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Ausbeutung in Europa: Menschenrechtsverstöße in der Produktion für deutsche Modemarken

Von Simone Preuss

28. Apr. 2020

Business |STUDIE

Vor vier Tagen jährte sich der Jahrestag des Einsturzes des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch zum siebten Mal. Mehr als 1,100 Bekleidungsarbeiter und -arbeiterinnen kamen dabei ums Leben; Tausende wurden verletzt. Das Ereignis beleuchtete die unhaltbaren Arbeitsbedingungen der Menschen: eingesperrt, eingeschüchtert und chronisch unterbezahlt. Tragisch, denken wir uns, aber weit weg. Eine neue Recherche der Kampagne für Saubere Kleidung und Brot für die Welt zeigt, dass diese Arbeitsbedingungen auch bei der Produktion in Europa vorherrschen; die Aussagen und das Schicksal von Arbeiterinnen in Bulgarien, Kroatien, Serbien und der Ukraine decken sich mit denen ihren Kolleginnen in Bangladesch.

Als eine der größten Modehandelsnationen der Welt ist Deutschland der wichtigste Auftraggeber für Bekleidung hergestellt in der Ukraine und Bulgarien und der zweitwichtigste für Kroatien und Serbien. Für ihre Studie „Ausbeutung Made in Europe“ befragten Forscherinnen und Forscher in den vier untersuchten Ländern für die Kampagne für Saubere Kleidung und Brot für die Welt Beschäftigte von Lieferanten deutscher Modefirmen in der Ukraine, Serbien, Kroatien und Bulgarien. In allen vier Ländern arbeiten ungefähr 120.000 Arbeiterinnen und Arbeiter allein für deutsche Marken.

Menschenrechtsverstöße sind in allen vier Ländern an der Tagesordnung

Die Recherche fand etliche Verstöße gegen die Menschenrechte in den untersuchten vier Ländern, der schwerwiegendste in Bezug auf die gezahlten Löhne: „Durchweg ist das Menschenrecht auf einen existenzsichernden Lohn verletzt worden. Schlimmer noch: Keine Näherin bei den untersuchten Lieferanten deutscher Modemarken verdiente über der EU-Armutsschwelle. Bei dem Esprit- und Gerry Weber-Lieferanten in der Ukraine wird der Lohn seit über einem Jahr mit monatelangen Rückständen und unvollständig gezahlt“, so das Fazit. Der Netto-Lohn einer Näherin reicht von umgerechnet 165 Euro in der Ukraine bis zu 405 Euro in Kroatien - alle deutlich unter der Armutsgrenze.

Gender-Diskriminierung ist naheliegend, da in allen vier Ländern die Bekleidungsindustrie mit einem Anteil von 90 Prozent und mehr weiblicher Beschäftigter das am schlechtesten bezahlte verarbeitende Gewerbe ist. Nähen ist einer der am schlechtesten bezahlten Arbeitsplätze in einer Bekleidungsfabrik und zudem wird in der Regel im Akkord genäht. Während diese Akkord-Arbeitsplätze fast vollständig Frauen besetzen, finden sich in Managementpositionen wesentlich weniger Frauen, fand der Bericht heraus.

Auch die Würde der Arbeiterinnen und das Recht auf gerechte und günstige Arbeitsbedingungen wird regelmäßig verletzt: Beschäftigte aller untersuchten Betriebe berichteten über Drohungen, Beleidigungen, Demütigungen und Einschüchterungen. Arbeiterinnen in Mittel-, Mittelost-, Ost- und Südosteuropa berichteten von erstaunlich ähnlichen ‚Propaganda-Strategien‘ des Managements: „Die Fabrik muss bald zumachen“, „Dort ist die Tür“ und anderen Drohungen mit Arbeitsplatzverlust wiederholten sich unabhängig vom Ort.

Arbeiterinnen dürfen nicht krank sein

Als Folge der unzumutbaren Arbeitsverhältnisse klagen die Arbeiterinnen über ständige Erschöpfung und chronische Müdigkeit. „Ihr Menschenrecht auf Gesundheit ist in Gefahr. Der dringendste Wunsch der Befragten ist, – neben einem würdigen Lohn – sich einmal angemessen und zusammenhängend ausruhen zu können und mehr Zeit für ihre Familie zu haben“, fand die Untersuchung heraus.

