Designerförderung: Mehr nachhaltige Unterstützung

Joachim Schirrmacher arbeitet als Creative Consultant. Nach der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann lernte er Öffentlichkeitsarbeit beim Otto Versand und studierte anschließend Designmanagement. Als Chefredakteur für ein Modefachmagazin hatte er jahrelang einen Blick auf alle Genres der deutschen Mode. Seit 1992 promotet er Mode, seit 2004 engagiert er sich für die gemeinnützige Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie zur Förderung der Ausbildung von Nachwuchskräften in der Modebranche, kurz SDBI. Mit dem European Fashion Award FASH der Stiftung fördert er junge europäische Designstudenten und Absolventen auf dem Weg in den ersten Job.

Herr Schirrmacher, wie gut ist die deutsche Modedesignerförderung aufgestellt?

Grundsätzlich ist sie schon wesentlich besser geworden. Das zeigte sich auch gerade während der letzten Berliner Modewoche. Die Politik interessiert sich mehr und mehr. Brigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin beim Wirtschaftsministerium, hat ein Grußwort gesendet, Abgeordnete wie Peter Ramsauer oder Gudrun Zollner waren zugegen und die Wirtschafts-, Entwicklungs- und Bildungsministerien sowie das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft waren diesmal alle da. Das ist neu und hat sehr stark mit der Förderungsqualität zu tun. Auch das Bewusstsein, dass Berlin und deutsche Mode allgemein gut sind, steigt.

Wir sind einer der größten Modemärkte der Welt und bilden rund die Hälfte aller Modestudierenden Europas aus - kreativ vergleichbar mit dem Level in England, aber technisch deutlich besser. In fast allen internationalen Modeunternehmen arbeiten deutsche Designer in Führungspositionen. Wir haben sowohl eine Technikkompetenz als auch eine hohe Modekompetenz und das ist eine gute Ausgangsposition.

Designerförderung: Mehr nachhaltige Unterstützung

Foto: © Bernhard Ludewig/SDBI

Gibt es Hindernisse, die den Aufbau einer deutschen Modekultur besonders erschweren?

Wie eben schon angedeutet: Die Basis ist da und sie ist gut. Ich denke, wir haben eine besondere Begabung zum Gesamtkunstwerk, man denke an Jil Sander, Wolfgang Joop, oder Bernhard Willhelm. Aber wir haben auch eine besondere Furcht vor der Macht der Bilder, die wir seit Leni Riefenstahl nicht überwunden haben, weil wir gesehen haben, wie schnell diese missbraucht werden kann. Es gibt wohl keine andere Nation dieser Größe, die so sehr ihre eigene Sprache verleugnet und ausschließlich englische Webseiten veröffentlicht. Wie oft bekommen Sie beispielsweise als deutsche Journalistin von deutschen Unternehmen eine Pressemitteilung auf Englisch zugesandt?

Ja, das kommt durchaus vor. Dagegen ist es beinahe unmöglich, eine französische Pressemitteilung auf Englisch zu bekommen.

Ja, richtig. Ich finde eine regionale Herangehensweise im kreativen Bereich durchaus interessant. Das lustvolle Spiel mit der deutschen Identität soll und darf Teil einer Ästhetik sein. Mode ist eben stark mit Identität verwoben. In den 90ern, nach der Wiedervereinigung, da wurde das möglich. Es gab damals das Magazin ‚Deutsch’. Vorher wäre es undenkbar gewesen, ein Magazin so zu nennen. Aber generell es macht für mich keinen Sinn, in der Mode national zu denken. Die Modestudierenden befinden sich ja auch jederzeit in einer internationalen Konkurrenzsituation, wenn es um Arbeitsplätze geht.

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Foto: © Bernhard Ludewig/SDBI

Was gab den Ausschlag für die Gründung der SDBI?

1977 gewann Klaus Steilmann den Modepreis der Stadt München für sein Engagement. Er war damals etwa so wichtig für die Branche wie Zalando heute; der größte Hersteller von Damenoberbekleidung in Europa. Mit dem Preisgeld rief er die Stiftung ins Leben, die sich der Förderung der Ausbildung von Modestudierenden widmen sollte. Damit sind wir die weltweit älteste Organisation zur Förderung von Modestudenten.

Damals war der Preis aber noch kein europaweiter?

Nein. Das war anfangs ein rein Münchner Preis. 1996 übernahm die Messe München die Stiftung auf einer Pro Bono Basis. 2004 bat man mich um Rat, was mit der Stiftung anzufangen sei. Ich habe mich dann um die Neuausrichtung der SDBI und des European Fashion Awards FASH gekümmert. Von Anfang an war ich der Meinung, dass es keinen Sinn ergibt, in der heutigen Zeit regionale oder nationale Modepreise zu vergeben.

Welche Akteure würden Sie sich in der Designerförderung in Deutschland stärker involviert wünschen?

