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Große Shows, Erinnerungen und Buyer-Lieblinge: Die FW26-Highlights aus Berlin

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SF1OG FW26 Credits: Ben Mönks /BFW
Von Ole Spötter

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Nach den Menswear-Schauen in Paris, Mailand und Kopenhagen waren die Blicke in den vergangenen Tagen auf die deutsche Hauptstadt gerichtet. Die Berlin Fashion Week hat sich besonders als Nachwuchsschmiede, aber auch als neuer Anlaufpunkt für internationale Marken etabliert. Sie sind in Berlin die großen Namen im Kalender und nicht nur einer von vielen. Dazu gehören das Berliner Label GmbH sowie die japanische Marke John Lawrence Sullivan, die ihr Debüt bei der Modewoche gab.

Die Highlights und Buyer-Lieblinge im Überblick.

Erinnerungen

V.l.n.r.: Andrej Gronau, Buzigahill und Orange Culture Credits: ©Launchmetrics/spotlight

In dieser Saison haben sich mehrere Marken mit ihrer Vergangenheit und ihren Erinnerungen beschäftigt. Der in London ansässige Designer Andrej Gronau interpretierte das Puppenhaus als Konzept für Individualismus und Komfort. Dafür rief er zwei Erinnerungen aus dem familiären Kreis ab und ließ sich für seine farbenfrohe Kollektion von der Inneneinrichtung einer alten Villa inspirieren, in der seine Oma ihren 80. Geburtstag feierte. Wandverzierungen und kindliche Motive wie Einhörner fanden darin ihren Platz.

Adebayo Oke-Lawal, der nigerianische Designer hinter der Marke Orange Culture, erinnerte sich derweil an vergangene Tage mit seiner verstorbenen Mutter, an denen sie gemeinsam im Garten spielten. In der Kollektion zeigte sich die Inspiration in einer vielseitigen Farbpalette mit intensiven Tönen und Prints, die Mutter und Sohn skizzieren. Fließende Stoffe und verschiedene Texturen verkörperten die Reichhaltigkeit der Natur. Dabei stachen besonders Makramee-Pieces, die von einer ehemaligen Schulleiterin in Nigeria geknüpft werden, hervor.

Bobby Kolade, Designer des kreislauforientierten Labels Buzigahill, ließ sich für seine aktuelle Kollektion von den 1960ern und 1970ern in Ostafrika inspirieren. Im Mittelpunkt stand die zentrale Frage, warum Millennials aus diesem Teil der Welt wehmütig werden, wenn sie Bilder ihrer Großeltern sehen, die auf einem Parkettboden tanzen oder vor einem Citroën posieren. Die Zeit, nachdem Länder wie Uganda und Kenia ihre Unabhängigkeit erlangten, war von einem Gefühl der Freiheit und des Aufbruchs geprägt. Textilfabriken florierten in beiden Ländern und breite Kragen sowie Schlaghosen waren in Mode. Kolade übertrug diese Nostalgie in den zwölften Teil seiner „Return to Sender“-Kollektion, für die er mit Secondhand-Kleidung vom Ownio Market in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, arbeitete. Sie stammen meist aus Europa, den USA und Asien, wo sie nach seinem Design-Prozess auch wieder hingebracht werden sollen. Patchwork, Knüpftechniken und Materialmixe dominierten die Looks.

Modische Klänge

Das Berliner Label GmbH blickte auf die eigene Historie zurück, als es vor zehn Jahren seine ersten Schritte machte und die von der „der Weigerung – oder vielleicht eher der zwanghaften Unfähigkeit –, angesichts der Gräueltaten in der Welt zu schweigen, geprägt ist“, heißt es in den Shownotes. Die aktuelle Kollektion soll an die Anfänge als Marke erinnern, die eng mit Musik und Clubkultur verbunden ist. Sie bringe eigene Gedanken und historische Momente zusammen. Im Fokus steht dabei Berlins experimentelle Musiklandschaft der 80er, die von Synth-Musik und Widerstand geprägt war.

Zu diesen industriellen Klängen zeigte das GmbH-Duo, das aus Serhat Işık und Benjamin Huseby besteht, eine düster wirkende Kollektion in einem ehemaligen Heizkraftwerk, das auch den Technoclub Tresor beheimatet. Flauschige Outerwear und große Fellkragen reihten sich dabei neben dunklen Anzügen und körperbetonten Tops ein. Tailoring paarte sich mit sportlicher Eleganz. In Schwarz gehaltenen Blumen-Prints zählten zu den zentralen Designelementen, während die Farbpalette mit Schwarz, Weiß und Grau zurückhaltend war.

