Benz Fashion Week als erfolgreiche Vermarktungsplattform ist das nächste Mal im Januar 2021 in Berlin geplant. Ohne die Messen können die Modenschauen ab Sommer 2021 zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, der sich nicht mit den Modenschauen in Paris überschneidet. Wir sind im Austausch mit Stakeholdern und Veranstaltern, mit welchen zusätzlichen Formaten der Modestandort und die Berlin Fashion Week gestärkt werden kann”, fügte sie in einer Pressemitteilung am Dienstag hinzu.

Marcus Kurz, Nowadays

"Die Nachricht über den Umzug der Messen Premium und Neonyt ab Sommer 2021 von Berlin nach Frankfurt haben wir mit Überraschung aufgenommen. Berlin hat sich in den vergangenen Jahren als Modemetropole etabliert und bietet ideale Voraussetzungen für die Inszenierung und Emotionalisierung von Mode in einem sehr kreativen Umfeld – und die Mercedes-Benz Fashion Week hat wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen", so Marcus Kurz, Geschäftsführer von Nowadays, der Kreativagentur, die die Mercedes-Benz Fashion Week veranstaltet in einer Mitteilung

Dawid Tomaszewski, Designer

“Seit 10 Jahren mache ich diese Misere der deutschen Modebranche mit. Jetzt erreichen mich wieder neue erschütternde News: Die Premium und Neonyt verlassen Berlin und machen sich auf zur anscheinend neuen deutschen Modestadt Frankfurt. Für mich sehr plausibel, nachdem die Städte München und Düsseldorf modetechnisch ja hinten anstehen. Anstatt einfach umzuziehen, hätte man sich mit der Frage beschäftigen sollen, wieso die Messen schlecht besucht sind. Seit Jahren haben sich die Messen hier in Berlin gegenseitig kanibalisiert und auch im internationalen Modekalender hat der Veranstalter immer die Termine gebucht, die sich mit internationalen Modeshows überschnitten haben - war das eventuell der Grund wieso die Berliner Fashionweek zunehmend an Interesse verloren hat? Trotzdem wurde immer wieder geprahlt, wie voll die Messen doch sind - betrat man jedoch die Hallen, sah man teilweise nur gähnende Leere. Jetzt der große Umbruch der alles besser machen soll - Im Auge des Veranstalters vielleicht, denn einen Austausch mit den in Berlin ansässigen Modeunternehmen gab es —so weit mir bewusst ist—nicht. Wer profitiert bei dieser Angelegenheit letztendlich? Wahrscheinlich der Veranstalter selbst. Lächerlich zu glauben, man könnte die IAA mit der Modemesse ersetzen, nach dem Scheitern der Premium in München und Düsseldorf. Für mich steht jedenfalls fest: Die Messe kann umziehen, für mich bleibt und findet die Fashion Week jedoch in Berlin statt, denn Berlin ist der Ausdruck von Vielfalt und dem Unkonventionellem“, so der Designer per E-Mail.

Marina Hoermanseder, Designerin

„Flexibilität gehört in unserer Branche dazu. Entsprechend schauen ich und mein Team zwar neugierig, aber entspannt auf die Entwicklung, die mit dem Messestandortwechsel kommen wird. Auch unabhängig von größeren Schauen sind wir mit unserem Label fest an Standorten in Berlin, Wien und Los Angeles vertreten. Wenn nun noch Frankfurt hinzukommt, sehe ich das als Bereicherung. Berlin habe ich als Gründungsort meines eigenen Labels, mit seiner Kreativszene und all meinen Unterstützern, viel zu verdanken. Wir werden der Hauptstadt nicht zwangsläufig den Rücken kehren, denn so vieles ist derzeit im Umschwung – ich sehe es als große Chance und es bietet auch neue Perspektiven und Möglichkeiten“, sagte sie gegenüber dem Branchenmagazin J’N’C.

David Roth, Blogger und Party-Veranstalter

Berlin verliert die Sammlung Flick, den me Collectors Room, die Julia Stoschek Collection und jetzt auch noch die Fashion Week. Für den Kulturstandort Berlin ist das äußerst dramatisch, denn auch unsere Dandy Diary Fashion Week Opening Party wird demnach nicht mehr in Berlin stattfinden. Wenn uns Frankfurt nur ein Bruchteil von dem Geld gibt, das geflossen sein muss, um die Premium nach Frankfurt zu locken, dann kommen auch wir gern nach „Mainhattan“, um dort ein rauschhaftes Fest zu veranstalten“, sagte er gegenüber der Welt.

Wie sich die Modelandschaft in Deutschland weiterentwickeln wird, bleibt also abzuwarten. Auch in dieser Situation zeigt sich wohl die transformative Kraft einer disruptiven Situation durch die Coronakrise. Dass die Berliner Modewoche strauchelte, wurde in den vergangenen Saisons immer klarer, nun hat die Krise den Druckauf das System erhöht und eine Sollbruchstelle offenbart. Möglicherweise ergibt sich daraus auch eine Chance, wenn alle Beteiligten sich jetzt darauf konzentrieren, ihre jeweiligen Veranstaltungen zu schärfen, Termine zu optimieren und ihre Fördermittel neu zu überdenken.

Bild: Unsplash Fotograf Julius Drost (links) & Paul Fiedler (rechts).

 

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