Miinto oder der Wettlauf, das Airbnb des Modehandels zu werden

Die Einkaufsstraße der Zukunft hat keine Kleidung auf Lager. Stattdessen verkauft sie nur die Bestände von stationären Händlern.

Das dänische Unternehmen Miinto bietet auf seiner Website Kleidung von mehr als 1.600 Boutiquen aus Skandinavien, den Niederlanden, Belgien und Polen an. Im November eröffnete auch die Schweizer Onlinepräsenz. Die Idee, Dinge aus der realen Welt im Internet zu versammeln, ohne dabei etwas zu besitzen, hat bereits Online-Konzernen wie dem Wohnungsvermittler Airbnb und dem Fahrdienst Uber zu Erfolg verholfen. Ohne Lagerbestände geht Miinto auch kein Risiko ein, auf seiner Kleidung sitzen zu bleiben - wie traditionelle Offline- und Onlinehändler es tun. Geschäftsführer Konrad Kierklo glaubt, dass das der goldene Weg für den E-Commerce der Zukunft sein wird.

“Wir haben kein Lager, wir haben keine Bestände. Wir glauben, dass es mehr als genug Produkte auf dem Markt gibt und dass Mode von den physischen Händlern kommt,” sagte Kierklo in einem Interview mit FashionUnited.

Die Aussichten dieses Geschäftsmodells, das Mode mit Tech verknüpft, verdeutlichte der Börsengang von Wettbewerber Farfetch im September: Die Online-Luxusplattform, die mit mehr als 500 Boutiquen weltweit zusammenarbeitet, sammelte 885 Millionen US-Dollar von Investoren ein. In demselben Monat unterstrich das ungewöhnlich warme Wetter wieder das Risiko, die falschen Produkte auf Lager zu haben. Die warmen Temperaturen hielten bis in den Oktober an und zwangen Modeunternehmen von Zalando SE bis Superdry Plc ihre Umsatzprognosen für das laufende Geschäftsjahr zu senken.

Miinto oder der Wettlauf, das Airbnb des Modehandels zu werden

Konsumenten werden vermehrt im Internet einkaufen und Händler müssen nach Absatzkanälen online suchen. Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Forrester erwartet, dass 36 Prozent der Modeumsätze bis 2022 online stattfindet, eine Zunahme gegenüber 27 Prozent in diesem Jahr. Aber viele kleine und unabhängige Modehändler tun sich mit dem Aufsetzen eines eigenen Online-Shops schwer. Oft fehlt das Geld und die Expertise. Hier kommt Miinto ins Spiel.

Auch wenn der Anteil der Online-Käufe in den verschiedenen Märkten von Miinto noch variiert, ist der Trend laut Kierklo eindeutig. “Was sicherlich in allen Märkten passieren wird, ist, dass Kunden erwarten offline-Boutiquen auch online zu finden”, sagte er. “Das ist der Grund, warum wir die naheliegende Wahl für eine Boutique sein wollen, wenn sie einen neuen Einzelhandelsmarkt erschließt oder bereits in einem tätig ist. Miinto will das Konzept sein, an dem sie nicht herumkommen.”

Online einkaufen bei lokalen Modeboutiquen

Modehändler zahlen der 2008 gegründeten Plattform eine monatliche Gebühr von 98 Euros, sowie eine Kommission von 16 bis 20 Prozent auf den Umsatz, die von der Produktkategorie und von den Gesamterlösen abhängt. Im Gegenzug erhalten die Händler ihre eigene Präsenz auf der Webseite von Miinto während ihre Produkte auch unter den verschiedenen Kategorien auf der Hauptseite angezeigt werden. Kunden können die Seite der Boutique besuchen und dort einkaufen oder aber nach Kategorien einkaufen. Bei Jacken würde sie beispielsweise ein Modell wählen und dabei auch sehen, welcher Händler in der Nähe das Kleidungsstück anbietet.

Wenn ein Kunde etwas bestellt, bekommen alle Händler, die das Produkt auf Lager haben, eine Nachricht und haben die Möglichkeit die Bestellung anzunehmen. Auf diese Weise haben Modehändler die Gelegenheit, Produkte zu verkaufen bevor sie reduziert werden und Mitarbeiter während ruhiger Geschäftszeiten zu beschäftigen.