V.l.n.r.: Dagger, GmbH und John Lawrence Sullivan Credits: Finnegan-Koichi-Godenschweger (links) und ©Launchmetrics/spotlight (Mitte und rechts)

Musikalische Einflüsse inspirierten auch Arashi Yanagawa, den japanischen Designer hinter der Marke John Lawrence Sullivan, der am Montag sein Berlin-Debüt gab. Der ehemalige Boxer vereinte seine vergangene Laufbahn mit Erzählungen von Freund:innen, die in der norwegischen Metal-Szene angesiedelt sind und Parties im Wald feiern, erklärt der Designer. Die rockige Kollektion baute vor allem auf lange Lederpieces wie Mäntel, Boots und Handschuhe, die mit starkem Tailoring und transparenten Netzelementen vereint wurden.

Harte Gitarrenriffs erklangen auch bei Dagger. Gründer Luke Rainey schickte Skater:innen mit zerrissenen Baggy Jeans und Accessoires wie Slip-ons der Marke Vans und Rucksäcken des Spezialisten Eastpak auf den Laufsteg, die mit Zeichnungen und Sprüchen “beschmiert” waren, wie es bei Teenagern in den 2010er Jahren beliebt war. Rainey fokussierte sich dabei auf das Aufwachsen im nordirischen Portrush, das von mit Brettern vernagelten Spielhallen und rauem Küstenwetter geprägt war. Verschiedene Strick-Pieces, die einen Punk mit Iro-Frisur zeigten, waren neben Mustern wie Leo, Sternen und Streifen zu sehen. Im Gegensatz zu GmbH und John Lawrence Sullivan spielten bei Dagger verschiedene Farben und Mustermixe eine zentrale Rolle.

Große Bühne

Gleich mehrere Marken in Berlin überzeugten nicht nur mit ihrer Kollektion, sondern auch mit einer spannenden Kulisse.

OBS FW26 Credits: Ole Spötter für FashionUnited

Die Augsburger Marke OBS baute direkt drei verschiedene Sets auf, die auf der runden Präsentationsfläche durch Türrahmen verbunden waren. Der Runway war in ein Wohnzimmer, eine Werkstatt und eine Outdoor-Landschaft aufgeteilt.

Outerwear und Workwear gepaart mit Sets – darunter Hosen und Overshirt – fügten sich stimmig in das Gesamtbild ein. Im Fokus standen aber auch die verschiedenen Taschen der Marke, für die sie bekannt ist und auch das Interesse von Shuhei Iwasa weckte. Der Einkäufer der japanischen Kaufhauskette Takashimaya werde die Marke im Auge behalten, erklärte er.

Auch SF1OG spielte mit einer besonderen Laufsteg-Inszenierung. In der Mitte der industriellen Show-Location war eine Installation mit mehreren Waschbecken aufgebaut, aus denen Wasser plätscherte. Die dabei präsentierte Kollektion samt enger Jeans, Zweireiher-Jacken und großer Taschen analysierte die Zeit, in der Stars von Paparazzi gejagt wurden, um das “perfekte Foto” zu bekommen. Das Berliner Label beschäftigte sich in diesem Zusammenhang auch mit der Frage, wer wir sind, wenn niemand hinschaut, heißt es in den Shownotes. Verstecken und Beschützen sind zwei zentrale Mechanismen, die dabei mitschwingen.

SF1OG FW26 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Haderlump lud derweil ins Varietétheater Wintergarten ein und präsentierte die Kollektion auf einer Bühne und den daran angeschlossenen erhöhten Laufsteg. Nach einem Pianosolo öffnete sich der rote Vorhang, und heraus kamen Models in verschiedenen großen Mänteln und Nadelstreifen-Anzügen, aber auch verschiedene grobe Strick-Pieces waren zu sehen. Insgesamt waren die Silhouetten eher weit und pompös. Durch Elemente wie eine Matrosenmütze und historisch angelehnte Schnitte bei den Jacken entstand auch das Gefühl, man würde ein Theaterstück sehen und keine Modenschau.

