Der Messestandort Berlin sucht ein neues Profil

Lange waren die Berliner Modemessen Erfolgsgeschichten – doch inzwischen lassen sich die allgemeinen Probleme der Branche auch hier nicht mehr ignorieren. In der vergangenen Woche wurde das erneut deutlich. Hatten sich vor nicht allzu langer Zeit die Besucher zumindest am Eröffnungstag noch vor und in den Hallen gedrängt, ging es in dieser Saison auf den Großveranstaltungen Premium und Panorama augenscheinlich deutlich ruhiger zu. Zahlen veröffentlichten die Veranstalter nicht, aber viele Aussteller und Einkäufer machten aus ihren Sorgen keinen Hehl.

So muss der Standort Berlin in Zeiten, in denen die Relevanz konventionelle Messeformate angesichts fundamentaler Umbrüche im Bekleidungshandel immer wieder grundsätzlich infrage gestellt wird, ein neues Profil suchen, um international gegen die übermächtig scheinende Konkurrenz der traditionellen Modemetropolen bestehen zu können. Eine mögliche – und naheliegende – Lösung zeichnete sich zumindest in dieser Saison ab: die noch stärkere Konzentration auf das derzeit so allgegenwärtige Thema Nachhaltigkeit, das in Berlin seit Jahren verwurzelt ist.

Die Panorama schrumpft

Erkennbar wurden die akuten Probleme in dieser Saison vor allem auf der Panorama. Die lange erfolgsverwöhnte Messe für kommerziell ausgerichtete Anbieter konnte nicht an ihre besten Zeiten anknüpfen. Sie nutzte weniger Hallen des Messezentrums unter dem Funkturm, der im Mai angekündigte neue Sonderbereich für Anlassmode kam aufgrund mangelnder Ausstellerresonanz gar nicht erst zustande. Die Besucherfrequenz war merklich geringer als im vergangenen Sommer, das Markenportfolio reichte nicht an die Vielfalt früherer Jahre heran. Aussteller berichteten sogar davon, dass ihnen ungefragt größere Standflächen ohne Aufpreis angeboten worden seien.

Der Messestandort Berlin sucht ein neues Profil

Zwar hatten sich die Veranstalter um neue Elemente – etwa sogenannte „Concept Store“-Flächen im Zentrum jeder Halle – bemüht, den den großen Trend dieser Saison aber eher stiefmütterlich behandelt: Anbieter nachhaltiger Mode fanden sich fast ausschließlich im ihnen vorbehaltenen Bereich Xoom, der im Vergleich zur Vorsaison verkleinert wurde und in der hintersten Halle der Panorama eher ein Schattendasein fristete. Die Reaktionen der dortigen Aussteller waren entsprechend durchwachsen: Manche beklagten mangelnden Zuspruch, andere freuten sich darüber, auch viele Einkäufer konventioneller Einzelhändler getroffen zu haben.

Auf der Premium stand Nachhaltigkeit im Zentrum

Die übrigen Messen holten das Thema Nachhaltigkeit hingegen ganz bewusst aus seiner Nische. Besonders augenfällig war das auf der Premium, die umweltfreundlichen Marken einen klar inszenierten Bereich im Zentrum der Haupthalle am Gleisdreieck einräumte. Der grenzte sich nicht gegen die Umgebung ab und konnte so eine prägende Wirkung auf die Messe entfalten. Das wirkte nicht gekünstelt, weil dort mit Labels wie Ecoalf und Armedangels Firmen vertreten waren, die hohe Nachhaltigkeitsstandards mit einer überzeugenden modischen Aussage zu verbinden wissen.

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Doch auf der Premium beschränkten sich diese Marken nicht auf dieses Reservat, auch in den übrigen Bereichen gab es immer wieder Stände zu sehen, auf denen Aussteller das Thema Umweltbewusstsein in den Vordergrund stellten. Sie konnten ihre Wirkung auch deshalb entfalten, weil die Messe in den Kernbereichen erneut an Klarheit gewonnen hatte. Das im Winter eingeführte neue Standkonzept, das die Kernaussagen der Marken etwa durch die augenfällige Präsentation von Schlüsseloutfits auf Puppen stärker akzentuiert, war diesmal konsequenter umgesetzt worden und verlieh der früher oft recht unübersichtlichen Messe in vielen Bereichen ein schlüssiges, strukturiertes Erscheinungsbild.

Auch auf der Tochtermesse Seek, die ohnehin nicht auf klare Segmentierung setzt, war die Präsenz nachhaltiger Marken stärker sichtbar als zuletzt. Ganz selbstverständlich mischten sie sich dort unter die konventionellen Aussteller, machten aber ihre Prinzipien mittels oft origineller Stände unmissverständlich klar.

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Die Ökomodemesse Neonyt feiert eine erfolgreiche Saison

Angesichts der auffälligen Präsenz umweltbewusster Labels auf den konventionellen Messen konnten sich die Macher der Neonyt als erfolgreiche Pioniere fühlen. Die ganz auf nachhaltige Mode fokussierte Messe, die im vergangenen Winter aus der Fusion der beiden Vorgänger Green Showroom und Ethical Fashion Show hervorgegangen war, erfreute sich anders als ihre Konkurrentinnen auffällig großer Besucherresonanz. Zudem war sie keineswegs nur der Anlaufpunkt für Einkäufer spezialisierter Läden, auch Vertreter normaler Stores fanden in größerer Zahl den Werk ins Kraftwerk Mitte, um die Kollektionen der 170 Marken aus zwanzig Ländern in Augenschein zu nehmen.

Der Messestandort Berlin sucht ein neues Profil

Dass nachhaltige Mode immer mehr zum Mainstream wird, begrüßte Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies beim Veranstalter Messe Frankfurt: „Zehn Jahre nach Gründung des Neonyt-Vorgängerformats Greenshowroom steht die Branche vor dem Durchbruch und der Wandel wird greifbar“, erklärte er im Abschlussstatement der Messe. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung dieser Entwicklung für den Standort Berlin: Die Modewoche könne inzwischen „weltweit als Vorreiterplattform in puncto Nachhaltigkeit glänzen“.

Noch stärker auf dieses Thema zu setzen, wäre also eine denkbare Perspektive für die schwächelnde Messestadt. Doch dieser Weg ist nicht ohne Risiko. Einige Aussteller erklärten, dass sie in dieser Saison bei ihrem Auftritt gezielt auf das Thema Nachhaltigkeit gesetzt hätten, weil es in den vergangenen Monaten eine ungekannte Medienpräsenz genossen habe. Die unablässigen Berichte über Fridays-for-Future-Proteste, die Müllbelastung der Ozeane oder Luftschadstoffe hätten die gesellschaftliche Stimmung geprägt – und damit auch die Aufmerksamkeit auf umweltfreundliche Mode gelenkt und diese für Einkäufer besonders interessant gemacht. So muss sich erst erweisen, ob das Thema einer ganzen Branche – und dem Standort Berlin – einen wirklich nachhaltigen Schub geben kann, wenn vielleicht bald wieder andere Nachrichten im Vordergrund stehen.

Foto: FashionUnited (4), Messe Frankfurt(1)

 

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