Der Ruf nach der Politik ist groß, aber im Kern braucht es erst einmal die Industrie selbst. Wenn man andere Industrien betrachtet, ist es dort einfacher, Fördergelder einzusammeln.

In der Chemieindustrie bekommt ein Professor viel einfacher Forschungsgelder für ein vielversprechendes Projekt. Die deutsche Modebranche geht bisher nicht sonderlich behutsam mit ihrem Nachwuchs um. Es gibt kaum eine systematische Förderung von Forschung und Entwicklung im modischen Bereich. Sehr wohl im technischen, da sind wir gut aufgestellt. Dass wir in Zukunft mehr Kreativität brauchen, ist aber mittlerweile auch in der Politik angekommen.

Wir haben nun allerdings mit dem SDBI eine Größe erreicht, wo wir die Aufgaben neben unseren alltäglichen Jobs - wir engagieren uns ja alle pro bono - nicht mehr bewältigen können. Wir haben zwar bereits wichtige Partner an unserer Seite, den DAAD, die Staatlichen Museen zu Berlin beispielsweise, oder, ganz neu, den Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. Aber es braucht weitere Gelder, um unsere Potenziale nutzen zu können.

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Foto: Joachim Schirrmacher. © Martin C. Welker / SDBI

Wo kommen aktuell die Mittel her?

Aktuell kommen unsere Mittel primär von der Messe München und aus dem Freundeskreis. Closed, Freitag, vom Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie und WallDecaux. Ganz wesentlich wird unser Preis mitgetragen von den Kreativen selbst, die alle pro bono arbeiten.

Können wir uns in Sachen Designerförderung anderswo etwas abschauen?

Was wir von den Briten lernen können, ist eine Förderstruktur zu schaffen, die aufeinander aufbaut. Wir pflegen aktuell das Saatgut, das geht auch sehr gut auf. Dann muss man aber darüber nachdenken, wie man ein Label anschließend so fördert, dass es weiter wachsen kann. Dazu bräuchte es Stellen, die diese Förderung in Deutschland Hauptamtlich betreiben.

Wir haben ein Kompetenzzentrum der Bundesregierung für Kultur und Kreativwirtschaft, aber von den jährlich acht Milliarden, die in Deutschland in die klassische Kulturförderung investiert werden, geht so gut wie gar nichts in die Designerförderung. Außerdem steht uns der Föderalismus innerhalb Deutschlands im Weg. Die Gelder, die die Länder investieren, sollten wir bündeln und den Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund stellen. Indem wir intern einen Konkurrenzkampf zwischen München, NRW und Berlin zulassen, schwächen wir unsere Wahrnehmung im Ausland.Wir sollten froh sein, dass wir ein Label haben wie Berlin, das international begehrenswert ist, das für die gesamte deutsche Mode stehen kann. Diese Gelder, die verfügbar sind, zu bündeln und den Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund zu stellen, sollte das Ziel sein. Dieses Umdenken braucht aber Zeit und Lobbyarbeit.

Der FASH Award ist laut ihrer Website 200.000 Euro wert. Wie kommt dieser Wert zustande?

Es ist ein Geldpreis von 10.000 Euro und eine anschließende Förderung in Form von Aufwendungen: Preisverleihung, Modeshooting, Mentorenprogramm. Wir wollen die Designer intensiv in den Job hinein begleiten. Unser Preis zielt nicht, wie die meisten anderen Preise, auf das Fördern der Selbständigkeit ab. Das bedeutet sehr viel Kleinarbeit: Portfolioberatung, Bewerbungshilfe, Kontaktpflege, Karriereaufbau. Den Übergang von Studium zu Berufsrealität hinzubekommen, ohne dass die Preisträger ihre Kreativität verlieren, das ist die Herausforderung. Je besser der Designer ist, umso schwieriger wird es, ihn zu vermitteln. Weil die Kreativsten eben auch Widerworte geben und das ist in der Industrie oft nicht gewünscht. Deshalb müssen die Designer lernen, die Sprache der Geschäftsleute zu sprechen und ihre Kollektionen argumentativ zu verteidigen.

Was ist ihr Rat an junge Designer, die sich dennoch selbständig machen wollen?

Das sollen sie gerne tun, aber erst nachdem sie zehn Jahre im Job waren. Als Vorbild kann man Odeeh anführen. Jörg Ehrlich und Otto Drögsler haben lange in der Industrie gearbeitet und hatten daher alle wichtigen Kontakte in den Verkauf, den Vertrieb und zu den Medien. Dann haben sie ein Label mit nur einer Warengruppe, nämlich Jersey, gestartet.

Wenn heute ein junger Designer sein Label aufbaut und mit fünf oder zehn Warengruppen an den Start geht, ist das wirtschaftlich nicht zu produzieren.

Foto homepage: © Bernhard Ludewig/SDBI

 

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