Haderlump FW26 Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Den krönenden Abschluss der Modewoche bereitete dann Richert Beil. Das Berliner Label lud einige Gäste zum modischen Dinner ein, wobei diese auf Stühlen mit Minitischen Platz nahmen und im Rahmen der Präsentation verschiedene Gänge serviert bekamen. Die Looks des Service-Personal spielten mit Details wie Stoffservietten und Dienstmädchen-Schürzen. Zwischen den teils essbaren Gängen bewegten sich Models schwungvoll durch die Stuhlreihen, wobei die Silhouetten vom eng anliegenden Latex Look bis zum pompösen Dinner-Table reichten. „Das Dessert“ und damit der letzte Gang war ein Straußenei, aus dem die Gäste eine schwarze Rüschen-Pannty zogen. Der dazu gespielte Soundtrack sowie einzelne Elemente wie ein Gift-Behälter, der präsentiert wurde, während die Gäste einen Pilztrunk aus einem daran angelehnten Fläschchen tranken, ließen eine eher düstere Stimmung entstehen.

Richert Beil FW26 Credits: Boris Marberg/BFW

Die Lieblinge der Buyer

William Fan inszenierte derweil sein Ladengeschäft in der Mitte des rechteckigen Laufstegs, dem auch die Kollektion gewidmet war. Dafür inspirierte sich der in Berlin ansässige Designer von seinen Kund:innen, die in den vergangenen Jahren den Store besuchten.

Fans Show zählt auch zu den Highlights von David Smedley. Der Head of Buying beim US-amerikanischen Menswear-Händler SVRN erzählte in einer Sprachnachricht nach der Modewoche, dass für ihn die Verwendung von Textilien, Mustern, Formen und Silhouetten hervorstechen. Ihm blieben die Bewegung in den Kleiderstücken und die schimmernden Stoffe im Kopf.

„Ich liebe das Layering, das Color-, Texture- und Pattern-Blocking“, erzählt Smedley. „Obwohl es sich um tragbare Kleidungsstücke handelte, wirkten sie alle, als wären sie aus verschiedenen Teilen und Elementen anderer Dinge zusammengesetzt, und alles verschmolz zu etwas Nahtlosem und Harmonischem.“

Smedley schien so begeistert, dass er auch ernsthaft darüber nachdenkt, Fan in das Sortiment aufzunehmen. Die Marke, die nach eigenen Angaben europäische und chinesische Einflüsse vereint, würde für ihn besonders zum Standort in San Francisco passen, weil es dort eine große asiatische Diaspora gibt, aber auch wegen der “tiefen Wertschätzung für Künstler:innen und Modedesigner:innen mit ähnlichem ethnischem Hintergrund”.

V.l.n.r.: Marke, William Fan und Michael Sontag Credits: ©Launchmetrics/spotlight

Aber nicht nur Fan blieb dem Einkäufer in Erinnerung für mögliche Ordern. Auch das Berliner Designer-Urgestein Michael Sontag, der mit Drapierungen, verschiedenen Textilien und modularen Elementen spielte, sowie das Kölner Label Marke gehören dazu.

Marke, das Menswear-Label von Designer Mario Keine, hat sich in den letzten Saisons mehr und mehr in die Herzen der Buyer und Presse geschneidert. Smedley war besonders von der Poesie der Kollektion, den Hemden-Layers sowie der „meisterhaften Schneiderei" überzeugt.

Sonntag, Marke und Fan stehen auch auf der Liste von Stavros Karelis. Der Gründer des Londoner Concept Stores Machine-A, der eine Mischung aus namhaften Marken und Nachwuchstalenten anbietet, überlegt ebenfalls, diese Brands ins Sortiment aufzunehmen. Aber auch andere Marken wie GmbH, Orange Culture und Buzigahill gehören dazu. Wer es am Ende aber wirklich auf die Fläche schafft, müsse noch intern abgestimmt werden, so Karelis auf Anfrage von FashionUnited.

Für Iwasa ist bereits klar, dass er Buzigahill für Takashimaya ordern werde, erzählt er zwischen den Schauen des Präsentationsformats Intervention der PR-Agentur Reference Studios, an der das Label neben Marken wie GmbH, Dagger und John Lawrence Sullivan teilnahm. Aber auch über Marke und OBS würde er nachdenken.

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