Hintergrund: Hängt Kambodschas Bekleidungsindustrie am seidenen Faden?

Als ob die jüngste Entscheidung der Europäischen Union, Kambodscha den präferenziellen Zugang zum europäischen Markt im Rahmen des „Everything but Arms“-Programms (EBA) teilweise zu entziehen, nicht schon schlimm genug wäre, bedroht nun der Ausbruch des Coronavirus (Covid-19) die Bekleidungs- und Textilindustrie des Landes zusätzlich: Da die Lieferungen von Rohmaterialien aus China verzögert sind oder ganz gestrichen wurden, könnten bis zu 160.000 Bekleidungsarbeiter und -arbeiterinnen bis zum Ende des Monats mit der Schließung ihrer Fabriken rechnen müssen. FashionUnited hat die jüngsten Entwicklungen im Überblick zusammengestellt.

Während zehn Bekleidungsfabriken bis Ende letzten Monats den Betrieb eingestellt hatten, könnten es Ende März aufgrund von Rohstoffmangel bis zu 200 Fabriken sein, schätzt Heng Sour, ein Sprecher des kambodschanischen Arbeitsministeriums, laut der Nikkei Asian Review. Er vermutet, dass dies im schlimmsten Fall 160.000 Bekleidungsarbeiterinnen und -arbeiter treffen könnte.

Eine von vier Bekleidungsarbeiterinnen könnte um Job bangen

Leider gibt es nicht viel, was das Land tun kann, zumindest kurzfristig, da Kambodscha mehr als 60 Prozent seiner Textilien aus China bezieht. Die Beschaffung der Rohstoffe aus einem anderen Land, wie zum Beispiel Indien, könnte laut Ken Loo, dem Generalsekretär des Verbands der Bekleidungsproduzenten Kambodschas (GMAC), nicht schnell genug erfolgen, um die Auswirkungen abzufangen.

Zusammen mit den 90.000 Beschäftigten, die schätzungsweise ab August von wieder eingeführten Zöllen für den EU-Markt betroffen sein könnten, könnten 250.000 Beschäftigte die Auswirkungen der beiden Maßnahmen spüren; dies wäre ein Viertel aller Textil- und Bekleidungsarbeiter Kambodschas von rund einer Million. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Kambodscha: Verband der Bekleidungsproduzenten warnt vor Folgen der EBA-Entscheidung der EU

Die EU-Kommission hatte am 12. Februar 2020 beschlossen, Kambodscha seinen bevorzugten Zugang zum europäischen Markt im Rahmen des „Everything but Arms“-Programms wegen fortgesetzter und ernsthafter Menschenrechtsverletzungen teilweise zu entziehen. Das bedeutet, dass statt Vorzugszöllen ab 12. August 2020 die üblichen EU-Zolltarife auf bestimmte Bekleidung und Schuhe gelten - ein Anstieg um 12 beziehungsweise 16 Prozent. Der GMAC ist „unzufrieden“ mit der Entscheidung der EU, könnte sie doch potenziell die Jobs von 90.000 Näherinnen gefährden.

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IWF: EBA-Entscheidung der EU könnte Kambodschas Wachstum verlangsamen


Das Wirtschaftswachstum Kambodschas könnte sich 2020 verlangsamen, wenn die Europäische Union (EU) das Handelsprogramm Everything But Arms (EBA) zurückzieht, stellte der Internationale Währungsfonds (IWF) bereits zu Beginn des Jahres fest. „Die wirtschaftlichen Aussichten Kambodschas sind mit erheblichen Abwärtsrisiken behaftet. Die laufende Überprüfung des EBA durch die EU, Kambodschas Hauptexportpartner, könnte im Laufe des nächsten Jahres zu einer Aussetzung des präferenziellen Handelszugangs führen, was große negative Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit haben könnte“, führte der IWF aus.

