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Neues Luxusmaterial: Veganes Kaktusleder aus Mexico

Von Christin Parcerisa

10. Dez. 2019

Mode |INTERVIEW

Mit dem Ziel, eine Alternative zu Tierleder zu schaffen, entwickelten Adrián López Velarde und Marte Cázarez, beide aus Mexiko, veganes Leder aus Nopal, einer Kaktusart. Das Material wurde bei der letzten Ausgabe der Internationalen Ledermesse Lineapelle 2019 im Oktober in Mailand vorgestellt.

Das Ziel der Unternehmer war es, eine nachhaltige nicht-tierische Lederalternative ohne giftige Chemikalien, Phthalate und PVC zu schaffen. Das Ergebnis, Kaktusleder, ist teilweise biologisch abbaubar und erfüllt die technischen Anforderungen der Mode-, Lederwaren-, Möbel- und sogar der Automobilindustrie. Dank seiner hohen Widerstandsfähigkeit und Haltbarkeit von (mindestens) zehn Jahren hat dieses biologische, nachhaltige Produkt das Potenzial, tierisches Leder und andere synthetische Materialien, die nicht umweltfreundlich sind, zu ersetzen.

Nach zwei Jahren Forschung und Arbeit konnten die Schöpfer aus Guadalajara, Jalisco und Aguascalientes im Juli endlich ihr erstes marktfähiges Kaktusleder herstellen. Der Handelsname ist Desserto, und es hat konkurrenzfähige Eigenschaften im Vergleich zu Tier- oder Kunstleder, wie Elastizität und Anpassungsfähigkeit und Atmungsaktivität.

Nopalleder: vom Konzept zur Realität

FashionUnited sprach mit Adrián López Velarde, Vizepräsident von Adriano Di Marti, Desserto, der uns die Geschichte hinter diesem veganen Leder erzählte.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, veganes Leder auf Kaktusbasis zu kreieren?

Die Idee kam uns, nachdem ich zuerst in der Möbelindustrie und später in der Automobilindustrie, und Marte Cázarez in der Modebranche gearbeitet hatte, wo wir festgestellt haben, dass in beiden Branchen das Problem der Umweltverschmutzung wirklich ernst ist. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Arbeitsplätze zu verlassen und ‘Adriano Di Marti’ zu gründen, ein Unternehmen, das sich auf die Entwicklung von Desserto konzentriert, das heute als Kaktus- oder Nopalleder bekannt ist.

Warum haben Sie Kaktus oder Nopal als Hauptrohstoff gewählt?

Die Idee, diesen Rohstoff zu verwenden, kam uns, weil diese Pflanze kein Wasser benötigt, um zu wachsen und weil sie im gesamten Land zahlreich wachsen. Auch symbolisch repräsentiert der Kaktus Mexiko. Um dieses Material in verschiedenen Industrien einsetzen zu können, ist es zudem unerlässlich, auf eine stabile und sichere Versorgung mit Rohstoffen zu setzen. Wir haben derzeit 2 Hektar, auf denen wir Nopale anbauen, sowie eine Expansionskapazität von 40 Hektar. Was die Produktionskapazität betrifft, so prduzieren wir derzeit 500.000 laufende Meter pro Monat.

Was hat Sie denken lassen, dass Nopal eine gute Alternative für Tierleder sein könnte?

Nach zwei Jahren Forschung und Entwicklung ist es uns gelungen, ein geeignetes Material herzustellen, das den Eigenschaften und technischen beziehungsweise mechanischen Spezifikationen der Industriezweige entspricht, die aktuell Tier- oder Kunstleder verwenden; außerdem ist es dank seiner organischen Zusammensetzung atmungsaktiv, was Kaktus- oder Nopalleder ähnlich wie Tierleder macht.

Ein Experte von Lineapelle sagte, dass unser Kaktusleder dank seiner Flexibilität, Weichheit, Haptik und Farbe am besten für den Einsatz im Luxussegment geeignet ist. Adrián López Velarde, Vizepräsident von Adriano Di Marti ßzeile>

Was war Ihre Erfahrung bei Lineapelle? Wie wurde dieses Produkt aufgenommen?

Die Begeisterung für unsere nachhaltigen Desserto-Materialien bei Lineapelle war überwältigend. Ein solches Interesse von so vielen verschiedenen Branchen und Designern aus aller Welt hatten wir nicht erwartet. Unter den vielen Glückwünschen und positiven Kommentaren ist anzumerken, dass ein Lineapelle-Präsentator im Innovations- und Nachhaltigkeitsforum sagte, dass von allen nachhaltigen Materialien auf der Messe unser Produkt dank seiner Flexibilität, Weichheit, Haptik und Farbe am besten für den Einsatz in Luxusmarken geeignet sei.

An welchem Punkt steht Ihr Unternehmen jetzt?

Unser Unternehmen arbeitet bereits an Großprojekten mit Konzernen aus verschiedenen Branchen, und wir haben bereits eine Reaktionsfähigkeit, die es uns ermöglicht, sie erfolgreich zu entwickeln. Unsere Forschung und Entwicklung ist jedoch noch nicht abgeschlossen, denn obwohl unser Material bereits die Marktreife hat und sehr nachhaltig ist, verstehen wir, dass Innovation die treibende Kraft eines jeden Unternehmens ist, das seine Zukunft sichern will.

