Der Mythos der Kreislaufwirtschaft: Eine 450-Milliarden-Dollar-Fehlkalkulation?

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Bild zur Visualisierung Credits: Dies ist eine von FashionUnited stammende KI-Abbildung

Neue akademische Forschung stellt die Kreislaufwirtschafts-Narrative der Modebranche infrage und deckt fundamentale ökonomische Mängel auf.

Das lang propagierte Modell der Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie, gepriesen als Lösung, um Textilabfälle zu reduzieren, CO2-Emissionen zu senken und gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum zu sichern, könnte auf fehlerhaften ökonomischen Annahmen beruhen. Dies legt eine neue wissenschaftliche Studie nahe.

Eine Untersuchung der Loughborough University London, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Frontiers in Sustainability, zeigt, dass die häufig zitierte Zahl von 500 Milliarden US-Dollar an potenziellen Einsparungen durch Kreislaufwirtschaft in der Modebranche massiv überschätzt sein könnte – um bis zu 450 Milliarden US-Dollar.

Fragwürdige wirtschaftliche Annahmen

Die von Talia Hussain geleitete Studie analysierte 20 einflussreiche Berichte nicht-akademischer Organisationen, darunter die Ellen MacArthur Foundation und McKinsey. Sie stellte fest, dass viele dieser Dokumente unzureichend definierte Konzepte enthalten, die sich nicht auf etablierte ökonomische Theorien stützen. Dies wirft ernsthafte Zweifel an der Umsetzbarkeit aktueller Ansätze zur Kreislaufwirtschaft in der Mode auf.

Die Modebranche steht vor massiven Nachhaltigkeitsproblemen, die sie bislang kaum erfolgreich bewältigt. „Auf jeder Stufe und in jeder Dimension des Systems beobachten wir gravierende Missstände – von Wasser- und Flächennutzung über den Einsatz von Chemikalien, fossilen Fasern und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bis hin zur Überproduktion und letztlich zur Textilverschwendung“, erklärte Hussain im Bericht. „Die Übernutzung von Wasserressourcen ist aus dem All sichtbar. Polyester-Mikrofasern verschmutzen nicht nur die tiefsten Meeresregionen, sondern auch unsere Körper. Unsere Untersuchung zeigt, dass das Konzept der Kreislaufmode, das von Regierungen und der Industrie propagiert wird, einer kritischen Prüfung nicht standhält.“

Das Kreislauf-Paradoxon

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen eine fundamentale Spannung, die viele Brancheninsider:innn bereits seit Jahren hinter verschlossenen Türen diskutieren: den Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Wachstum und den Zielen der Kreislaufwirtschaft.

Laut dem Branchenmagazin Ecotextile News deckt die Untersuchung mehrere gravierende ökonomische Inkonsistenzen auf. Kreislaufwirtschaftliche Praktiken führen aufgrund höherer Verarbeitungskosten und logistischer Herausforderungen oft zu geringeren Gewinnmargen. Eine Reduktion der Produktionsmengen zur Erreichung von Umweltzielen führt zwangsläufig zu Umsatzrückgängen, die die Rentabilität weiter gefährden. Verlängerte Lebenszyklen von Kleidungsstücken untergraben das klassische Geschäftsmodell der Modeindustrie und könnten letztlich ganze Wertschöpfungsketten entwerten.

„Seit Jahren gibt es leise Zweifel von erfahrenen Branchenexpert:innen“, so Ecotextile News in seiner April-Ausgabe, in der die Studie erstmals berichtet wurde. „Erfolgreiche Unternehmer:innen haben auf Messen und Konferenzen immer wieder infrage gestellt, ob kreislaufbasierte Geschäftsmodelle wirklich nachhaltige Gewinne erzielen können.“

Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind besonders besorgniserregend. Ein vollständig zirkuläres System könnte Millionen von Arbeitsplätzen in Produktionsländern gefährden und gleichzeitig viele der in den letzten Jahren geschaffenen Nachhaltigkeitsinitiativen obsolet machen.

Fehlgeleiteter Fokus auf Konsumverhalten

Die Studie kritisiert auch eine gravierende Fehlsteuerung in der Herangehensweise der Branche an Nachhaltigkeit. Häufig wird Konsumverhalten als Schlüssel zur Veränderung betrachtet, während systemische Versäumnisse, insbesondere die Entsorgung unverkaufter Ware und Produktionsineffizienzen, weit weniger Beachtung finden.

Dies entspricht der Ansicht vieler Pragmatiker:innen, die seit Jahren fordern, bestehende textile Technologien und Infrastrukturen zu nutzen, um hochwertigere, passgenauere Kleidungsstücke herzustellen, die von Natur aus eine längere Lebensdauer haben. Dieser Ansatz könnte die doppelte Wirkung erzielen, Umweltbelastungen zu reduzieren und gleichzeitig Gewinnmargen zu erhalten oder sogar zu steigern.

Technologie ist nicht das Problem

Besonders alarmierend ist die Erkenntnis, dass die für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft notwendigen Technologien bereits seit Jahrzehnten existieren. Die Forschung legt nahe, dass nicht technologische Limitierungen das Problem sind, sondern vielmehr die grundlegende ökonomische Unvereinbarkeit der Kreislaufwirtschaft mit profitorientierten Geschäftsmodellen. Diese Erkenntnisse kommen zu einem entscheidenden Zeitpunkt, da politische Entscheidungsträger:innen in Europa und weltweit gesetzliche Rahmenwerke auf Basis der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entwickeln. Die Studie warnt jedoch, dass solche Regelungen ohne Berücksichtigung der ökonomischen Widersprüche unwirksam oder sogar kontraproduktiv sein könnten.

Die Forscher:innen fordern Akteur:innen der Branche auf, bestehende Konzepte der Kreislaufwirtschaft kritisch zu hinterfragen und neue Ansätze zu erkunden, die eine echte systemische Transformation priorisieren – auch wenn dies traditionelle Profitmodelle herausfordert.

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