Dem stehen klare Übertretungen des nationalen Arbeitsrechtes gegenüber, denn in allen untersuchten Betrieben wurden Regelwidrigkeiten bei Jahresurlaub, Urlaub im Krankheitsfall, Entlassung, Überstunden, befristeten Arbeitsverträgen und Mutterschaftsurlaub festgestellt. Auf den Punkt gebracht: Den Arbeiterinnen wird nahegelegt, nicht krank zu sein, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten wollen.

Als weitere Verstöße gegen Menschenrechte, die die Befragten schilderten, wurden Zwangsarbeit bei den untersuchten Hugo Boss- , Esprit- und Gerry Weber-Lieferanten in der Ukraine, Kroatien und Bulgarien sowie Repression gewerkschaftlicher Aktivitäten insbesondere beim bulgarischen Hugo Boss-Zulieferer genannt.

Löhne weit unter dem Existenzminimum sind das Problem

Laut der Kampagne für Saubere Kleidung und Brot für die Welt ist der Preis, den deutsche Modemarken und -händler den Lieferanten zahlen, der Kern des Problems. „Für die Zukunft sollten Bekleidungshändler verbindliche und durchsetzbare Abkommen mit Beschäftigtenvertretungen in Produktionsländern abschließen, die die Zahlung eines wesentlich höheren Einkaufspreises an Lieferanten vorsehen, damit diese sich menschenwürdige Bedingungen und Löhne leisten können – einschließlich von Ersparnissen für Notfälle“, schließt die Recherche.

Zudem scheint sich über die Jahre nichts an den Arbeitsbedingungen in Osteuropa geändert zu haben: „Während die Realität der Modeproduktion durch Verstöße gegen Menschen- und Arbeitsrechte gekennzeichnet ist, bleibt das Engagement der Modemarken wie Hugo Boss, Gerry Weber oder Esprit auf der deklaratorischen Ebene. Hugo Boss, Gerry Weber und Esprit treten Multistakeholder-Organisationen bei und nutzen faire und nachhaltige Label. Diese freiwilligen Initiativen konnten in den letzten 20 Jahren keinen durchgreifenden Wandel für die schlimme Lage der Beschäftigten in der Modeproduktion erzielen. Die Befunde zeigen, dass freiwillige Verpflichtungen ständig verletzt werden“, finden die Kampagne für Saubere Kleidung und Brot für die Welt.

Sie fordern deshalb dringend verbindlich geregelte menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Modemarken und Einzelhändlern, da diese laut den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte von 2011 die Verantwortung für die Einhaltung von Menschenrechten entlang ihrer Lieferketten haben. Aufgrund der langjährigen Erfahrung der Clean Clothes Campaign treffen Unternehmen auf freiwilliger Basis jedoch nicht die Maßnahmen, die notwendig wären, um die Rechte der Beschäftigten entlang der Lieferkette effektiv zu schützen.

Lieferkette muss krisenfest werden

„Die massiven Menschenrechtsverletzungen zeigen, dass freiwillige Initiativen von Marken und Einzelhändlern scheitern, ohne dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten trotz Handlungsaufforderungen wirklich etwas geändert hätte. Nationale und internationale Menschenrechts- und Arbeitnehmerrechtsgesetze werden nach wie vor missachtet, sogar von den Mitgliedsstaaten der EU. Die Regierungen und die Europäische Union müssen geeignete Gesetze für Marken und Einzelhändler verabschieden, um die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten umzusetzen. Solange es kein strategisches Mittel gibt, um dieses Problem anzugehen, werden Zehntausende in den Lieferketten globaler Marken leiden“, kommentiert Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign.

Dies gilt besonders in der derzeitigen Coronavirus-Pandemie: Sie hat zur wochenlangen Schließung des stationären Handels geführt und die Nachfrage von Kunden eingeschränkt. Dementsprechend sitzen Marken und Einzelhändler auf ‘alter’ Ware und haben daraufhin Aufträge storniert oder verschoben. Dies stürzt die herstellenden Betriebe in eine Krise, da sie bereits mit dünnen Margen arbeiten. Stornierungen bedeuten, dass Fabriken (zeitweilig) schließen und Arbeiter entlassen müssen, normalerweise ohne Abfindung. Marken und Einzelhändler müssen daher zu ihren Verpflichtungen stehen und bestellte und in Produktion befindliche Aufträge voll und schnell bezahlen.

FashionUnited hat bei den im Bericht genannten deutschen Bekleidungsunternehmen nachgefragt und um eine Stellungnahme gebeten. Wir werden diese als Antwort auf die Recherche veröffentlichen, sobald sie eingegangen sind.

Fotos: Yevgenia Belorusets, Grafik: via „Ausbeutung Made in Europe“

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