Beschaffung in Pakistan: Sieben Jahre nach Brandunglück hat sich nicht viel geändert

Während die Bekleidungsindustrie weltweit inzwischen weiß, was sich am 24. April 2013 in Bangladesch ereignete, als das Rana Plaza-Gebäude mit fünf Bekleidungsfabriken einstürzte und 1.134 Arbeiter getötet und 2.500 verletzt wurden, können sich nur wenige an Pakistans schlimmstes Industrieunglück erinnern, das sich nur wenige Monate zuvor ereignete: Am 11. September 2012 brach bei Ali Enterprises ein Brand aus, einem Bekleidungsexporteur, der Jeans, Strickwaren und Strumpfwaren für Käufer in Europa und Nordamerika herstellte und zeitweise bis zu 1.500 Arbeiter beschäftigte.

Als das Feuer ausbrach, befanden sich zwischen 300 und 400 Mitarbeiter in der Fabrik. Das Feuer entzündete Chemikalien, die in der Fabrik aufbewahrt wurden, und konnte sich so schnell ausbreiten; zu schnell für die 289 Arbeiter, die es nicht schafften und entweder an Rauchvergiftungen oder Verbrennungen starben oder bei der sich ausbreitenden Panik zu Tode getrampelt wurden, da alle Ausgänge verschlossen und viele Fenster durch Eisengitter gesichert waren. Sieben Jahre später hat sich leider nicht viel geändert, wie der kürzlich von der Clean Clothes Campaign und anderen Beteiligten veröffentlichte Bericht „Pakistan's Garment Workers Need a Safety Accord“ herausfand.

Hunderte starben in den letzten Jahren in ähnlichen Szenarien

„Das völlige Fehlen einer angemessenen Sicherheitsüberwachung in der pakistanischen Bekleidungsindustrie hat in den letzten Jahren Hunderte von Menschenleben gefordert. Selbst Maßnahmen, die sofort umgesetzt werden könnten, wie die Sicherstellung, dass Arbeiter nie in Fabriken eingesperrt sind und die Entfernung von Waren vor Notausgängen, hätten einen Unterschied machen und Hunderte von Leben bei dem Brand von Ali Enterprises und den vielen Bränden seitdem retten können“, stellte Zulfiqar Shah, Direktor von PILER (Pakistan Institute of Labour Education and Research), in einer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung fest.

„Es gibt keine Würde der Arbeiter. Wir müssen uns jeden Tag mit Beleidigungen auseinandersetzen. Sie beschimpfen uns und schließen das Tor vor unserer Nase zu. Vor zwei Tagen wurden einige von uns ausgeschlossen, weil wir uns gegen die Haltung des Managements beschwert hatten.... Es gibt keine Feuermelder oder Sicherheitssysteme. Wir erhalten keine Handschuhe oder Masken.... Ein Arbeiter hat bei einem Arbeitsunfall sein Bein verloren. Ihm wurde keine Entschädigung gezahlt“, beschwerte sich eine 21-jährige Packerin im Bericht.

Keine Arbeitnehmervertretung in Pakistan

Der Bericht hebt hervor, dass in Pakistan seit 2012 zwar mehrere Initiativen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit eingeleitet wurden, dass aber alle nur begrenzt transparent und nicht durchsetzbar seien. Zudem wurde keine von ihnen unter Beteiligung von Gewerkschaften oder anderen Arbeitnehmerrechtsgruppen in Pakistan entwickelt. „Eine Vertretung der Arbeitnehmer fehlt nicht nur in der Gestaltung, sondern auch in der Umsetzung und Leitung“, so die Clean Clothes Campaign.

„Die größte Hürde bei der Gewerkschaftsbildung ist, dass sie Arbeiter, die sich organisieren wollen, feuern. Selbst wenn sie nur zwei Leute sehen, die miteinander reden, verlieren sie ihren Job“, sagte eine 40-jährige Frau, die als Zuschneiderin in einer der 300.000 pakistanischen Textil- und Bekleidungsfabriken arbeitet. Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist die größte herstellende Industrie Pakistans und beschäftigt etwa 45 Prozent der Arbeitskräfte, die eine der größten Arbeiterschaften der Welt ist. Die Textil- und Bekleidungsindustrie macht 70 Prozent der Exporte des Landes und 8,5 Prozent des BIP aus.

Keine große Beteiligung internationaler Interessengruppen

Während die Bemühungen in Bangladesch zu einem Vorbild für aufstrebende Bekleidungsbranchen in anderen Ländern geworden sind, scheint das (fast) benachbarte Pakistan die Gelegenheit verpasst zu haben, wenn es um die Beteiligung internationaler Akteure geht. „Pakistans Bekleidungsfabriken sind nach wie vor Todesfallen. Sieben Jahre nach diesem schrecklichen Brand ist es höchste Zeit für Unternehmen, deren Kleidung und Heimtextilien in Pakistan hergestellt werden, die Sicherheit der Arbeitnehmer ernst zu nehmen. Alle Beteiligten der pakistanischen Textil- und Bekleidungsindustrie auf lokaler und internationaler Ebene müssen Verantwortung übernehmen, um die Sicherheit dieser Arbeitnehmer zu gewährleisten und die Menschen, die ihre Produkte herstellen, in den Mittelpunkt ihrer Sicherheitsbemühungen zu stellen“, fordert Nasir Mansoor, Präsident des pakistanischen Gewerkschaftsverbands (PNTUF).

