Galerias Millionenkredit und Hitzewelle in Paris – was die Woche bewegte
Sanierung, Bilanzprüfung und Übernahmepoker bestimmten die Wirtschaftswoche: Galeria sicherte sich einen Kredit von bis zu 160 Millionen Euro, die Finanzaufsicht Bafin prüft den Konzernabschluss von Zalando, und die Frasers Group hält an ihrem Angebot für Hugo Boss fest. In Paris zwang eine Hitzewelle Häuser wie Dior und Rick Owens, ihre Herrenschauen für Frühjahr/Sommer 2027 in die Morgenstunden zu verlegen. Personell trennten sich Versace und Geschäftsführer Emmanuel Gintzburger, während bei Moschino die Sunnei-Gründer die Kreativdirektion übernahmen.
Business
Galeria sichert sich frisches Kapital: Die angeschlagene Warenhauskette erhält von der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers eine Kreditlinie von bis zu 160 Millionen Euro, an die ein auf drei Jahre angelegter Sanierungsplan mit weiteren Filialschließungen geknüpft ist. Von den derzeit 83 Warenhäusern gelten rund 30 als Wackelkandidaten. Fachleute bewerten die Lage zwiespältig: Während ein Teil von gewonnener Zeit spricht, sehen andere im Kredit allein noch kein tragfähiges Geschäftsmodell.
Das schwache Konsumklima drückte auf die Zahlen mehrerer Modeunternehmen. H&M verfehlte auch im zweiten Quartal die Erwartungen: Der Umsatz sank um drei Prozent auf 54,8 Milliarden schwedische Kronen (rund 4,95 Milliarden Euro), während die operative Marge auf 10,8 Prozent zulegte. Passend dazu verharrt die Verbraucher:innenstimmung in Deutschland laut GfK und NIM auf niedrigem Niveau; das Konsumklima stieg für Juli nur leicht auf minus 29,2 Punkte. Auch die Luxusbranche schwächelt. Einer Studie von Bain und Altagamma zufolge sanken die weltweiten Umsätze im ersten Quartal um drei bis fünf Prozent, wobei vor allem Europa nachgibt, während Amerika zulegt.
Die ANWR Group trotzte dem schwierigen Umfeld mit einem Umsatz von 626 Millionen Euro und einem Ergebnis vor Steuern von 7,1 Millionen Euro; die Mitglieder beschlossen eine Dividende von 15 Prozent. Vorstandschef Frank Schuffelen wertet die Lage als Ausdruck eines strukturellen Wandels im Handel und will den Kurs in Digitalisierung, Datenkompetenz und Künstliche Intelligenz fortsetzen. Der Schuhfachhandel bleibt mit einem Minus von 5,8 Prozent im ersten Halbjahr unter Druck, während die Sporttochter Sport 2000 deutlich zulegte.
Im Übernahmepoker um Hugo Boss bleibt die Frasers Group hart: Das Einzelhandelskonglomerat des Unternehmers Mike Ashley will sein freiwilliges Angebot von 38 Euro je Aktie nicht erhöhen. Die Hugo-Boss-Aktie notierte zuletzt mit 37,72 Euro unter dem Angebotspreis; Frasers ist bereits mit gut 26 Prozent beteiligt. Für das laufende Jahr erwartet Hugo Boss einen währungsbereinigten Umsatzrückgang im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich.
Die Finanzaufsicht Bafin prüft den Konzernabschluss von Zalando wegen möglicher Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften im Kontext der About-You-Übernahme; die Aktie verlor daraufhin rund fünf Prozent auf 25,29 Euro. Das Unternehmen bezeichnet den Punkt als rein formell und materiell unwesentlich. Auf juristischem Terrain bewegt sich auch Swatch: Der Schweizer Konzern verklagt Samsung vor dem High Court in London auf 170 Millionen US-Dollar, weil digitale Zifferblatt-Anwendungen die Designs von Marken wie Omega, Tissot und Breguet imitiert haben sollen.
