Warnung: Modenschauen anzusehen kann über die Karriere entscheiden

Das Enttäuschendste, was ein Professor im Klassenzimmer hören kann, ist das Klischee "Ich mag es nicht zu schauen, was andere tun." Studenten glauben, sie könnten in einem Vakuum entwerfen, ohne Sorge darum, was das Modesystem gerade beschäftigt. Sie liegen falsch, findet Jackie Mellon.

"Warum?", frage ich den Schüler, der meint keine Modenschauen ansehen zu müssen.

"Weil ich nicht beeinflusst werden will" lautet immer die Antwort. Eine wirklich frustrierende.

Dann gibt es diejenigen, die so in den Pflichten der Studenten gefangen sind, Fristen zu erfüllen und Hausarbeiten zu schreiben und diese lästige Nesselprobe zum dritten Mal neu zu nähen, dass die Pariser Modewoche ihnen nicht ferner erscheinen könnten. Das ist etwas, das man in der Freizeit genießt, oder für diejenigen, die bereits in der Industrie arbeiten: Einkäufer und Redakteure. "Schauen? Welche Schauen? ", fragen sie und schauen mit gerunzelter Stirn auf, während ihre Gedanken hektisch den Lehrplan durchgehen, um zu verstehen, was sie übersehen haben könnten.

Der Designer, der glaubt, eine Mondfinsternis zu sein

In jeder Klasse gibt es ein solches Individuum, normalerweise ein hochmütiger Einzelgänger, möglicherweise mit Bart, das das Ansehen von Modeschauen verweigert. Er ist der arrogante Designer, der glaubt, dass seine Vision so einzigartig ist, dass wir alle herumstehen und darauf warten, dass er endlich in Erscheinung tritt, als wäre er die Jahrhundert-Mondfinsternis.

Dass seine Arbeit auf den Kontext der aktuellen Industrie reduziert werden sollte, wo er doch sicher ist, dass er zu nichts weniger als einem majestätischen Start in das ohne ihn verlorene Mode-Universum geboren sei — gleich dem Genius eines Alexander McQueen — kommt für ihn nicht in Frage. Diese Hybris ist am schwierigsten in einer universitären Umgebung zu navigieren, weil Mondfinsternisse, obwohl selten und in der Tat schön, ein flüchtiges Phänomen sind. Sie sind nicht von Dauer.

Schüler sollten das Ansehen von Laufsteg-Shows als Teil ihrer Ausbildung betrachten. Das Studium der Mode sollte wie eine altmodische Lehre angegangen werden. Man muss beobachten, wie etwas gemacht wird. Die Beobachtung der Branche, ist genauso wichtig wie das Zuhören in einem Hörsaal oder das Ausführen in einem Nählabor. Und die Modenschau ist der Höhepunkt der meisten Modeschüler-Ausbildungen. Sie werden oft von Fachleuten besucht, die nach Talenten suchen.

Warnung: Modenschauen anzusehen kann über die Karriere entscheiden

Warum nutzt Ihr nicht die Gelegenheit, zu verstehen, wie andere Designer — die angesehenen Exemplare der Kreatur, in die Ihr Euch verwandeln wollt — ihre Vision kommunizieren und auf einem Laufsteg darstellen, woran sie glauben? Dann habt Ihr, wenn Ihr an der Reihe seid, schon Erfahrung und könnt mit Souveränität auftrumpfen.

John Galliano. Giorgio Armani und die japanische Invasion von Paris

John Gallianos legendäre Abschlusskollektion, Les Incroyables, war wohl eine Reaktion auf die in Mailand in der ersten Hälfte der 80er Jahre so dominierenden maskulinen Silhouetten von Giorgio Armani, die aber mit der verschwenderischen Romantik der Invasion der japanischen Designer wie Yohji und Kansai Yamamoto und Issey Miyakeim Einklang standen, welche die Pariser Laufstege eroberten. Ihr Studierenden, hebt ab und zu den Kopf und schaut über Eure Arbeit hinaus; es kann sehr informativ sein!

Graduate Labels werden geboren und verschwinden mit der gleichen Häufigkeit wie Restaurants in New York. Wie Anna Wintour zu einer Gruppe von Schülern der Central St. Martins bei ihrem Besuch an der Schule im Juni 2014 sagte: "Das Einzige, worüber ich mir ein bisschen Sorgen mache ist es, direkt nach der Schule eine eigene Firma zu gründen. Nur wenige sind damit erfolgreich ... Ich persönlich würde Ihnen raten, vor dem Start Ihres eigenen Unternehmens sorgfältig zu überlegen, ob Sie möglicherweise zuerst für einen Designer oder eine Firma arbeiten sollten, deren Arbeit Sie bewundern."

Die Industrie lacht sich kaputt

Ich will da weitermachen, wo Anna aufgehört hat. Studierende, während Eure Vision vielleicht genau das ist, was die Modeindustrie momentan verloren hat: Ihr schuldet es euch selbst, eure Kraft nicht zu verschwenden, indem ihr schlecht vorbereitet loslegt. Auch wenn ihr, nachdem ihr die Kollektionen der Saison gesehen habt, alles hasst, was auf den Laufstegen zu sehen war und überzeugt seid, dass die Industrie auf der Stelle tritt, fair enough. Aber nehmt Euch die Zeit, die Branche mit einer gut durchdachten, herausfordernden, relevanten und professionell ausgeführten Aussage aus diesem Zustand herauszuholen.

Warnung: Modenschauen anzusehen kann über die Karriere entscheiden

Schaut Euch in der Zwischenzeit die Firmen oder Labels an, deren Präsentationen etwas von dem widerspiegeln, woran ihr glaubt und was ihr bewundert. Nehmt dieses Wissen auf (um den roten Teppich und den Promi-Stil auszubalancieren, der für viele von euch zu einem Spezialthema geworden ist) und kombiniert es mit euren eigenen, stärkt eure Kräfte und werdet brillanter, bevor ihr endlich eure Flügel ausbreitet und das Nest verlasst. Richtet eure Karriere von Anfang an darauf aus, wo ihr am Ende sein möchtet. Vor allem aber, seid Lehrlinge - im Klassenzimmer, im Nählabor und sogar zu Hause hinter der Computertastatur. Die zahlreichen Live-Streaming-Möglichkeiten, die jetzt von Designern zur Verfügung gestellt werden, bedeuten, dass ihr die Shows so erleben könnt, als ob ihr tatsächlich dort wärt, aber ohne Euch hereinzuschleichen oder in der Schlange zu stehen.

Die Laufstege sind gefüllt mit Lehrlingen, die das Ergebnis ihrer Ausbildung demonstrieren: Sarah Burton war Alexander McQueens rechte Hand; Arthur Arbesser, der sieben Jahre bei Armani arbeitete und nun das neue Pariser Street-Couture-Label Koché, dessen Designerin bei Chloé, Sonia Rykiel, Bottega Veneta, Dries Van Noten und Martine Sitbon gelernt hat.

Kaum ein Erfolg kommt über Nacht. Die Designerin Christelle Kocher sah viele Runway-Shows, bevor sie versuchte, eine eigene zu inszenieren. Erfolgreiche Designer sind die Summe vieler Teile - nicht alle Teile sind ihre eigenen. In der Modebranche können es sich die Studierenden heute nicht leisten, so isoliert zu sein, dass sie sich als Künstler in einer Dachkammer sehen, ihre Kreationen näher an Leinwänden als am Menschen. Aber wenn es hilft: Auch Maler haben traditionell andere Malereien betrachtet; Schriftsteller lesen in anderen Büchern.

Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in NYC und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