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Nachgefragt: Was wollen Marken über Arbeiterrechte in Bangladesch wissen?

Von Simone Preuss

29. Jan. 2020

Business

2019 war ein Jahr des harten Durchgreifens gegen Arbeiter und Arbeiterinnen in Bangladesch und ihre Rechte. Bis zu 11.600 von ihnen wurden ohne rechtliche Basis entlassen und schafften es aufgrund von Schwarzen Listen nicht, wieder Arbeit zu finden, so das International Labor Rights Forum (IFLR). Tatsächlich nennt die Washington, DC ansässige Interessenvertretung 2019 das Jahr „des größten Vorgehens gegen Arbeiterrechte in den letzten zwei Jahrzehnten der Bekleidungsproduktion in Bangladesch“.

Dies veranlasste das IFLR, eine Liste großer Bekleidungsunternehmen zusammenzustellen, die mit Fabriken in Zusammenhang gebracht werden, die unbegründete Klagen gegen Arbeiterinnen und Arbeiter eingereicht haben, die für höhere Löhne demonstrierten. Als Ergebnis der Bemühungen von Kampagnen wurden einige Anklagen gegen die Beschäftigten fallen gelassen; etwa 25 laufen jedoch noch, was bedeutet, dass etwa 650 namentlich genannte und bis zu 4.500 namenlose Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch angeklagt werden .

Wie stehen Marken und Einzelhändler zu den Rechten der Arbeiter in Zulieferfabriken?

FashionUnited wollte die Untersuchung des International Labor Rights Forums weiterführen und die Auftraggeber zu Wort kommen lassen, die sich der schwierigen Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen und des eigenen Einflusses in dieser Situation vielleicht nicht bewusst sind. FashionUnited hat deshalb die sieben genannten Unternehmen - C&A, H&M, Mango, Marks & Spencer, Next, Primark und Zara - kontaktiert und die Antworten unten zusammengestellt.

Interessant war, dass unter anderem die Frage gestellt wurde, warum FashionUnited sich gerade jetzt mit dem Thema beschäftigt, da das Vorgehen gegen die Arbeiter doch ein Jahr zurückliegt. Das ist zwar korrekt, die Auswirkungen und damit das Problem bestehen jedoch weiterhin und damit der Handlungsbedarf von Unternehmen, Gewerkschaften, Medien und anderen Akteuren.

Primark verlässt sich auf Bangladesch Abkommen

Der irische Textildiscounter Primark bestätigte das Problem, sieht es jedoch als behoben an: „Es handelt sich um ein Problem, das im vergangenen Jahr in drei Zulieferbetrieben, die Produkte für Primark herstellen, adressiert und behoben wurde.“ Laut Zahlen des IFLR, die am 23. Januar 2020 aktualisiert wurden, müssen sich aber immer noch 57 namentlich genannte und 20 bis 25 ungenannte Arbeiter, die in Zulieferfabriken arbeiten, die Primark benutzt, vor Gericht verantworten.

„Wir möchten noch einmal betonen, dass wir uns für die Rechte der Arbeitnehmer, kontinuierliche Sicherheit und gute Arbeitsbedingungen in Bangladesch einsetzen. Dies tun wir sowohl durch unser Programm für ethischen Handel als auch durch unsere Arbeit im Rahmen des Bangladesch-Abkommens“, heißt es in der Stellungnahme von Primark auf Anfrage von FashionUnited weiter.

Sozialaudits helfen Arbeitern nicht

Die Clean Clothes Campaign (CCC) kritisiert in ihrem Bericht vom September 2019 jedoch die CSR-Industrie, die unter dem Deckmantel der unternehmerischen Sozialverantwortung Milliarden für Audits ausgibt, die den Arbeitern in den Fabriken jedoch nicht helfen, sondern eher dem Ruf der Unternehmen nützen.

