SS21-Round-up: Wie europäische Einkäufer ordern

Das Ordern für SS21 ist in vollem Gange – von verschobenen und verkleinerten Kollektionen bis hin zum digitalen Einkaufsprozess ist in dieser Saison doch einiges anders. Welche Themen beschäftigen Einkäufer von Düsseldorf bis Paris? Hier haben wir ihre Aussagen über Planung und Budget aus den Interviews der vergangenen Wochen zusammengefasst.

Einkäufer passen ihre Planung an

„Diese Saison ist sehr speziell, und wir sehen mehrere Strategien von Marken: ein kleinerer Drop oder manchmal eine Kapsel, die später präsentiert wird”, sagte Maud Barrionuevo, Chefeinkäuferin bei 24S, der Luxus-Online-Plattform, die zur LVMH-Gruppe gehört. Die Website bietet Artikel von mehr als 300 Marken für Männer und Frauen. „Einige Themen aus AW20 werden manchmal für SS21 behalten. Andere Marken bieten im September nur einen einzigen Drop an”.

Die verkleinerten Kollektionen oder gestrichenen Pre-Kollektionen für SS21 könnten die Umsätze des zweiten Halbjahres für viele Modehändler beeinträchtigen. Anstatt wie sonst schon ab November, wird die SS21-Ware vielerorts erst später kommen. „Unser Sommer startet bei fast 50 Prozent der Lieferanten im Januar, Umsätze, die wir sonst im November und Dezember tätigen, erreichen wir so eventuell nicht”, sagt Miriam Anlauf, Buying Director für Damen-Artikel und Boutique bei Peek & Cloppenburg Düsseldorf.

Der durcheinander gewirbelte Saisonrhythmus bringt aber auch Vorteile für Einkäufer mit sich.„Viele Lieferanten sind nicht rechtzeitig mit ihrer Musterkollektion fertig geworden, sprich die Hauptkollektion und Pre-Kollektion werden zusammen präsentiert”, erzählt André Myburgh, Head of Merchandise Fashion & Accessoires des Zürcher Traditionskaufhauses Jelmoli. „Das ist natürlich für uns gut, dann hast du Einblick in alles und musst nicht dein Budget schon vorab aufteilen.”

„Normalerweise ist der Terminplan sehr voll, wir machen vier bis fünf Termine pro Tag. Für diese Saison werden wir das Tempo wahrscheinlich verlangsamen, weil sich das Ordern länger hinziehen wird”, erzählt Régis Pennel, der Gründer der Pariser Boutique L'Exception. Er erwartet, dass der Ende Juni begonnene Einkaufsprozess noch bis Oktober dauern wird.

Zeineb Chaouch, Mitbegründer des Pariser Concept Stores Le DiX gibt nur Bestellungen auf, wenn die Partnermarken bereit sind, sie anzunehmen. Sein Laden arbeitet hauptsächlich mit nachhaltigen Modemarken zusammen, die zumeist eine Kollektion oder weniger im Jahr anbieten. In normalen Zeiten kann die geringe Häufigkeit ein Handicap darstellen, aber während der Pandemie kann Chaouch flexibler reagieren.

Digitales Ordern

Der Großteil der Order der Brüsseler Designer-Boutique Stijl muss in diesem Jahr virtuell abgewickelt werden. Das ist frustrierend, findet der Herrenkollektionen-Einkäufer Hendrik Opdebeek. „In unserer Marktnische ist Sehen und Fühlen unerlässlich. Ein Hemd ist ein Hemd. Erst wenn es durch die Hände eines Designers gegangen ist, wird es zu einem Designerstück”, erzählt er. „Den Unterschied zu einem Hemd aus der Einkaufsstraße sieht man erst dann wirklich, wenn es sich auf dem Laufsteg und dann im Showroom bewegt".

Auch Gabriela Holscher-Di Marco, die Besitzerin des Düsseldorfer Designer-Stores Ela Selected, hält nichts vom digitalen Ordern ‒ gerade für Boutiquen wie ihre. Die Designer, die sie führt, würden sich auch notfalls ‘back to the roots’ ins Auto setzten und die Kollektionen bei ihr im Haus zeigen. „Das haben wir früher oft gemacht. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich die Designer jede Saison treffe und die Menschlichkeit, die Kontakte, Haptik und Showroom-Atmosphäre spüre, sowie vom Designer höre was er sich bei der Kollektion gedacht hat”, erzählt Holscher-Di Marco.