Über Miinto:

  • Schulfreunde Mike Radoor und Konrad Kierklo gründen das zuvor Denmarkbyday genannte Unternehmen 2008
  • Büros in Kopenhagen, Stockholm, Oslo, Zürich, Amsterdam und 50 Softwareentwickler in Warschau
  • Die Mehrzahl der 1.600 teilnehmenden Boutiquen sitzen in Skandinavien und in den Niederlanden, die anderen kommen aus Belgien, Polen und der Schweiz
  • Arbeitet mit mehr als 200 Marken direkt zusammen, die Produktinformationen zu Verfügung stellen, 100 Brands bieten Zugang zu ihren Lagern an
  • Bietet mehr als 250.000 Produkte online an

Aus der Idee geboren, den Menschen das Einkaufen bei lokalen Geschäften online zu ermöglichen, erwirtschaftet Miinto zur Zeit 80 Prozent seiner Umsätze mit Kommissionen. Kierklo legt Wert darauf zu betonen, dass die gesamten Kommissionseinnahmen wieder in Marketing investiert werden um die Bekanntheit der Dachmarke Miinto zu steigern. Daher sei sein Unternehmen noch nicht profitabel und das sei Teil der Strategie.

Die Onlineplattform hat mehr als 20 Millionen Euro an Finanzierung von Heartland 2016 bekommen. Die Gesellschaft bündelt die nicht zum Kerngeschäft gehörenden Investments des dänischen Modekonzerns Bestseller und hält nun mehr als 50 Prozent an Miinto. Der Investor berät bei Geschäftsentscheidungen und hilft im täglichen Geschäft, wenn es nötig wird, erzählt Kierklo. Obwohl sie so viele Investitionen haben, höre ich fast täglich von ihnen, sagt er.

Der Wettlauf, die E-Commerce Plattform zu werden auf der Einzelhändler ihre Produkte verkaufen, ist bereits in vollem Gange. Farfetch hat sich eine führende Position im Luxussegment gesichert, Unternehmen wie Trouva und Atterley bis hin zu Zalando und Amazon bieten unabhängigen Händlern die Möglichkeit auf ihren Plattformen zu verkaufen, aber die Sichtbarkeit der Modegeschäfte kann stark variieren: Einzelhändler, die Bestellungen für Zalando ausliefern, sind für Endkunden kaum sichtbar. Im Gegensatz dazu wirbt die britische Plattform Trouva prominent auf ihrer Internetseite mit dem Online-Einkaufserlebnis bei den besten unabhängigen Boutiquen. Dementsprechend erhalten diese eine eigene Unterseite, ähnlich wie bei Miinto.

Miinto oder der Wettlauf, das Airbnb des Modehandels zu werden

Datenanbieter für Modehändler

Die Vision von Miinto umfasst mehr als das bloße Ansammeln von Produkten verschiedener Einzelhändler online. Das Unternehmen sieht auch den Lagerbestand der angebundenen Einzelhändler. Das erlaubt es Miinto auch Daten und Ratschläge an seine Händler weiterzugeben. Gerade für Multibrandstores ist es bis heute schwer, zeitnah über Absatzdaten zu verfügen und gefragte Kleidungsstücke rechtzeitig nachzubestellen.

“Wir versuchen auch mehr als nur ein Online-Partner zu werden, sondern eher ein Big-Data-Einzelhandelspartner”, sagte Kierklo. “Wir sind mit so vielen Brands und Boutiques verbunden, dass wir beiden die Daten zur Verfügung stellen und sagen können: ‘Lieber Händler, hier sind die beliebtesten Produkte dieser Marke, wenn das weitergeht, musst du diese Styles nachbestellen, sonst gehen die Bestände in zwei Wochen aus.”

Miinto bietet auch eine Express-Lieferung in Kopenhagen, Aarhus, Amsterdam und einigen norwegischen Städten anm – für einzelne Händler wäre ein solches Angebot nur schwer zu stemmen. Während der Ladenöffnungszeiten können Kunden, die Option wählen eine Bestellung innerhalb von 80 Minuten zu bekommen. Die schnelle Lieferoption kostet 9,95 Euro und das Produkt kann dem Boten wieder mitgegeben werden, wenn es nicht gefällt. Obwohl noch nicht viele Kunden diese Dienstleistung nutzen, glaubt Kierklo, dass hier die Zukunft liegt.

“Als wir Miinto gegründet haben, haben die Menschen erwartet, eine Onlinebestellung innerhalb von fünf Tagen zu erhalten”, sagt er. “Jetzt erwarten sie sie am nächsten Tag.” Die Lieferung innerhalb von 80 Minuten sei noch ein Marketing-Gag. “Aber was wir sehen ist, dass das der neue Standard werden wird. Darauf bereiten wir uns vor.”

Foto: Miinto, Miinto Website Screenshot
 

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