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Ein Besuch in der C&A-Vorzeigefabrik im Herzen Europas

Von Weixin Zha

30. Mai 2022

Business |Multimedia-Reportage

Bild von C&A FIT ©2022 C. Niehlinger

C&A stellt wieder Kleidung in Deutschland her. Der Modekonzern sieht in der Jeansfabrik in Mönchengladbach eine Blaupause für die Zukunft der Produktion im Herzen Europas. Setzt er damit einen Trend für die Bekleidungsbranche? Ein multimedialer Besuch.

In der neuen Jeansfabrik von C&A im Mönchengladbacher Monforts Quartier herrscht Aufbruchstimmung. In der hohen Fabrikhalle brummen die Nähmaschinen, pro Tag werden hier bis zu 900 Hosen produziert. Vor rund zwei Jahren entschloss sich C&A wieder in Deutschland herzustellen, im Herbst lief die Produktion an. Ein halbes Jahr später wird der Herstellungsprozess in der Fabrik noch laufend optimiert.

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Der Cutter könnte noch mehr Stofflagen auf einmal schneiden, größere Order bearbeiten, sagt Uwe Gansfort, der Geschäftsführer des Werkes als er Ende April durch die Halle läuft. Die Fabrik zählt 83 Mitarbeitende, die emsig an den Nähmaschinen, Bügelstationen und der Legemaschine arbeiten.

Noch nicht komplett

„Wir sind immer noch nicht komplett, was die Maschinenausstattung anbelangt”, erzählt Gansfort. C&A leidet wie die gesamte Branche an den seit der Coronavirus-Pandemie stockenden weltweiten Lieferketten; die Container für Seefracht sind knapp an, es mangelt an Mikrochips für Maschinen.

„Hier vorne haben wir noch Platz, da soll ein Zutaten-Magazin entstehen – also für Reißverschlüsse, Nieten, Nähgarne und so weiter”, sagt er und zeigt auf eine noch leere Wand in der Halle, die recht geräumig wirkt. „Aber das ist noch nicht geliefert, da wird es noch ein paar Monate dauern, bis wir es in Betrieb nehmen können.”

In seiner langen Karriere hat der Manager viele Umbrüche in der Modebranche miterlebt. Zuletzt war Gansfort Geschäftsführer von Canda International, einer Tochtergesellschaft, die für die internationale Beschaffung formeller Kleidung bei C&A zuständig war. Die Einheit wird nun aufgelöst, weil die Pandemie die Nachfrage nach förmlicher Kleidung reduziert hat.

Näher an der Nachfrage

Ein anderer Trend, den Expert:innen seit Jahren prognostizieren, ist das Re-Shoring – die Rückführung der Textilproduktion aus Ländern in Fernost wie Bangladesch oder China. Abgesehen von Vorzeigeprojekten wie der Adidas-Speedfactory in Ansbach, die der Sportartikelhersteller wieder eingestellt hat, hält sich die Modeindustrie aber zurück. Die Lieferschwierigkeiten während der Pandemie haben aber erneut verdeutlicht, wie vorteilhaft es wäre, genau dort Kleidung herzustellen, wo sie auch gekauft wird.

Bei C&A ist es noch gar nicht so lange her, dass der Konzern Kleidung in Deutschland anfertigen ließ. Uwe Gansfort arbeitete für das Mettinger Werk, das Anzüge hergestellt hat. In den 2000ern wurde die Fabrik am Stammsitz der Eigentümerfamilie Brenninkmeijer schließlich doch geschlossen und die Produktion verlagert. Aber die Expertise in der Bekleidungsproduktion blieb bei Mitarbeitenden wie Gansfort.

Aber wie kann C&A mit seiner Fabrik in Mönchengladbach mit Billiglohnländern in Fernost mithalten? Ein Pfeiler sind Automation und digitalisierte Fertigungsprozesse, die eine rentable Fertigung in Europa ermöglichen sollen.