Seidensticker bringt seine Damenmode ab der kommenden Ordersaison zurück in den Großhandel. Der Bielefelder Blusenspezialist setzt dabei laut Chefin Silvia Bentzinger auf eine fokussiertere Kollektion mit rund 60 Optionen und eine selektive Strategie; die Rückkehr ist für Frühjahr 2027 geplant. Die Damenmode macht derzeit etwa 30 Prozent des Umsatzes aus, ein Anstieg auf 40 Prozent gilt als realistisch.
Der europäische E-Commerce wächst trotz des schwierigen Konsumklimas: Laut einer McKinsey-Studie legt der digitale Handel bis 2029 um jährlich sechs Prozent zu, getrieben von Künstlicher Intelligenz. Bereits 38 Prozent der Europäer:innen nutzen KI bei der Kaufrecherche; bis 2030 könnten weltweit drei bis fünf Billionen US-Dollar über agentenbasierten Handel entstehen. Otto-Chef Boris Ewenstein bezeichnet KI als nächsten Paradigmenwechsel im Handel.
Mit einem Video von Mario Götze und einem Banner in New Jersey deutet Nike das erste DFB-Trikot aus eigener Produktion an. Ab 2027 stattet der US-Konzern die deutschen Nationalmannschaften aus und löst damit den langjährigen Ausrüster Adidas ab.
Mode
Mailands Herrenmode kämpft um Relevanz: Die Saison für Frühjahr/Sommer 2027 fiel so dünn aus, dass sich die Aufmerksamkeit der Branche schon vor dem offiziellen Ende nach Paris verlagerte. Mit Thom Brownes Mailand-Debüt und der Rückkehr von Ralph Lauren zog die Stadt zwar namhafte Marken an, doch Prada bleibt die einzige heimische Konstante mit echter Strahlkraft. In den Kollektionen zeichnete sich eine klare Verschiebung ab – die Rückkehr des Körpers, von muskulösen Silhouetten bei Dolce & Gabbana bis zur schlanken Linie bei Prada.
In Paris bestimmte die Hitzewelle den Auftakt der Herrenschauen für Frühjahr/Sommer 2027. Louis Vuitton eröffnete den ersten Tag mit Pharrell Williams’ Hommage an das Surfen und den Ozean – einer Show mit den Füßen im Sand vor einer riesigen Welle, begleitet von Orchester und Gospelchor. Jonathan Anderson verlegte seine dritte Dior-Kollektion auf den frühen Morgen und zeigte dekonstruierte, fast transparente Anzüge mit festlichen Pailletten-Akzenten. Auch Rick Owens zog seine Schau vor und präsentierte gemeinsam mit Adidas aufgeplusterte Trainingsjacken mit integrierten Ventilatoren, die auf der für die Fußball-Weltmeisterschaft entwickelten Climacool-Technologie beruhen.
Bei eben jener Weltmeisterschaft verkaufen sich die DFB-Trikots so gut wie nie. Adidas-Vorstandschef Björn Gulden rechnet mit mehr als drei Millionen verkauften Deutschland-Jerseys – dreimal so viel wie bei der Weltmeisterschaft 2022 und ein Rekordwert. Weltweit führen die Trikots Mexikos die Verkaufsliste an, gefolgt von Argentinien und Deutschland.
Welche Männermode-Trends vom Laufsteg in den Warenkorb wandern, zeigt eine Auswertung der Suchplattform Lyst. Die Nachfrage nach Slim- und Röhrenhosen stieg zuletzt um 25 Prozent monatlich, nach Bundfaltenhosen sogar um 110 Prozent seit 2025; intensives Rosa avanciert zur Sommerfarbe. Einen Ausblick weiter wagt Trendforscherin Christine Boland, die für Herbst/Winter 2027 unter dem Schlagwort „Regrounding“ bodenständigere, handwerklich geprägte Mode prognostiziert – ergänzt um dramatische, betont selbstbewusste Statement-Looks.
