Lanius gründet Allianz mit, um den Rhythmus der Modebranche zu verlangsamen

Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus stellt Modeunternehmen vor ungekannte Probleme. Unter den nachhaltigen Akteuren formiert sich nun eine Bewegung, zu deren Gründern auch das Kölner Label Lanius gehört.

Seit fast zwei Wochen sind die Bekleidungsgeschäfte in Deutschland geschlossen, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Aber hinter den geschlossenen Türen ist es alles andere als ruhig. Modemarken und Bekleidungshändler müssen Lösungen finden, um gemeinsam Umsatzeinbrüche durchzustehen und wie sie nach den Ladenöffnungen weitermachen. Außer den Rufen nach staatlicher Unterstützung werden auch Stimmen lauter, die eine Abkehr von den stets früheren Saisonabbläufen fordern.

Unter dem Slogan #fairfashionsolidarity versammelt sich auch die nachhaltige Modebranche und ruft Labels, Läden wie Konsumenten dazu auf, zusammenzuhalten. Seit vergangenen Freitag gibt es auf der Website fair-fashion-solidarity.de ein Manifest zum Unterschreiben und Handlungsempfehlungen dazu, wie nachhaltige Labels und Läden die Coronavirus-Krise gemeinsam durchstehen können.

Claudia Lanius, Geschäftsführerin des nach ihr benannten Kölner Damen-Labels, erzählt im Gespräch mit FashionUnited, was die grüne Allianz vorhat und wie sie selbst mit der Situation umgeht.

Frau Lanius, wie empfinden Sie die derzeitige Aufruhr in der Modebranche und was haben Sie selbst in den vergangenen Tagen unternommen?

Claudia Lanius: Es gibt massive Veränderungen. In erster Linie haben wir hier das Innere gesichert, mit unseren Mitarbeitern im Fokus - wie es ihnen geht, wie wir es räumlich und mit dem Homeoffice organisieren. Wir haben mit vielen Lieferanten gesprochen und To-do-Listen erstellt, wie wir jetzt mit der Situation umgehen.

Wir hatten die Lagerplanung eigentlich schon abgeschlossen. Aber jetzt haben wir unser B2B-Lager auf Null gesetzt, was ich wichtig finde, weil wir mit Stornierungen rechnen müssen und ich mich keinem so großen Warendruck aussetzen möchte.

Sie legen Wert darauf, dass Ihre Waren langlebig sind und sagen, dass Bestände aus der jetzigen Frühjahr-Sommer Saison im kommenden Jahr noch gut verkauft werden können. Wie kann das funktionieren?

Bei der Entwicklung der SS21 Kollektion überlegen wir uns genau, was die Händler noch haben werden und was sie dann mit dem, was wir anbieten ergänzen können. Wir werden die Kollektion von der Artikelanzahl her reduzieren. Und bei jedem Teil und jeder Gruppe überlegen, welche Farbe wir letzte Saison hatten und was noch integriert werden kann. So entstehen dann neue Looks und Kombinationen. Dabei stützen wir uns auf Zahlen aus den eigenen Stores und unserem Onlineshop sowie den meistverkauften Artikeln.

Lanius gründet Allianz mit, um den Rhythmus der Modebranche zu verlangsamen
Bild: Claudia Lanius

Die jetzige Saison in die kommende Saisonware integrieren, schlägt auch die Bewegung #fairfashionsolidarity vor. Wie begann das Ganze?

Ganz wichtiges Thema, wenn die Läden wieder aufmachen, ist, dass es keine Rabattschlachten geben wird und die Händler die Chance haben den entgangenen Verkauf nachzuholen. Hier haben wir uns in einem ersten Schritt mit Philipp Langer von LangerChen, Mimi Sewalski vom Avocadostore und Christina Wille und Moritz Marker von Loveco besprochen.

Wir vier wollen die Fair Fashion Branche mit einem Appell erreichen und zusammenrufen. Das ist unter einem Hashtag #fairfashionsolidarity am Freitag online gegangen, um eine breite Öffentlichkeit und Wettbewerber aus der Ökobranche zu erreichen.

Warum ist es wichtig, sich zusammenzuschließen?

In dieser Krise liegen auch Chancen. Diese Chancen sind: Bestehendes zu sichern und nicht zu Dumpingpreisen zu verkaufen, uns wieder klarzumachen, dass wir wertvolle Textilien haben, die wir auch später noch verkaufen können. Und uns solidarisch verhalten. Das finde ich außerordentlich wichtig, damit sich nicht das Gefühl festsetzt, alleine zu sein. So bekommen auch viele Händler eine Richtungsweisung, ebenso werden auch Konsumenten sensibilisiert.