„Was es an Automatisierung gibt, wird eingesetzt”

„Wir gehören zu den modernsten Fabriken der Welt. Das, was es an Automatisierung bei uns im Bekleidungssektor gibt, wird eingesetzt”, sagt Gansfort. Das beginnt beim Warenhausroboter, der die Rollen mit Denimstoff aus dem Lager nimmt, die anschließend automatisch gelegt und zugeschnitten werden. Für Schritte wie das Aufsetzen und Aufnähen der Taschen, Einsetzen der Knöpfe und Reißverschlüsse gibt es Maschinen. Der Großteil des Nähprozesses aber, zu dem das Zusammennähen der Hosenbeine gehört – also alles, was noch an der Nähmaschine passiert – geschieht noch per Hand.

„60 bis 70 Prozent sind immer noch manuell”, schätzt Gansfort. Der Automatisierungsgrad in Branche sei nicht so hoch wie in der Automobilbranche, weil die weichen Materialien nicht so gut von Robotern gegriffen werden können. Allerdings hofft Gansfort, dass der weltweite Arbeitskräftemangel den Druck auf die Automatisation erhöht. „Wir hoffen, dass das Innovationen freisetzt, dass man irgendwann auch Seitennähte automatisch schließen kann, mehr mit Robotern und Greifarmen arbeiten kann, aber das wird sicherlich noch einige Jahre dauern”, so der Leiter der Fabrik, die offiziell C&A “Factory for Innovation in Textiles” heißt. Oder kurz C&A FIT.

Insgesamt hat der Bekleidungskonzern fast fünf Millionen Euro in die Fabrik investiert. Expert:innen haben für C&A berechnet, dass die Fabrik mit 90 Mitarbeitenden die bestmögliche Produktivität bei der Fabrikgröße von 4300 Quadratmetern, der bestehenden Anzahl von Maschinen und dem Investment erreicht. Einige Menschen müssen also zu den bisherigen 83 noch angestellt werden, um das Optimum zu erreichen.

„Unbedingt profitabel”

„Wir wollen mit dieser Fabrik hier unbedingt profitabel arbeiten und nicht nur einen Showcase inszenieren”, betont Gansfort. „Wir sind ein Massenhersteller und wir haben diese Fabrik auf Masse ausgerichtet, also auf große Stückzahlen.” Pro Tag werden momentan 800 bis 900 Jeanshosen produziert. Diese Menge muss auf 2000 ansteigen, um die jährliche Produktionsmenge von 420.000 Paar zu erreichen. Dieses Ziel hat sich C&A für das erste Jahr gesetzt, später könnte diese Zahl auf 800.000 ansteigen. Wenn die Fabrik Volllast erreicht, soll sie etwa 3 Prozent der gesamten Denim für C&A Europa produzieren. So das Ziel.

Seit Ende März werden die in Mönchengladbach hergestellten Denim im Onlineshop verkauft, im August geht es voraussichtlich in die Filialen. „Wir sind bisher schon zufrieden mit den Abverkäufen”, sagt C&A Kommunikationschefin Betty Kieß bei einem Videocall Ende April. Auch angesichts der Konsumentenstimmung, die unter dem Krieg in der Ukraine leidet. Genaue Abverkaufszahlen nennt sie nicht.

Nachhaltigere Mode für alle

Online verkauft C&A sechs Jeans-Modelle, jeweils drei für Damen und Herren. Bis jetzt verkaufen sich die Damenmodelle besser als die für Männer, was jedoch laut Kieß nicht ungewöhnlich sei. An den Rücksendungen sehe C&A wo die Hosen bei Style und Passform noch nachgebessert werden müssen. „Wir wollen, während wir produzieren, auch weiter lernen”, erklärt Kieß. In drei bis vier Monaten wird nochmal eine Gesamtevaluation stattfinden. Es können auch neue Styles dazu kommen.

Die in Mönchengladbach produzierten Hosen kosten mit 59,99 Euro etwa doppelt so viel wie andere Jeans von C&A, und gehören damit zu den teuersten Produkten im Sortiment. Mit dem Versprechen von fairer Produktion in der Europäischen Union und Denimstoff aus Biobaumwolle hofft der Konzern, die Menschen davon zu überzeugen, mehr auszugeben. Der höhere Preis trägt auch dazu bei, dass die Herstellung in Deutschland profitabel ist. Die Marge dieser Jeans liege aber etwas unter denen der anderen Denim aus dem Sortiment, sagt Gansfort.