Wie sieht Kaktusleder aus? Worin besteht der Unterschied zu Tierleder?

Desserto ist ein sehr nachhaltiges Material, und sein Umweltfußabdruck ist nicht so groß wie der von Tierleder. Wasser wird nicht intensiv genutzt und es ist frei von Phthalaten, giftigen Chemikalien und PVC. Außerdem kann seine Flexibilität zu Produktionseinsparungen führen, da sie die Produktivität der damit arbeitenden Produktionslinien steigert, und es ist auch ein Material, das Haptik und Weichheit bietet, die dem tierischen Leder sehr ähnlich sind.

Wie beurteilt die Branche Ihrer Meinung nach diese nachhaltige Lederalternative?

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um diese Alternative einzuführen, denn nicht nur die Konsumgüterindustrie ist an solchen neuen Materialien interessiert, auch immer mehr Endverbraucher verlangen umweltfreundliche Materialien.

Mit unserer Markteinführung in Mailand haben wir bestätigt bekommen, dass der europäische Markt absolut bereit ist, dieses Material in seine Produktionslinien zu integrieren. Und die Unternehmen in der heimischen Region bleiben nicht zurück. Wir stehen in engem Kontakt mit verschiedenen namhaften Unternehmen im benachbarten Ausland, mit denen wir an sehr interessanten Projekten arbeiten.

Was waren die wichtigsten Herausforderungen, vor denen Sie standen?

Die größte Herausforderung, der wir uns gestellt haben, ist es, einen Weg zu finden, unsere Materialien für kleine und mittlere Unternehmen zugänglich zu machen, denn manchmal sind Mindestabnahmemengen für sie ein Hindernis. Deshalb versuchen wir immer, einen Lagerbestand zu haben, damit sie kleine Mengen kaufen können, und wir arbeiten auch mit potenziellen Lieferanten zusammen, die unsere Materialien für alle zugänglich machen können.

Was ist Ihre Botschaft für Hersteller, die sie mit der Verwendung dieses Materials beginnen wollen?

Da unser Material sehr nachhaltig und kostengünstig ist und die geforderten Spezifikationen erfüllt, ist es eine Alternative, die ein Win-Win-Szenario bietet. Sie werden nicht nur von der Entwicklung eines hochwertigen und nachhaltigen Sortiments profitieren, sondern auch einen Wettbewerbsvorteil haben: Sie werden zum Umweltschutz beitragen und dem wachsenden Wunsch der Endverbraucher nach der Verwendung umweltfreundlicher Materialien entsprechen.

Wie positiven Einfluss auf die Umwelt kann Desserto haben?

Die positiven Auswirkungen auf die Umwelt, die unsere Materialien haben können, wenn sie in große Produktionslinien der verschiedenen vorgenannten Industrien integriert werden, können, je nach Variante, zu einer Reduzierung der Kunststoffabfälle um 32 bis 42 Prozent und zu einer Einsparung von etwa 20 Prozent beim Wasserverbrauch führen. Derzeit ist das Wasservolumen, das allein die Modebranche nutzt, riesig, fast 79 Milliarden Kubikmeter, was ausreicht, um fast 32 Millionen olympische Schwimmbäder zu füllen. Schätzt man den Wert der zusätzlichen 39 Milliarden Kubikmeter, die bis 2030 jährlich verbraucht werden sollen, für die Weltwirtschaft, so ergibt sich ein Ergebnis von 32 Milliarden Euro pro Jahr. Dies ist der potenzielle Nutzen für die Weltwirtschaft, wenn die Modebranche Wege finden kann, zu verhindern, dass der Wasserverbrauch weiter steigt.

Was Abfälle betrifft, so produziert die Menschheit derzeit jährlich 2.100 Millionen Tonnen Abfall. Bezogen auf den jährlichen ökologischen Fußabdruck produziert die Weltbevölkerung bereits mehr als 1,6 Liter, was die Erde im gleichen Zeitraum aufnehmen kann. In Anbetracht der heutigen festen Abfälle während der Produktion und am Ende der Nutzungsdauer wird der Industrieabfall zwischen 2015 und 2030 um rund 60 Prozent zunehmen, und 57 Millionen Tonnen Abfall werden zusätzlich jährlich anfallen. Damit steigt der gesamte Abfall aus der Mode bis 2030 auf 148 Millionen Tonnen, was einem jährlichen Abfall von 17,5 Kilogramm pro Kopf auf der ganzen Welt entspricht.

Das sind die Vorteile, den unsere Innovationen in großem Maßstab bieten können. Wir sind davon überzeugt, dass es möglich ist, dass sich der Wandel in Kürze vollziehen kann. Die Modebranche hat inhärente Vorteile wie Kreativität, ihre wichtigsre Eigenschaft. Mit Unterstützung von Technologien und Innovationen verfügt die Mode über das Talent, die Netzwerke, die Finanzierung und über alle für die Transformation notwendigen Ressourcen. Es ist an der Zeit, die Dinge auf eine andere Weise anzugehen.

Photo Credit: Adriano Di Marti. Desserto

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.mx veröffentlicht. Übersetzung aus dem Englischen und Bearbeitung: Barbara Russ