Lesara - wie kam es zum Aus?

Noch vor wenigen Monaten schien es nicht undenkbar, dass der Berliner Onlinehändler Lesara wie geplant die Nummer 1 im internationalen Fashion-Discount Markt werden könnte: Die Umsätze waren gut, das Unternehmen expandierte in immer mehr europäische Märkte, gewann Auszeichnungen und konnte sich Geldmittel in Finanzierungsrunden sichern. Dann, plötzlich, im November letzten Jahres kam die Nachricht, dass Lesara Insolvenz anmelden muss; die Branche war geschockt. Vor wenigen Tagen schloss das Berliner Unternehmen dann seinen Onlineshop und steht nun endgültig vor dem Aus. Wie konnte es so schnell dazu kommen? FashionUnited hat die Entwicklungen der letzten Jahre nachgezeichnet.

Noch vor dreieinhalb Jahren konnte Lesara ein rasantes Wachstum verzeichnen, was Gründer und CEO Roman Kirsch zuversichtlich machte, bald eine Vorreiterrolle im europäischen Onlinehandel einzunehmen. „Wir verstehen uns als Onlineshop für trendaktuelle Mode- und Lifestyleprodukte zu besten Preisen. Spätestens nach dem Engagement von dem internationalen Investor Northzone bei Lesara sind wir unserem Ziel, zu einem führenden Player in Europa und darüber hinaus zu werden, mit großen Schritten näher gekommen“, sagte er im Interview mit FashionUnited im Oktober 2015.

Gutes Geschäftsmodell bringt Erfolg

Auch das Geschäftsmodell schien solide, konnte es doch durch die Einsparung teurer Offline-Filialen, hoher Marketingausgaben und das Überspringen von Mittelsmännern den niedrigen Einkaufspreis direkt an die Endkunden weitergeben. Der direkte Kontakt zu Fabriken in China durch ein Sourcing-Büro in Guangzhou ein Logistikzentrum in Shenzhen garantierte optimale Preise, hohe Qualität und die Umsetzung von Trends in nur zwei bis vier Wochen, wesentlich schneller als die Konkurrenz.

Der Erfolg blieb nicht aus: Bereits im Dezember 2015 erweiterte Lesara seine Präsenz über Deutschland, Österreich, die Schweiz, Luxemburg, Italien und die Niederlande hinaus in 16 weitere europäische Länder. Das Berliner Unternehmen nutzte die im Herbst vom skandinavischen Investor Northzone erhaltene Finanzspritze in Höhe von 15 Millionen Euro, um auch in Spanien, Griechenland, Portugal, Bulgarien, Irland, Rumänien, Ungarn, Estland, Lettland, der Slowakei, Polen, Tschechien, Schweden, Dänemark, Finnland, Großbritannien und Nordirland aktiv zu werden.

Lesara - wie kam es zum Aus?

Lesara erreicht 50.000 Produkte und 4 Millionen Benutzer

Lesara - wie kam es zum Aus?

Den Traum, über 50.000 Produkte aus den Bereichen Fashion, Lifestyle, Accessoires und Home & Living anzubieten, konnte das Unternehmen bereits im Februar 2016 verwirklichen, als es auch in Frankreich startete. Damit war Lesara in 23 Ländern und fünf Sprachen aktiv und verzeichnete, nach eigenen Angaben, insgesamt rund 4 Millionen Unique User pro Monat und steigerte seinen Umsatz um 500 Prozent auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Dieser Erfolg blieb der Branche und darüber hinaus nicht verborgen: Das renommierte US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes kürte Kirsch im Januar 2016 in seiner Talent-Liste „30 under 30“ zu einem von Europas talentiertesten Jungunternehmern und nannte ihn einen „Pionier der Agile Retail Industrie“, einer Weiterentwicklung von Fast Fashion. Im Mai desselben Jahres gewann Lesara den Tech5 Award und wurde auf der Konferenz „The Next Web“ zu Europas schnellst wachsendem Tech-Startup gekürt.

Umsatz und Reichweite in Europa wächst

Auch im dritten Jahr seit Gründung konnte Lesara ein sattes Umsatzwachstum verzeichnen, stieg der Umsatz 2016 im Vergleich zum Geschäftsjahr 2015 doch um 175 Prozent auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Das Unternehmen hatte jetzt einen Kundenstamm von 1,5 Millionen aktiven Kunden in ganz Europa, die auf ein Sortiment von über 70.000 Produkte zurückgreifen konnten.

„Lesara entwickelt sich immer mehr zu einem global führenden Onlineshop für attraktive und gleichzeitig preiswerte Mode- und Lifestyleprodukte. Wir sind in 23 Märkten aktiv und eröffnen unseren Kunden weltweit den Zugang zu Trendprodukten. Es gibt derzeit kein Unternehmen, das Trends schneller erkennt und entsprechende Produkte zu so günstigen Preisen bei kontrollierter Qualität anbieten kann", kommentierte Kirsch.

Neue Finanzspritze von 40 Millionen US-Dollar

Im September 2017 sicherte sich das Berliner Start-up dann in einer “C”-Finanzierungsrunde 40 Millionen US-Dollar von neuen und bestehenden Investoren aus den USA und Großbritannien und brachte damit die Gesamtsumme der bisher gesicherten Gelder auf 60 Millionen US-Dollar. Diese sollten unter anderem in die strategische Entwicklung und Expansion in Märkte wie Schweden, Dänemark, Spanien, Belgien und Großbritannien gesteckt werden.