Beim digitalen Ordern können oft die Details der Stoffe und Farben der Bekleidung noch nicht zufriedenstellend abgebildet werden. Das macht insbesondere das Ordern neuer Brands schwierig. „Sobald etwas in dunkelblau oder schwarz ist, sieht man nicht genau, ob das jetzt zum Beispiel wattiert oder gesteppt ist, sagte Jelmoli-Einkäufer Myburgh. „Bei Denim bekomme ich nur schwer die Waschung über den Bildschirm vermittelt. Und ein Blauton der nicht sitzt ‒ da hast du den Stapel daliegen bis zum Sale.” Bei Kleidungsstücken mit technischen Stoffen haben er und seine Einkäufer ‘Swatchcards’ angefordert, um den Stoff anfassen zu können.

„Die Mischung macht es am Ende. Die aktuelle Zeit hat gezeigt, dass viele Dinge digital super gut machbar sind”, sagt P&C-Einkäuferin Miriam Anlauf. Für sie ist es hilfreich, wenn ein Lieferant eine Art ‘Storytelling’ zur Kollektion bereitstellt, und bei den einzelnen Teilen bewegte Bilder mit 360-Grad-Ansicht dabei sind, damit man sehen kann, wie ein Kleidungsstück fällt. Ob ihr Team sich die Kollektionen im Showroom ansieht, hängt auch davon ab, wie viel geordert werden soll. „Wenn wir ein sehr großes Limit ausgeben und einen Artikel in sehr hohen Stückzahlen einteilen, sind wir natürlich schon daran interessiert, dass der Artikel so ist, wie wir ihn uns vorstellen”, sagte Anlauf.

Der eigentliche Prozess des physischen Buying ist für größere Kollektionen mit mehreren Kategorien nicht reproduzierbar, findet Mytheresa-Modechefeinkäuferin Tiffany Hsu. „Für Marken, die eine kleinere Produktauswahl anbieten, kann das jedoch auf jeden Fall digital erfolgen, wenn sie gute Bilder von Modellen haben, die die Kleidungsstücke tragen.” Sie findet auch, dass die Qualität des Line-Sheets, mit der Brands gegenüber Buyern die wichtigsten Informationen über sich und ihre Kollektion präsentieren, noch gesteigert werden kann, ebenso die der Bilder, die den Einkäufern zur Verfügung stehen. „Da wir ein E-Commerce-Unternehmen sind und digital an unsere Kunden verkaufen, ist meine Erwartung an Marken, die Produkte an Einkäufer verkaufen, auf dem gleichen Niveau, was nicht immer der Fall ist”, sagte Hsu.

Einkäufer ordern vorsichtiger

Die meisten befragten Einkäufer gehen bedachter in die Saison. „Von der allgemeinen Herangehensweise sind wir vorsichtig, das ist auch geboten. Der Anteil an NOS und Basics kann noch gesteigert werden, da kommt es am Ende auch darauf an, was die Lieferanten anbieten,” sagt Miriam Anlauf. Peek & Cloppenburg will sein nachhaltiges Sortiment steigern und auch einen zeitlosen Anteil haben.

„Auf jeden Fall werden wir für die nächste Saison weniger kaufen. Einige nicht saisonale Stücke werden wir nächsten Sommer wieder in den Laden stellen", sagt Opdebeek von der Boutique de Stijl.

Auf zeitlose Mode setzt auch Mytheresa Einkäuferin Tiffany Hsu. Aber im Gegensatz zu ihren Kollegen plant sie ihr Budget gegenüber vergangenem Jahr zu erhöhen und die Bestellungen wie gewohnt aufzugeben, um sicherzustellen, dass die Lieferungen pünktlich eintreffen.

„Ich denke, die Einkäufer werden alle vorsichtiger werden und schauen, was und wann einzusteuern ist”, sagte Jelmoli-Einkäufer Myburgh. “Mehr auf Wertigkeit und Never-Out-of-stock zu gehen ‒ ich glaube das wird sich auf jeden Fall verändern, dass man nicht wild einkauft, weil man das Limit hat und ausgeben muss. Diese Zeiten sind vorbei."

Dieser Beitrag entstand mithilfe von Julia Garel, Jesse Brouns und Ole Spötter.

Bild: Le Dix

 

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