Als Beispiele nennt die Organisation das Fabrikfeuer von Ali Enterprises in Pakistan im September 2012, bei dem über 250 Arbeitnehmer starben, den verheerende Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch im April 2013, bei dem 1.134 Arbeiter getötet und Tausende verletzt wurden sowie die Kesselexplosion im Juli 2017 in der Multifabs Fabrik in Bangladesch, bei der Dutzende Arbeiter getötet und verletzt wurden: Allen ist gemein, dass sie im Vorfeld von mehreren Prüfungsgesellschaften auditiert wurden - darunter TÜV Rheinland, Bureau Veritas und RINA. Dennoch konnte das die Katastrophen nicht verhindern.

H&M unterstützt Gewerkschaften

„Selbstverständlich waren auch wir sehr besorgt über die Vorkommnisse innerhalb der Textilindustrie in Bangladesch vor einem Jahr, auf welche sich der Report bezieht“, heißt es in der Stellungnahme von H&M auf Anfrage von FashionUnited. „Diese haben eindeutig den Bedarf an gestärkten industriellen Beziehungen im Land unterstrichen. Wenn die Parteien des Arbeitsmarktes sich in respektvollen Verhandlungen und friedlichen Konfliktlösungen engagieren und wenn das Mindestlohn-Level regelmäßig überprüft wird, können Situationen wie diese langfristig beigelegt werden. Wir unterstützen steigende Löhne für Textilarbeiter ebenso wie die Richtlinien der ILO und globaler Gewerkschaften, die aufzeigen, dass es kollektiver Lohnverhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern bedarf, wenn es um die Verhandlung von Löhnen und Arbeitsbedingungen geht.“

Tatsächlich hatte der schwedische Modekonzern sich ursprünglich verpflichtet, bis 2018 all seinen Arbeitnehmern einen existenzsichernden Lohn zu zahlen. Dies ist jedoch nicht eingetreten, weshalb die Clean Clothes Campaign in ihrer #TurnAroundHM-Kampagne von dem Unternehmen, seinen Aktionären und Investoren fordert, aus den Gewinnen des Unternehmens einen Fonds für existenzsichernde Löhne zu schaffen, um seiner Verpflichtung nachzukommen.

CCC fordert existenzsichernde Löhne von großen Unternehmen wie H&M

„Die Aktionäre haben einen großen Einfluss in ihren Händen und wir haben festgestellt, dass viele der Verstöße, mit denen wir es zu tun haben, auch zunehmend ein Anliegen der Investoren sind“, sagte Neva Nahtigal, Kampagnerin und Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Clean Clothes Campaign in Amsterdam, im letzten Jahr zu FashionUnited am Telefon. „Wir wollen diesen Fall definitiv als etwas nutzen, worauf wir in Zukunft aufbauen werden.“

In seinem jüngsten E-Mail an FashionUnited zur Situation betont H&M: „Wir setzen uns ausdrücklich für friedliche Konfliktlösungen zwischen allen Parteien in allen Situationen ein und sehen uns als Hilfestellung hierbei an. Daher haben wir unter dem globalen Rahmenabkommen sogenannte National Monitoring Commitees (NMC) geschaffen, gemeinsam mit der globalen Gewerkschaft IndustriALL und der Schwedischen Handelsgewerkschaft IF Metall. Hierbei handelt es sich um Plattformen in Bangladesch und fünf anderen Produktionsländern, die aus lokalen Gewerkschaftsvertretern und lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der H&M Group bestehen, welche friedliche Konfliktlösungen unterstützen – überall dort entlang der Lieferkette, wo Parteien Schwierigkeiten haben, alleine zu Einigungen zu kommen und wo Auseinandersetzungen zu eskalieren drohen.“

Konkret zum Fall Bangladesch sagt H&M: „Das NMC in Bangladesch hat die Vorfälle gemeinsam mit den sechs Zulieferfabriken der H&M Group aufgearbeitet und sich gemeinsam darauf geeinigt, die Rechtsfälle gegenüber den Arbeitern nicht weiter zu verfolgen. Darüber hinaus haben Fabrikmanagement Teams zugesichert, an einer Lösung für die noch ausstehenden Fälle zu arbeiten. Das NMC verfolgt außerdem das Beilegungsverfahren um sicherzustellen, dass die Bestandteile der Vereinbarung von allen Parteien eingehalten werden. Des Weiteren haben lndustriAll Bangladesh Council (IBC), Bangladesh Garment Manufacturers sowie die Exporters Association (BGMEA) ein gemeinsames Komitee gegründet um die Polizeifälle und andere noch ausstehende Konflikte für alle Fabriken zu lösen, einschließlich jene der Zulieferfabriken der H&M Group. Das NMC unterstützt den Prozess und verfolgt die Fortschritte des Komitees.“

