Diese Modekonzerne versprechen ihre Lieferanten auszuzahlen

Nach dem Ausbruch von Covid-19 stornierten Modeunternehmen Milliarden-Aufträge bei Lieferanten und wälzten damit ihre Probleme auf diejenigen ab, die sich am wenigsten wehren können: Fabrikbesitzer und Arbeiterinnen. Nach viel Kritik lenkten mehr als ein Dutzend Unternehmen wie H&M und Levi Strauss ein, andere Konzerne wie Bestseller und Primark stehen trotz öffentlicher Versprechen weiter im Visier der NGOs.

Auf die drastischen Umsatzeinbrüche während der Pandemie, reagierten viele Bekleidungskonzerne im Kurzschluss und stornierten Aufträge. Einige Unternehmen haben sich aber inzwischen öffentlich verpflichtet, zumindest die sich in Arbeit befindlichen Aufträge abzunehmen. Meist bleibt aber unklar, wann genau diese bezahlt werden und was mit den Bestellungen passiert, die noch nicht in Produktion gegangen sind. Aktuell haben 19 Modekonzerne laut der PayUp-Initiative der US-Nichtregierungsorganisation Remake versprochen, Lieferanten für alle Bestellungen zu bezahlen, die aufgrund des Coronavirus storniert oder unterbrochen wurden.

Diese Unternehmen müssen sich außerdem verpflichten, die stornierten und in Produktion befindlichen Aufträge vollständig ‒ ohne die Lieferanten um Rabatte zu bitten ‒ und rechtzeitig zu zahlen. Wer das nicht tut, bleibt weiter unter der Rubrik “nicht bezahlt” auf der Petitionsliste der NGO, die mittlerweile rund 260.000 Unterschriften gesammelt hat.

Unter den Modekonzernen, die noch nicht gezahlt haben, befinden sich mit Stand 22. Juli beispielsweise noch C&A, Forever 21, oder die URBN Group ‒ der US-Konzern hinter den Marken Anthropologie, Urban Outfitters und Free People.

18 Milliarden US-Dollar an Löhnen stehen noch aus

„Wir fordern von den Marken, dass sie einfach die ursprünglichen Zahlungsbedingungen einhalten”, sagte Remake-Gründerin Ayesha Barenblat in einer Email an FashionUnited. „Viele fordern Rabatte und drängen darauf Zahlungsziele zu verschieben, was dazu führt, dass die Fabriken nicht in der Lage sind, die Löhne zu zahlen, und die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Straße verhungern lassen.”

Der Denimhersteller Levi Strauss & Co gehört zu den Unternehmen, die die NGO unter den zahlenden Unternehmen nennt. „Wir übernehmen die volle Verantwortung ‒ und zahlen vollständig ‒ für alle fertigen, versandfertigen und in Arbeit befindlichen Aufträge”, teilte Levi’s Anfang Juli auf seiner Website mit. Der US-Konzern hat allerdings die Zahlungsfristen innerhalb “branchenüblicher Standards” verlängert und sorgt sich darum, dass bereits bestellte Garne und Stoffe verwendet werden. „Wir planen auch, Materialien, die bereits bei Lieferanten eingegangen sind, für Produktbestellungen in späteren Saisons zu verwenden.”

Insgesamt wurden durch die PayUp-Kampagne 22 Milliarden US-Dollar weltweit von Modeunternehmen bereitgestellt, schätzt Remake. Das mache etwa die Hälfte der 40 Milliarden US-Dollar an Löhnen aus, die den Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie zu Beginn der Covid-19-Pandemie geschuldet wurden. Zu den 19 Unternehmen, die sich zur Zahlung ihrer Lieferanten verpflichtet haben gehören derzeit: Adidas, Asos, Gap, Hennes & Mauritz, Inditex, Kiabi, Levi Strauss & Co, LPP, Lululemon, Marks & Spencer, Next, Nike, PVH, Ralph Lauren, Target, Tesco, Under Armour, Uniqlo, VF Corporation. „Es bleibt jedoch noch mehr Arbeit zu tun”, sagte Remake auf der Webseite seiner Petition.

Diese Modekonzerne versprechen ihre Lieferanten auszuzahlen

Bild: Screenshot Liste auf der Website von Remake

Kik stornierte weniger als ein Prozent, Primark platziert wieder Bestellungen in Milliardenhöhe

Viele Modeunternehmen haben nach dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus mit massiven Umsatzeinbußen zu kämpfen und müssen selbst weltweit Mitarbeiter entlassen. Angesichts von Ladenschließungen und gesunkener Nachfrage geraten viele in Zahlungsschwierigkeiten. Remake hat aber kein Verständnis bei Modemarken, die Dividenden an Aktionäre auszahlen und Arbeiterinnen und Arbeiter unbezahlt lassen. Andere Marken wiederum löschen #PayUp-Kommentare auf ihren Social Media-Konten, um das Thema klein zu halten, beobachtet die NGO.