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EBA-Entscheidung der EU: Dokumentarfilm beleuchtet Sorgen von Näherinnen in Kambodscha


Seit Bekanntgabe der Europäischen Kommission am 11. Februar 2019, Kambodscha möglicherweise den Handelsstatus "Everything but Arms" zu entziehen, haben rund 800.000 Näherinnen und Näher in Kambodscha Existenzängste. In einem kurzen, dokumentarischen Film gewährt der gemeinnützige Think-Tank Mekong Future Initiative (MFI) Einblicke in den Lebens- und Arbeitsalltag einer Näherin, sowie die Ängste über ihre Zukunft, über die im Europäischen Parlament entschieden wird.

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Menschenrechte: Modemarken appellieren an Regierung in Kambodscha

Im Mai 2019 hatten 20 Bekleidungsunternehmen, darunter Adidas, Esprit, Gap, Kik, Levi Strauss, Nike, PVH und die VF Corporation, sich in einem offenen Brief an den Premierminister von Kambodscha, Samdech Hun Sen, gewandt um ihre Bedenken über einen „abnehmenden Respekt für Arbeitsrichtlinien“ im Land zum Ausdruck zu bringen.

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EU startet Verfahren für Handelssanktionen gegen Kambodscha


Dem vorangegangen war der Start des Verfahrens der EU am 11. Februar 2019, Kambodscha vorläufigen die derzeitigen Sonderrechte beim Warenexport zu entstehen. Als Grund wurde die anhaltenden Missachtung von Menschen- und Arbeitnehmerrechten genannt. Das Verfahren wurde in zwölf Monaten abgeschlossen und bedeutet den Verlust des zollfreien Zugangs zum EU-Binnenmarkt, sollte die Regierung Kambodschas nicht doch noch einen Kurswechsel einleiten.

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"EU behandelt asiatische Länder besser als Maghreb-Länder": Sourcing-Experte Jean-François Limantour

Im Juni 2018 hatte der Präsident der NGO EVAllaince, Jean-François Limantour, die Vermutung bestätigt, die Maghreb-Länder hätten zu Recht das Gefühl, die Europäische Union würde sie weniger gut behandeln als Länder wie etwa Bangladesch, Kambodscha oder Myanmar. Der internationale Vermittler und ehemalige Generaldelegierte des europäischen Bekleidungsverbands analysierte im Interview mit FashionUnited die geopolitischen Verschiebungen im internationalen Markt für Textilien und Bekleidung und erklärte, was Mode 4.0 für Europa bedeuten könnte.

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In den vergangenen fünf Jahren waren Auseinandersetzungen zwischen Bekleidungsarbeitern und Fabriken in Kambodscha an der Tagesordnung; jedem Sieg der Arbeiter gingen Streiks und teils gewalttätige Auseinandersetzungen voraus. Während Anfang 2014 der monatliche Mindestlohn noch bei rund 100 US-Dollar lag, wurde er Ende des Jahres auf 128 US-Dollar erhöht. Sowohl die Regierung als auch die Polizei verschärften jedoch ihr Vorgehen gegen streikende Arbeiter. Dies blieb auch Menschenrechtsorganisationen nicht verborgen, die diese Missstände und Misshandlungen anprangerten. Auch Modeunternehmen schalteten sich ein - darunter H&M, Primark, Inditex und C&A - und nahmen sich vor, bessere Löhne zu zahlen.

Im Oktober 2015 stieg dann der monatliche Mindestlohn für Textilarbeiter um knapp zehn Prozent von 128 US-Dollar auf 140 US-Dollar und Kambodschas Bekleidungsindustrie verzeichnete ein solides Wachstum in der ersten Jahreshälfte. Auch die USA blieben ein wichtiger Markt für das südostasiatische Land.

Fünf Jahre später ist der Mindestlohn zwar auf 190 US-Dollar gestiegen, liegt aber immer noch unter dem Existenzlohn. Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern wie Myanmar und Vietnam, die ebenfalls stark auf ihre Bekleidungsindustrie setzen und unter den Unterbrechungen der Lieferkette mit China leiden, scheint die Bekleidungsindustrie Kambodschas nach der Entscheidung der EU besonders am seidenen Faden zu hängen. Ob eine vorsichtige Zukunftsplanung und Unterstützung der Branche weltweit Abhilfe schaffen können, bleibt abzuwarten.

Foto: Clean Clothes Campaign

 

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