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Modenschauen mit Gefühl: die Liste von Benjamin Simmenauer

Von Julia Garel

2. Nov. 2020

Mode |INTERVIEW

In Mailand, London und Paris zogen in dieser Saison die Laufstege ins Internet um. Jeder konnte am Bildschirm einen Ersatz für die Fashion Week sehen, von einem Video zum anderen springen und zahlreiche Online-Inhalte abrufen. Dieser neue Ansatz wird jedoch heiß diskutiert: Originalität und Zeitersparnis für die einen, Mangel an Emotionen für die anderen. Diese Kritik veranlasste FashionUnited dazu, das Gedächtnis langjähriger Teilnehmer der Modewochen anzuzapfen: Designer, Einzelhändler und Trendforscher berichten von ihren einprägsamsten, emotionalsten Erinnerungen an Modenschauen.Neugierde, Inspiration, Aufregung, Gelassenheit... die Shows umfassen ein breites Spektrum an Emotionen, die man heute gut Revue passieren lassen kann. FashionUnited setzt die Interviewreihe mit Benjamin Simmenauer, Professor am Institut Français de la Mode und Associate Professor für Philosophie, fort.

Eine Kollektion, die Sie zu Tränen rührte ?

Ich weiß nicht, ob ich je geweint habe, aber die schönste Schau, an die ich mich erinnere, war die Kollektion "Mainstream / Downstream" von Carol Christian Poell vom Frühjahr/Sommer 2005. Models und Kleider trieben entlang des Naviglio Grande in Mailand, abseits der Strömungen der kommerziellen Mode, die nicht weit davon entfernt präsentiert wurde... Die Poesie der Präsentation darf die Brutalität der Botschaft nicht in den Schatten stellen.

Eine Modenschau, bei der man alles tragen wollte?

Dior Homme Herbst-Winter-Kollektion 2004 "Victim of the Crime". Dies war der Moment, in dem Hedi Slimane die Codes des Rock mit dem französischen Luxus zusammenführte. Alles ist im Nachhinein tragbar, denn dieser Stil wurde von fast der gesamten Branche kopiert.

Eine Show, die Sie überrascht hat ?

Demna Gvasalias erste für Balenciaga, Herbst/Winter 2016. Er veränderte das Tailoring, indem er Cristobals formelle Schnitte aufgriff (Sanduhr-Silhouette, nach hinten verschobener Ausschnitt). Es überrascht immer noch alle, die glauben, dass Balenciaga eine Streetwear-Marke ist, wenn man ihnen die Bilder dieser ersten Show zeigt.

Eine Show, bei der man eine Gänsehaut bekam ?

Rick Owens Herbst-Winter 2009 Herrenkollektion "Crust". Die Aufteilung des Sets, die musikalische Untermalung (das Finale von Strauss' Salome) und der in der Mode seltene Eindruck, Zeuge der Entstehung einer neuen Silhouette zu werden.

Eine Show, die Sie gelangweilt hat?

Es sind zu viele, um sich nur an eine zu erinnern, das wäre unfair!

Eine Kollektion, die Ihnen ein Gefühl der Gelassenheit gegeben hat?

Die Arbeit von Jonathan Anderson bei Loewe: Er schafft es, ein Gefühl relativer Zeitlosigkeit zu vermitteln, auch wenn die Silhouetten oft recht transgressiv sind. Die traditionelle Handwerkskunst, die Anspielungen auf die spanische Aristokratie... Auf jeden Fall sind seine Shows wirklich schick, bleiben aber etwas seltsam, was verhindert, dass sie langweilig werden.

Eine Show, die Sie empört hat?

Es gibt viel bessere Gründe zu rebellieren, als eine Modenschau.

Eine Kollektion, deren Bedeutung sich Ihnen nicht erschlossen hat?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, was Raf Simons bei Calvin Klein gemacht hat. Aber trotz des kommerziellen Misserfolgs dieser Zusammenarbeit gefallen mir die Kollektionen an sich und vor allem die Modenschau "Blade Runner"

Eine Show, die Ihre Neugierde geweckt hat ?

John Galliano bei Margiela. Ich habe mich gefragt, ob Galliano Galliano machen würde, ob man Margiela ohne Martin Margiela machen kann... und ich bin sehr überzeugt von den Kollektionen, Saison für Saison. Galliano übernimmt nicht nur die Margiela-Codes (denn oft begnügen sich weniger talentierte Designer damit, Archive zu plündern), er schafft neue Codes für das Haus, die Margielas Stil und Ansatz fortführen. Und das, während er zu seinen eigenen Obsessionen zurückkehrt.

Eine Modenschau, die Sie nostalgisch gemacht hat ?

Nein, ich bin überhaupt nicht nostalgisch.

Dieser Artikel wurde zuvor auf FashionUnited.fr veröffentlicht. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ

Bild:JEAN-PIERRE MULLER / AFP, Portrait Benjamin Simmenauer