Es gibt auch Unternehmen, wie den deutsche Discounter Kik, der nach eigenen Angaben nur wenige Aufträge storniert hat, aber nicht auf der Liste von Remake auftaucht, die sich auf die größten Modekonzerne weltweit konzentriert. Der Anteil der stornierten Bestellungen läge bei unter 1 Prozent, sagte Ansgar Lohmann, CSR-Chef von Kik in einem Interview Anfang Juni. Die Ladenöffnungen in Deutschland am 20. April seien noch frühzeitig genug gekommen und der Discounter musste keine weiteren Aufträge stornieren. “Viele Aufträge wurden allerdings verschoben, um fünf bis sechs Monate nach hinten, aber das geschah einvernehmlich. Wir haben nichts davon, wenn wir unsere Lieferanten überrumpeln, da wir ja doch wieder mit ihnen zusammenarbeiten wollen”, erzählt Lohmann.

Der irische Discounter Primark hat im April mit seiner Ankündigung für Schlagzeilen gesorgt, 370 Britische Pfund (424 Millionen Euro) an seine Zuliefer zu zahlen. Primark bezahlte damit alle Produkte, die sich zum damaligen Zeitpunkt in der Produktion befanden und bis zum 17. April übergeben werden sollten. Nach den Storeeröffnungen sei Primark aber wieder in der Lage gewesen Bestellungen von mehr als 1 Milliarde Britische Pfund (1,1 Milliarden Euro) für die kommende Herbst-Winter-Saison zu platzieren, teilte eine Sprecherin am Dienstag mit. "Wir hoffen, dass wir durch die Wiederaufnahme von Aufträgen gemeinsam mit dem Wiederaufbau beginnen können ‒ nach den Auswirkungen, die Covid-19 auf unsere gesamte Branche hatte." Allerdings wird der Textildiscounter weiter von Remake unter den Unternehmen gelistet, die noch “nicht bezahlt” haben.

Bezahlt oder doch nicht ganz?

”Primark hat auch eine viel bessere PR als #Pay(ing)Up”, sagte Remake-Gründerin Ayesha Barenblat auf die Frage, warum Primark trotz seiner öffentlichen Erklärung weiterhin auf ihrer Liste geführt wird. Die NGO bemängelt an Primark, dass der Textildiscounter nicht veröffentlicht, welchen Prozentsatz seiner gesamten unbezahlten Verpflichtungen der versprochene Betrag von 370 Millionen Britische Pfund ausmacht. Laut der NGO Worker’s Rights Consortium hat sich in Gesprächen mit Zulieferern ergeben, dass weiterhin Hunderte von Millionen Dollar ausstehen, für die Primark keine Zahlungsverpflichtung eingegangen ist. Außerdem bringe eine späte Zahlung der Aufträge viele Fabriken in Bedrängnis.

Ähnlich kritisch sieht Remake die öffentliche Erklärung von Bestseller. Der dänische Konzern hinter Marken wie Vero Moda, Jack & Jones und Only hat Anfang Juli kommuniziert, dass er Zahlungen für laufende Aufträge sofort freigeben und vorzeitige Zahlungen bis Oktober tätigen will, um sicherzustellen, dass Lieferanten genug Mittel haben, um ihren Geschäftsbetrieb fortzuführen. Trotzdem taucht der Konzern weiterhin auf der Liste von Remake unter “nicht bezahlt” auf. Ein Sprecher sagte auf Anfrage, dass das Bestseller versuche seine Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten gering zu halten und verwies für weitere Informationen auf seine Mitteilung von Anfang Juli.

Zum Fall von Bestseller bemängelt Remake die fehlende Verpflichtung, laufende Bestellungen vollständig zu bezahlen. Stattdessen spreche Bestseller im "individuellen Dialog" mit seinen Lieferanten. Im ungleichen Kräfteverhältnis zwischen Modeunternehmen und Lieferanten endeten solche Gespräche oft mit Rabatten und rückwirkenden Stornierungen, die Lieferanten in Liquiditätsprobleme bringen und dazu führen, dass die Beschäftigten nicht vollständig und rechtzeitig bezahlt werden. Außerdem bestehe Bestseller laut Informationen des Worker’s Rights Consortium darauf, dass Bestellungen nur dann als storniert gelten, wenn der jeweilige Lieferant einverstanden war.

Wer kontrolliert, ob Modekonzerne wirklich zahlen?

Wie kann Remake angesichts verzweigter Lieferketten und tausenden von Lieferanten kontrollieren, ob die Modekonzerne ihre Versprechungen einhalten? “Wir sprechen, wie auch andere Organisationen, regelmäßig mit den Zulieferern, und zu unseren Quellen gehören das Worker’s Rights Consortium, der Business and Human Rights Tracker und unsere eigene direkte Korrespondenz mit den Marken auf der #PayUp-Liste”, erklärt Barenblat. Um die Marken weiterhin zur Rechenschaft ziehen zu können, verlangt Remake von ihnen, ihre Erklärungen online zu veröffentlichen, so dass die Zulieferer die Chance haben zu bezeugen, ob die Marken zahlen oder nicht.

Laut der Liste der NGO haben die folgenden Unternehmen sich noch nicht öffentlich verpflichtet, ihre Lieferanten auszuzahlen: Arcadia, Bestseller, C&A, Edinburgh Woolen Mill, Fashion Nova, Forever 21, JCPenney, Kohl's, Li & Fung/Global Brands Group, Mothercare, Primark, Ross Stores, Sears, The Children's Place, TJX, URBN, Walmart/Asda.

Dieser Beitrag wurde mit Angaben von Remake aktualisiert.

Foto: Clean Clothes Campaign

 

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