Auch Öko-Brands bekommen jetzt Angst und reduzieren bis zu 30 Prozent online - ich denke, das ist nicht Sinn der Sache. Ich finde auch wichtig, dass wir Handlungsempfehlungen anbieten - wie zum Beispiel die Saison nach hinten zu schieben, ebenso wie die Messe und die Auslieferungen für den Winter.

Was ist der Grund hinter der Idee, die Saison zu verschieben?

Wir wissen noch nicht, ob der Ordertermin und Messetermin zum 30. Juni funktionieren werden. Kollektionstechnisch wissen wir auch noch nicht, ob alles planmäßig fertig wird, weil so viele Fabriken bereits geschlossen haben. Es wird wohl auch nicht erlaubt sein, dann schon eine Messe zu veranstalten.

Weil wir das alle noch nicht wissen, macht es mehr Sinn, die Messe jetzt schon auf August zu schieben und dann mit der Lieferung auf Anfang März 2020 zu gehen. Aber das ist alles noch in Gesprächen.

Ist das nur eine vorübergehende Forderung oder setzen Sie sich auch langfristig für eine Verlangsamung in der Modeindustrie ein?

Täglich kommen Informationen rein, die klar machen: Wir müssen das Rad langsamer drehen, entschleunigen und schauen, dass wir zu anderen Werten kommen. Dieser enorme Lieferdruck, die Überlieferung, die Winterjacken im Sommer, und diese frühen Liefertermine, die immer weiter nach vorne verlegt wurden - das ist für die Modebranche nicht gut. Das zeigt sich auch jetzt wieder und vielleicht kann man das zumindest in unserer grünen Fashion Branche wieder auf ein normales Maß bringen. Das ist mein Wunsch - aus dieser Krise auch zu lernen.

Nochmal zurück zu Lanius. Wie kam es, dass Sie keine Probleme mit Stornierungen bis jetzt hatten?

Unser Liefertermin war der 1. Februar und es gab nichts, was ich jetzt stoppen musste. Die Auslieferung war bereits erfolgt. Ich bin aber in der misslichen Lage - wie viele andere auch - dass ich nicht pünktlich bezahlt werde, aber meine Lieferanten schon bezahlt sind. Das wirkt sich auf meine Liquidität aus, ich kann jetzt durchhalten, aber nur bedingt. Das geht nur, wenn es weiter vernünftig gelingt, daher ist es auch so wichtig, dass sich jetzt auch die Händler korrekt verhalten und Ruhe bewahren, was natürlich nicht still sitzen bedeutet. Gemeinsam werden wir Wege finden.

Lanius hat also nur eine Frühjahr-Sommer-Kollektion, aber keine Zwischen-Kollektionen?

Gott sei Dank nicht. Ich habe das im Team und mit dem Verkauf schon oft besprochen, weil der Handel sich dieses wünscht. Aber ich habe mich aus vielen Gründen bislang dagegen entschieden. Zwischen-Kollektionen waren immer etwas, was ich als Slow Fashion Brand nicht als notwendig angesehen habe. Meine Kollektion ist groß genug, die kann man sich auch aufteilen und etwas für den späteren Termin bestellen.

Können Sie genauer erklären, warum Sie gerade als nachhaltige Brand bisher für zwei Saisons plädiert haben?

Mir hat das gereicht. Es hat etwas mit nachhaltigen Transportwegen und Logistik zu tun. Ich glaube, dass Zwischen-Kollektionen zum Großteil geflogen werden, wenn man weltweit arbeitet. Wenn ein Unternehmen zum Beispiel ausschließlich in Portugal arbeitet, dann kann das mit dem einwöchigen Lkw-Transport nach Deutschland klappen. Aber wir arbeiten auch in Ländern wie Peru und in Fernost, wo wir mit dem Zug fahren oder Schiffstransporte haben. Das funktioniert einfach nicht in der Kürze der Zeit.

Aber mehr Kollektionen können auch mehr Einnahmen bedeuten, oder?

Das ist auch eine Grundeinstellung: Mir als Lanius hat das so gereicht. Umsatzmäßig und arbeitstechnisch. Ich möchte Slow Fashion machen und keinen übermäßigen Stress für meine Mitarbeiter produzieren. Ich finde das sehr anstrengend mit vier, sechs oder zwölf Kollektionen. Das ist mir schon immer zu viel gewesen.

Bild: Screenshot #fashionsolidarity | Lanius

 

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