Durch sein agiles Fast Fashion-Modell schaffte das Unternehmen es inzwischen, Modetrends in Rekordschnelle auf den Markt zu bringen. „Die großen Ketten wie H&M oder Primark brauchen dafür knapp vier Monate“, erklärte Kirsch im September 2017. „Bei uns dauert es vom Erkennen des Trends bis zum Angebot im Shop nur zehn Tage.“

100.000 Artikel und neues Logistikzentrum

Inzwischen bestand das aktuelle Inventar aus 100.000 Mode-und Lifestyle-Artikeln; 2.000 neue Styles kamen jede Woche hinzu - für einige der Offline-Konkurrenten das Äquivalent der gesamten Kollektion einer Saison. Bei einem so großen, ständig wechselnden Angebot wird eines natürlich unerläßlich - gute Logistik. Lesara betreibt zu dem Zeitpunkt zwei deutsche Logistikzentren, eines in Berlin und eines in Stauffenberg bei Kassel, sowie das chinesische in Shenzhen, beschließt aber, das ein weiteres nötig sei.

So wird bereits im Oktober 2017 in ein neues Logistikzentrum im Güterverkehrszentrum in Erfurt investiert: 45 Millionen Euro soll es kosten und 200 Arbeitsplätze schaffen. Auf einer Fläche von rund 55.000 Quadratmetern sollen täglich etwa 33.500 und in Spitzenzeiten - wie im Weihnachtsgeschäft - bis zu 85.000 Pakete umgeschlagen und an Kunden in 24 europäische Länder geliefert werden. Warenannahme, Warenein- und Auslagerung, Produktverpackung, Paketkonfiguration, Versand und Retourenmanagement sollen hier mit modernster Förder- und Logistiktechnik miteinander vernetzt werden. Im August 2018 ist es dann soweit: Das neue Logistikzentrum startet in Erfurt.

Lesara - wie kam es zum Aus?

Lesara meldet Insolvenz an

So weit, so gut, könnte man denken, doch dann die Nachricht, die die Branche schockte: Im November letzten Jahres beantragte Lesara beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg Insolvenz in Eigenverantwortung an. Eine „stockende Finanzierung des starken Wachstums”, sei der Grund, so das Unternehmen, die auch die jüngste Finanzierungsrunde und Gesamtinvestitionen von rund 90 Millionen Euro nicht auffangen konnten. Teures Onlinemarketing und das neue Logistikzentrum in Erfurt verhinderten, dass der Onlinehändler schwarze Zahlen schrieb. 2016 verzeichnete er einen von 11 auf 14 Millionen Euro gestiegenen Verlust.

„Wir sind zuversichtlich, dass wir zeitnah eine nachhaltige Lösung für das Unternehmen und die Mitarbeiter erreichen werden, die einen Fortbestand und eine weitere Expansion sicherstellt“, sagte eine Lesara Sprecherin noch im November. Auch die Arbeitsplätze der 350 Mitarbeiter an Standorten in Berlin, Erfurt und Guangzhou, China, seien nicht in Gefahr und über die Bundesagentur für Arbeit noch bis Ende Januar 2019 gesichert. Der Geschäftsbetrieb solle vorläufig unverändert weitergehen, hieß es.

Es hätte eine Brückenfinanzierung von rund 10 Millionen Euro gebraucht; diese wollten die Investoren - darunter 3L Capital, Northzone, Mangrove Capital Partners und Vorwerk Ventures - aber nicht bewilligen. Eine Drosselung der Ausgaben sollte helfen und der Beschluss, die Sanierung des Unternehmens im Rahmen eines Regelinsolvenzverfahrens fortzusetzen. Zudem sollte ein Investor her und zunächst hatten auch einige Finanzinvestoren aus dem In- und Ausland Interesse bekundet.

„Lesara ist ein im Kern gesundes Unternehmen mit einem wettbewerbsfähigen Geschäftsmodell“, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter Christian Graf Brockdorff. „Angesichts des hohen Investoreninteresses und der außerordentlichen Motivation der Mitarbeiter von Lesara bin ich zuversichtlich, dass eine Sanierungslösung gelingen wird.“ Der Geschäftsbetrieb lief unterdessen unvermindert weiter.

Investor springt ab; Lesara steht vor dem Aus

Am 1. Februar kam dann jedoch die Hiobsbotschaft: Ein strategischer Investor sei in letzter Sekunde abgesprungen, nachdem der Insolvenzverwalter bereits die letzten Details des Kaufvertrags ausgehandelt habe. Damit ist Lesara zur Aufgabe gezwungen. „Nach dem überraschenden Rückzug des Investors kann die für die nächsten Tage geplante Übernahme des Geschäftsbetriebs der Lesara AG nicht stattfinden“, sagte Brockdorff. Weitere ernsthafte Interessenten gäbe es derzeit nicht. „Wir konzentrieren uns jetzt zunächst auf die Verhandlungen um eine Übernahme des Logistikzentrums in Erfurt“, für das es mehrere Interessenten gäbe.

Die Restbelegschaft von 50 Mitarbeitern organisierte inzwischen den Abverkauf des Lagerbestands im Online-Shop, der zu diesem Zweck vollständig aufrecht erhalten wird. Vor wenigen Tagen schließt auch dieser und Lesara steht vor dem endgültigen Aus. „Wir bedauern sehr Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Lesara Online Shop geschlossen wurde. Wir unternehmen alle Anstrengungen, das alle bisher aufgegebenen Bestellungen erfüllt und ausgeliefert werden“, ist derzeit die einzige Nachricht auf der Website.

Für Kirsch bedeutet das Aus für Lesara sicher nicht das Ende seiner Gründerkarriere, hatte der Unternehmer doch zuvor bereits den Online-Shoppingclub Casacanda gegründet und an Fab verkauft. Jetzt gilt es, aus den Fehlern von Lesara zu lernen und es besser zu machen. Man darf gespannt sein, was Kirsch als nächstes aus dem Hut zaubern wird.

Fotos: Lesara

 

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