Weniger streng und bequemer: Wie sich Bürokleidung durch die Pandemie verändert

Kostüme und Anzüge, die im Schrank verstaut sind, Jogging- oder sogar Pyjamas zu jeder Tageszeit: Die Verbreitung des Home-Office hat die Kleidungsgewohnheiten verändert. Selbst wenn Impfstoffe ein wenig Förmlichkeit zurückbringen könnten, dürfte die Kleidung, die wir zur Arbeit anziehen, auch nach der Pandemie weniger streng und bequemer werden. Seit März 2020 „kleiden sich alle von der Taille aufwärts für Zoom-Meetings”, witzelt Stylist Sascha Lilic. Darunter? „Tragen wir schöne kurze Hosen.” Und bei denen, die an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sind, stellen viele eine gewisse Lässigkeit fest. „Ich habe gesehen, wie jemand in Socken durch das Büro lief, um in eine andere Abteilung zu gehen”, erinnert sich Deanna Narveson, eine Journalistin in Baton Rouge im US-amerikanischen Bundesstaat Louisiana. „Und ich habe auch das Gefühl, dass ich mich im Büro legerer kleide”, sagt die junge Frau, die sich dennoch dazu zwingt, sich formell zu kleiden, wenn sie von zu Hause aus arbeitet.

Shorts und T-Shirts im Pentagon

Nach Aussagen von Befragten in mehreren Unternehmen geschieht alles im Stillen, ohne dass das Management und die Personalabteilungen eingreifen. „Shorts und T-Shirts im Pentagon sind ziemlich neu”, sagt Matt Triner, Chef der IT-Beratungsfirma Hunter Strategy, die schon an mehreren Projekten für die US-Regierung gearbeitet hat. Die Lockerung der Kleiderordnung in der Berufswelt war schon lange vor der Pandemie im Gange, angeführt von der Tech-Branche und der Start-up-Generation. Der Wind wehte sogar bereits in der Bankenbranche, als Goldman Sachs vor fast zwei Jahren eine “flexible” Kleiderordnung eingeführte, die die Mitarbeiter ermutigt, „sich auf ihr eigenes Urteil zu verlassen, was für ihren Arbeitstag angemessen ist”, so eine Sprecherin. Doch plötzlich beschleunigte sich alles. „Anzüge und Krawatten begannen bereits in der Tech-Branche zu verschwinden”, sagt Matt Triner. „Die Pandemie gab den letzten Überlebenden eine Ausrede, um loszulassen.”

Die Opfer der veränderten Arbeitskleidung

Das amerikanische Unternehmen Brooks Brothers, ein Musterbeispiel für professionellen Klassizismus,meldete im vergangenen Jahr Konkurs an, ebenso wie die Muttergesellschaft von Men’s Wearhouse, das vor allem für seine Anzüge bekannt ist, die unter dem doppelten Effekt der Pandemie leiden: weniger Shopping, aber auch weniger Formalismus. Der auf luxuriöse Herrenkonfektion spezialisierte New Yorker Designer David Hart hat den Anzug „vorerst auf Eis gelegt” und konzentriert sich mehr auf Strickwaren, Pullover und Polohemden. Auch im deutschsprachigen Raum leidet das Segment Businesswear. Vergangenes Jahr verabschiedeten sich mehrere bekannte Modehersteller vom Markt bei denen der Anzug im Fokus des Geschäftsmodells stand – vom Herrenausstatter Bäumler bis zum Traditionsunternehmen Strenesse. Auch der österreichische Herrenmodehändler Strandmeister musste Insolvenz anmelden. Der Verkauf von Anzügen leidet auch, weil Kunden hier mehr Beratung brauchen und auf die Passform achten. Deswegen kaufen sie – auch bei geschlossenen Läden – förmliche Jacketts oder Hosen nicht gerne online. „Der Kunde möchte sich dabei vor dem Spiegel sehen und möchte gegebenenfalls alles auf Maß perfekt abgesteckt haben”, erzählt Lars Braun, Geschäftsführer des Luxus-Männermodeanbieters Braun in Hamburg. Aus diesen Gründen führte der niederländische Herrenausstatter Only for Men während des Lockdowns Anpassen bei Stammkunden zuhause ein.

Schluss mit Krawatten: Die Männermode wandelt sich

Auch jenseits der Pandemie „wird ein Wandel in der Luft liegen”, prophezeit Sascha Lilic, vor allem für Männer. „Die Kleidung wird legerer werden. Das Outfit wird viel komfortorientierter sein.” Keine zu starren Schuhe mehr, keine zu engen Gürtel, und „wir werden viele Krawatten verlieren”, sagt der Mann, der schon mit mehreren Modehäusern wie Hugo Boss oder Elie Saab zusammengearbeitet hat. Die Trendwende ist bereits bei den Modehändlern sichtbar, wo immer mehr Jacken aus Baumwolle oder Leinen, Polohemden und sogar einfache Turnschuhe in den Handel kommen. „Ich denke, der Anzug wird bleiben, aber er wird nicht mehr diesen offensichtlichen physischen Effekt haben”, so Sascha Lilic. „Es wird weniger etwas sein, hinter dem man sich verstecken kann.” Für David Hart entspricht die Zeit nach der Pandemie „einem starken Wunsch, sich wieder gut anzuziehen”. Eine Tendenz in der Männermode war bereits vor der Ankunft des Coronavirus im Gange: „Die Leute werden anfangen, sich für sich selbst zu kleiden, und nicht, weil es das ist, was von ihnen bei der Arbeit erwartet wird.” Hart, der einen Teil seines Markenimages auf den Anzug mit Jackett und Hose ausgerichtet hat, träumt sogar von einer Welt nach der Pandemie, „in der Anzüge und Krawatten disruptiv werden”, neue Zeichen von Originalität inmitten einer Flut von Streetwear. „Der Mann im Anzug wird der neue Rebell sein.” (Fashionunited/ AFP)

Titelbild: Strellson Fall/Winter 2021/22

 

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