Auf der Kollaborationsseite stellte H&M eine Capsule-Kollektion mit dem New Yorker Label Wardrobe.NYC vor, das für zeitlose, kombinierbare Essentials steht; die Linie erscheint am 6. August. Beim Teleshopping-Sender QVC Deutschland bringt Laufsteg-Coach Bruce Darnell eine eigene Damenkollektion heraus – mit Preisen zwischen 39,99 und 499,99 Euro und einem ersten Fernsehauftritt am 2. August.
Personalien
Bewegung gab es in den Kreativabteilungen gleich mehrerer Häuser. Julien Dossena verlässt Rabanne nach 13 Jahren; eine Nachfolge ist noch offen. Bei Moschino übernehmen die Sunnei-Gründer Loris Messina und Simone Rizzo mit sofortiger Wirkung die Kreativdirektion und folgen auf Adrian Appiolaza; ihr Debüt geben sie im September während der Mailänder Modewoche.
Versace und Geschäftsführer Emmanuel Gintzburger gehen nach fast vier Jahren getrennte Wege. Der Abgang fällt in die Übergangsphase nach der Übernahme durch die Prada Group für 1,25 Milliarden Euro, in deren Zuge Pieter Mulier zum 1. Juli die kreative Leitung übernimmt.
Bei Mango verlässt Vertriebschef César de Vicente das Unternehmen nach sechs Jahren; eine direkte Nachfolge ist nicht vorgesehen. Stattdessen richtet der spanische Konzern seine Einzelhandelsstruktur dezentral aus und stützt sie künftig auf acht Regionalleitungen, wobei Europa in eine nördliche und eine südliche Region geteilt wird.
Nike beruft David Denton zum Finanzvorstand; der bisherige Pfizer-Manager tritt seinen Posten am 17. August an und soll die Turnaround-Strategie „Win Now“ stützen. Bei Marc Cain hat Patric Spethmann Anfang Juni den Geschäftsführerposten übernommen, nachdem er sieben Jahre lang die operative Leitung bei Marc O’Polo verantwortet hatte.
Einzelhandel
Die Münsteraner Damenmode-Marke Villa Sophie Label setzt ihre stationäre Expansion fort und eröffnete in der Stuttgarter Calwer Straße ihren sechsten Store. Das Ladenkonzept setzt auf helle Materialien, eine reduzierte Formsprache und eine integrierte Kaffeebar.
Die Rockband System of a Down eröffnet entlang ihrer Europatournee Pop-up-Stores in fünf Städten von Stockholm bis Düsseldorf. Das Sortiment umfasst exklusives Merchandise sowie Fußballtrikots aus einer Kollaboration mit dem dänischen Sportartikler Hummel.
In Mailand bündelt Prada Mode, Kulinarik und Kultur in der neuen Prada Galleria in der Galleria Vittorio Emanuele II. Der mehrstöckige Erlebnisraum mit Boutiquen, der Konditorei Marchesi 1824 und der Ausstellung „Pradasphere“ wird ab September für die Öffentlichkeit zugänglich sein.
Messen
Die Pitti Bimbo in Florenz zeigte in ihrer 103. Ausgabe, dass ein kleineres Format Vorteile haben kann. Statt einst mehr als 500 Aussteller:innen präsentierten sich rund 120 sorgfältig kuratierte Marken. Einkäufer:innen wie die der französischen Plattform Smallable lobten die Dynamik und entdeckten Neuheiten wie das chinesische Label Poco Blush.
Auf der Pariser Technologiemesse VivaTech führten Unternehmen konkrete Anwendungen generativer Künstlicher Intelligenz in Mode und Kosmetik vor. Das Start-up Rebuilder AI generiert für Asics produktionsreife Schuhdesigns binnen Stunden statt Wochen, Sephora verknüpft die Beratung mit Sprachmodellen wie ChatGPT, und Dior entwickelt einen KI-Agenten zur Vorbereitung von Boutique-Besuchen.
Kultur
Zum 75-jährigen Jubiläum feiert sich Marimekko mit einer Ausstellung in Japan. Die finnische Marke zeigt ab 4. Juli in Tokio, Hiroshima und Nagasaki rund 70 ikonische Kleider, interaktive Installationen und eine neue Zusammenarbeit mit dem japanischen Designer Akira Minagawa.
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