Streikende Arbeiter in Bangladesch müssen gehen

Auf die Frage, wann die Arbeiter in den betroffenen sechs H&M-Zulieferfabriken wieder arbeiten können, gab es jedoch nur eine für die Arbeiter wenig zufriedenstellende Antwort: „Die Gewerkschaften, welche die Arbeiter vertreten, haben sich gemeinsam mit den Zulieferern darauf geeinigt, dass die Arbeiter aus dem Arbeitsverhältnis ausschneiden, mit Zahlung einer gemeinsam verhandelten Ausgleichszahlung. Das gemeinsame Komitee von BGMEA und IBC verfolgt darüber hinaus jeden individuellen Fall mit, um zu bestätigen, dass die verhandelte Einigung erfüllt wird.“

Es bleibt also abzuwarten, wann die betroffenen Arbeiter ihre Ausgleichszahlungen erhalten und in welcher Höhe sie sind, dass heißt, wie lange die Arbeiter ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, wenn überhaupt. Was die Dauer der Polizeifälle und andere noch ausstehende Konflikte angeht, so liegt die Antwort beim lndustriAll Bangladesh Council und dem BGMEA, die FashionUnited als nächstes kontaktieren wird.

C&A, Inditex, Mango, Marks & Spencer und Next äußern sich nicht

Was die restlichen Antworten der Modemarken angeht, so versprach der britische Handelskonzern Marks & Spencer, der Anfrage von FashionUnited im Neuen Jahr nachzukommen, sobald „das Team“ sich ihr gewidmet habe. Eine Antwort ist bis heute nicht eingegangen. Von den Modeunternehmen Mango, Inditex und Next ging bis jetzt keine Antwort oder sonstige Nachricht auf die Anfrage von FashionUnited ein.

Der Modekonzern C&A bestätigte in einer automatisch generierten E-Mail nur den Erhalt der Anfrage und dass sie an die „zuständige Person“ weitergeleitet werde, sicherte sich jedoch mit dem Zusatz ab: „Wir werden uns nur dann mit Ihnen in Verbindung setzen, wenn es ein Interesse an Ihrem Vorschlag / Ihrer Anfrage gibt, das eine weitere Kommunikation rechtfertigt“. Das Schweigen des Unternehmens muss demnach als Desinteresse am Thema ausgelegt werden. Schade für die Arbeiter und Arbeiterinnen in Bangladesch, die für C&A Bekleidung herstellen.

Ohne zuviel in die Antworten auf die Nachfrage von FashionUnited hineinlesen zu wollen - jedes Unternehmen kann einmal einen schlechten Tag haben oder E-Mails können untergehen - zeigt es jedoch die Tendenz der Branche, dem Thema Arbeiterrechte - gerade von Arbeitern in Zulieferbetrieben - immer noch nicht die nötige Relevanz zu widmen. Von den angeschriebenen Modekonzernen waren nur die beiden größten zu einer Stellungnahme bereit; zwei weitere vertrösteten FashionUnited auf einen späteren Zeitpunkt, während drei gar nicht antworteten.

„Zwanzig Jahre CSR haben die Arbeitsbedingungen nicht verbessert und werden auch weiterhin scheitern, bis das vorherrschende Sozialprüfungssystem überarbeitet wurde. Den Marken kann nicht vertraut werden, dass sie sich selbst regulieren. Verbindliche Vorschriften mit der Androhung von Sanktionen und die Stärkung der Arbeiter durch Gewerkschaften sind die einzigen Mechanismen, die sicherstellen können, dass Markenverantwortung ernst genommen, die Sorgfaltspflicht eingehalten und das Leben der Arbeitnehmer geschützt wird“, fasst Ben Vanpeperstraete, Lobby- und Advocacy-Koordinator bei der Clean Clothes Campaign zusammen.

Fotos: Clean Clothes Campaign