Im Vergleich zu Jeans anderer Hersteller, die in der EU hergestellt werden und Denimstoff aus Biobaumwolle von der italienischen Weberei Candiani beziehen, sind die Hosen von C&A aber noch günstig.

„C&A stand schon immer dafür, Mode zu demokratisieren, und jetzt wollen wir den nächsten Schritt gehen und nachhaltige Mode demokratisieren”, sagt Kieß. Mit der modernen Fabrik in Mönchengladbach soll C&A die Pionierrolle von einst wieder einnehmen, als der Händler Mode mit Konfektionsware – neueste Trends wie Bikini und Minirock – für alle zugänglich machte.

Blueprint

Um wieder die Pionierrolle einzunehmen, wurde seit dem Antritt von Geschäftsführerin Giny Boer einiges angestoßen. Der vormals eher verschwiegene Konzern C&A gibt sich nicht nur in der Kommunikation offener und transparenter, viele Medien besuchten und berichteten beispielsweise über das Vorzeigewerk in Mönchengladbach. Diese Offenheit ist ungewöhnlich für die Modebranche – wie es in der Speedfactory von Adidas aussah, war bis zum Ende ein gut gehütetes Geheimnis. C&A verändert auch interne Strukturen, streicht Stellen und konzentriert sich auf Eigenmarken.

Auch das Sortiment wird derzeit überarbeitet, um “modernere Mode” für Frauen anzubieten, was mit einer Veränderung der Produktbandbreite einhergeht. „Wir möchten eine klarere Linie, unsere Handschrift, in den Stores und im Shop für Kund:innen erkennbar machen. Daher reduzieren wir die Anzahl der Produktvarianten um circa 30 Prozent”, sagt Kieß. In diesem Prozess schaue sich das Unternehmen auch an, welche Anforderungen es gibt und wie sie am besten bedient werden.

„Wo kann man im Hinblick auf die gesamte Lieferkette dann die Produkte am besten herstellen und fertigen?” Das sei eine wichtige Frage, sagt Kieß. Denn Merchandise, Produktbandbreite und Herstellung hängen sehr eng zusammen. Hier kommt die Fabrik in Mönchengladbach wieder ins Spiel. Mit einer eigenen Produktion kann C&A schnell auf reagieren.

„Wenn die Materialien vor Ort sind, sind wir sicherlich in der Lage Hosen innerhalb von zwei bis drei Wochen nachzuproduzieren und in die Läden zu bringen”, sagt Gansfort. Bei einer Order mit 20.000 Teilen könne man darüber nachdenken, gewisse Größen, die sich schneller als erwartet verkaufen, schnell nachzuproduzieren. Er betont aber auch, dass das Werk auf große Stückzahlen und komplett auf die Produktion von Hosen ausgelegt ist. „Einzelteile on Demand, drei bis vier Jeans, die man sich selbst zusammenstellt, kann vielleicht in der Zukunft kommen, aber das ist jetzt nicht der Fall”, so Gansfort.

C&A wollte mit einem Produkt wie der Jeans beginnen, bei dem es sich gut auskennt. Aber andere Produkte seien nicht ausgeschlossen, sagt Kieß. Eine Parzelle neben der Halle, wo die Jeanshosen in Mönchengladbach hergestellt werden, ist noch frei – falls eines Tages noch expandiert werden soll. Es könnte noch eine zweite Schicht eingeführt werden und mehr Menschen angestellt werden, sagt Ganfort.

Aber das hänge davon ab, wie sich die Hosen verkaufen, dann können die Halle und Maschinen noch stärker ausgelastet werden. Vieles ist also noch möglich, wie lange gibt sich C&A Zeit für das Projekt? Der Mietvertrag für die Halle im Monforts Quartier läuft zumindest zehn Jahre.

Was der Konzern hier lernt, soll auch an andere Produktionsstandorte oder nach Asien getragen werden. „Letztlich ist es uns wichtig, das Thema Produktion in Europa wieder in unser Portfolio einzubauen”, sagt Kieß. „Es ist etwas, was für uns ein Blueprint sein kann. Wir schließen nicht aus, noch mehr in Europa zu produzieren.”

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