Deutschland im Shutdown: Stimmen zur Öffnung stationärer Einzelhändler

Deutschland spaltet die neue Regelung zur Lockerung des Shutdowns von Läden. Ab Montag, dem 20. April, dürfen Geschäfte bis zu 800 Quadratmetern graduell und unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen. Aber die neue Bestimmung erntet auch von Modehändlern viel Kritik.

Größere Einzelhändler befürchten, dass das zu Wettbewerbsverzerrung, Rechtsunsicherheiten und einem Ausbleiben von Kunden für kleine Händler führe, da die großen Kundenmagneten fehlten. Auf der anderen Seite warnt die Regierung vor einer zu frühen Öffnung vieler Geschäfte, um eine erneute Infektionswelle zu verhindern. FashionUnited hat einige Stimmen zur Öffnung stationärer Einzelhändler zusammengestellt.

Gegenstimmen sprechen von Wettbewerbsverzerrung

„Die Politik will verhindern, dass die Leute in die Stadt gehen. Das ist wahrscheinlich gelungen“, sagte etwa Steffen Jost, Präsident des Handelsverbandes Textil (BTE), am Donnerstag. Er bezweifelt auch, dass die Menschen in die Läden strömen werden, aber schaut man nach Österreich oder China, wo die ersten Wiedereröffnungen von Kunden begeistert angenommen wurden, dann dürfte der Einzelhandel doch mit einem Ansturm rechnen.

EHI-Geschäftsführer Michael Gerling stimmt Jost zu und stellt seine eigenen Vermutungen zur 800 Quadratmeter-Entscheidung an: „Wenn, wie immer wieder betont wird, vor allem das Abstandhalten wesentliches Kriterium zur Eindämmung der weiteren Verbreitung von Covid-19 ist, dann hätte niemals die schlichte Größe der Verkaufsfläche Maßstab für die Entscheidung über Geschäftsöffnungen sein dürfen. Die Entscheidung der Politik zeugt von mangelnder Sachkompetenz in Fragen des Einzelhandels. Und sie legt die Vermutung nahe, dass einerseits die Lobbyisten der Automobilindustrie wieder einmal ihren ganzen Einfluss geltend machen konnten und das Lesen und Radfahren zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten unserer Politiker zählen,“ so Gerling in einer Stellungnahme vom Donnerstag.

Für ihn heißt die Entscheidung, dass Ungleichheiten „stark verschärft“ und einige Wettbewerber im Einzelhandel „eindeutig diskriminiert werden“, was bedeuten könnte, dass sie die nächsten vier Wochen finanziell nicht überstehen. Ähnliches befürchten auch neun deutsche Wirtschaftsverbände, darunter der HDE und BGA, die anführen, dass sehr viele Unternehmen schon seit Wochen mit Hilfskrediten und Stundungen von Steuern und Sozialabgaben über Wasser gehalten werden, die sie nicht zurückzahlen werden können. Sie warnen vor Überschuldung und Insolvenz.

Friedrich-Wilhelm Göbel, Leiter der Textilkaufhäuser Sinn, will sogar gerichtlich gegen die Entscheidung der Regierung vorgehen: „Dies ist Wettbewerbsverzerrung in reinster Form, durch den Staat. Ein Anwalt, der sich mit Staatsrecht beschäftigt, wird prüfen, ob der Staat sich hier für den wirtschaftlichen Schaden haftbar macht“, erklärte er gegenüber der Textilwirtschaft.

Man sollte jedoch auch bedenken, dass die Entscheidung der Regierung vom Mittwoch auch bedeutet, dass rund 75 Prozent der Geschäfte des Einzelhandels ab Montag wieder öffnen können; für die Gastronomie zum Beispiel ist noch keine Lockerung in Sicht. Einzelhändler wie Kik, Tedi und Gerry Weber begrüßen daher die Ladenöffnungs-Entscheidung.

Modehändler Gerry Weber etwa will alle Filialen mit einer Verkaufsfläche von maximal 800 Quadratmetern wieder öffnen und bereitet sich darauf mit genug Schutzmasken und Desinfektionsmittel sowohl für Mitarbeiter als auch für Kunden vor.

Entsprechend bereiten sich auch Buch-, Auto- und Fahrradläden mit Feuereifer auf ihre Wiedereröffnungen vor wie etwa der Bocholter Fahrradladen Roses Bikes, der auch Textilien verkauft. Textildiscounter Kik will ab Montag bis zu 95 Prozent seiner mehr als 2600 Filialen in Deutschland wieder in Betrieb nehmen.

Einzelhändler mit größeren Filialen wie Sinn, Görtz, H&M und andere sind empört oder nicht sicher, wie die Lockerung des Shutdown auszulegen ist. Dürfen größere Geschäfte öffnen, wenn sie einen Teil ihrer Fläche absperren? Und beziehen sich die 800 Quadratmeter auf Verkaufs- oder Ladenfläche? Hier können die Länder entscheiden; auch, wann Einzelhändler wieder eröffnen können - etwa am 20. April wie in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen oder erst am 27. April wie in Bayern und Thüringen.

Mittelstand fordert konkreten Exit-Fahrplan

Der Mittelstandsverbund warnt vor einem „Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen“ und fordert einen konkreten Exit-Fahrplan, der eine Vorlaufzeit und eine einheitliche Regelung vorsieht. In einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Brief an die Ministerpräsidenten appellierte Hauptgeschäftsführer Ludwig Veltmann an die Politik, Perspektiven für die Unternehmen zu bieten, die ihren Betrieb noch nicht wieder aufnehmen können.

Man darf also gespannt sein, welche Lösungen nicht nur die Bundesländer, sondern auch einzelne Händler finden und ob die Verbraucher in die Läden strömen oder sich an das Einkaufen von der Wohnzimmercouch gewöhnt haben. Auf jeden Fall sollten Hygiene- und Flächencoaches für den Rest des Jahres beibehalten werden, besonders im Ausverkauf und in der Vorweihnachtszeit.

Foto: FashionUnited

 

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