Stattdessen verwenden Marken und Einzelhändler weiterhin dieselben Inspektionen für Unternehmen, die es in der Vergangenheit nicht geschafft haben, die Branche sinnvoll zu verbessern oder Menschenleben zu retten - selbst Ali Enterprises hatte wenige Wochen vor dem Brand einen international anerkannten Sicherheitstest erfolgreich bestanden. „Die pakistanischen Aufsichtsbehörden der Regierung sind nach wie vor unterbesetzt, unterfinanziert und können eine wachsende Industrie nicht sinnvoll abdecken. In der Zwischenzeit riskieren die Arbeiter weiterhin täglich ihr Leben in unsicheren Fabriken und Spinnereien“, heißt es im Bericht. [Anm. d. Red.: Es gibt derzeit 547 Prüfer für etwa 300.000 Fabriken, so Le Monde.]

Beschaffung in Pakistan: Sieben Jahre nach Brandunglück hat sich nicht viel geändert

Eine verbindliche Vereinbarung muss her

Die Lösung scheint einfach zu sein: Das zu tun, was in Bangladesch getan wurde, und eine rechtsverbindliche Vereinbarung zwischen Bekleidungsmarken und lokalen und globalen Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechtsgruppen ins Leben zu rufen, um auch in Pakistan Arbeitsplätze sicher zu machen. „Eine solche Vereinbarung muss sich auf die Lehren stützen, die aus dem Abkommen zu Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch gewonnen wurden, und darauf abzielen, Transparenz, Durchführung, kommerzielle Verpflichtungen und die Beteiligung der Arbeitnehmer in den Mittelpunkt des Programms zu stellen“, empfiehlt der Bericht.

„Wir haben in Bangladesch, wo gleichzeitig zwei Sicherheitsinitiativen entstanden sind, gesehen, dass das Engagement der Arbeitnehmer, Transparenz und Verbindlichkeit für die Schaffung eines erfolgreichen Sicherheitsprogramms von entscheidender Bedeutung sind. Während die von Unternehmen kontrollierte Allianz für Arbeitersicherheit in Bangladesch nie unabhängige Gruppen der Arbeitnehmervertretung in ihre Gestaltung, Entwicklung oder Leitung einbezogen hat und sich weigerte, rechtsverbindliche Zusagen von Unternehmen zu verlangen, setzte das Abkommen einen bahnbrechenden neuen Standard für ein transformatives, transparentes, durchsetzbares und wirksames Inspektions- und Sanierungssystem. Jedwedes Sicherheitsprogramm in Pakistan muss aus diesen Erfahrungen lernen und darauf aufbauen“, ergänzt Ineke Zeldenrust, internationale Koordinatorin der Clean Clothes Campaign.

Ein neues Abkommen muss alle Fabriken einschließen, exportorientiert oder nicht

Der Bericht empfiehlt auch, dass die nationalen und provinziellen Regierungen Pakistans eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um die Einhaltung der Vorschriften in Bekleidungs- und Textilfabriken zu verbessern, die nicht unter das vorgesehene Abkommen fallen würden, nämlich solche, die nicht für den internationalen Markt produzieren. Leider scheinen die aktuellen Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, da die Regierung von Punjab, Pakistans bevölkerungsreichster Provinz, erst diesen Monat beschloss, Fabrikinspektionen zu verbieten.

„Die Regierung Punjabs hat diese Maßnahme damit begründet, dass sie gut für Wirtschaft und Beschäftigung wäre. Kann sich die pakistanische Industrie wirklich nur entwickeln, wenn sie Arbeitnehmerrechte verletzt und das Risiko von Fabrikunglücken erhöht? Wir verurteilen diese Entscheidung und fordern die Regierung Punjabs auf, das Verbot von Werksinspektionen aufzuheben und stattdessen in ihr Arbeitsministerium zu investieren“, fordert Khalid Mahmood, Direktor der Labour Education Foundation in Pakistan.

Selbstüberwachung reicht nicht aus

Abschließend heißt es im Bericht, dass die Regierungen in den Ländern, in denen sich die wichtigsten Bekleidungsmarken und Einzelhändler befinden, die unverantwortliche Selbstkontrolle durch die wichtigsten Akteure der Bekleidungsindustrie beenden können und müssen, indem sie verbindliche Gesetze zur Sorgfaltspflicht im Bereich der Menschenrechte einführen und so die Verantwortlichkeit in der Lieferkette durchsetzen. Um auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit wirklich etwas bewirken zu können, müssen die Prüfungsunternehmen darüber hinaus für fehlerhafte Inspektionen, die Leben kosten können, haftbar gemacht werden.

Der komplette Bericht, „Pakistan’s Garment Workers Need a Safety Accord“, der von der Clean Clothes Campaign zusammen mit dem International Labor Rights Forum, der Labour Education Foundation, National Trade Union Federation und dem Pakistan Institute of Labour Education and Research herausgegeben wurden, kann online unter www.laborrights.org/pakistansafety heruntergeladen werden.

Fotos: Bericht: “Pakistan’s Garment Workers Need a Safety Accord”

 

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