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Jahresrückblick 2020 – Teil 1: Januar bis Juni

Von Jan Schroder

29. Dez. 2020

Mode

Nur wenige Wochen lang verlief das Modejahr 2020 halbwegs normal – dann erschütterte die Covid-19-Pandemie auch die globale Bekleidungsindustrie. Zahlreiche Insolvenzen waren die Folge, doch die Krise sorgte auch dafür, dass vermeintlich unantastbare Traditionen hinterfragt und umfassende Reformkonzepte vorgelegt wurden. Aber auch sonst veränderte sich einiges Branche.

Heute blicken wir auf einige Schlüsselereignisse in den Monaten Januar bis Juni zurück. Die zweite Jahreshälfte folgt dann am Donnerstag.

Januar: Der Messestandort Berlin verabschiedet sich

Nach einer wenig berauschenden Sommersaison war klar gewesen: Die Modemetropole Berlin brauchte neue Impulse. Doch zum Hoffnungsträger wurden im Januar nicht frische Konzepte, sondern historische Mauern: Die Messen Panorama und Neonyt zogen in die Hallen des ehemaligen Flughafens Tempelhof – dorthin also, wo einst die Bread & Butter rauschende Erfolge gefeiert hatte, als die deutsche Hauptstadt zum international bedeutenden Modestandort aufzusteigen schien. Der Umzug in die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten kam im Januar bei Ausstellern und Besuchern gut an.

Doch statt eines Neustarts sollte die Modewoche zur Abschiedsvorstellung werden. Die Panorama hatte sich finanziell übernommen und meldete wenige Wochen später Insolvenz an, die auf nachhaltige Kleidung spezialisierte Neonyt, die einen zeitgemäßen inhaltlichen Schwerpunkt der Modemetropole Berlin markieren sollte, machte zum letzten Mal in der Hauptstadt Station.

Im Juni stellte sich heraus, dass auch die erfolgreichen Messen Premium und Seek künftig nicht mehr in Berlin stattfinden würden. Die geplanten Juli-Ausgaben verhinderte die Corona-Krise, dann gaben die Organisatoren den Umzug nach Frankfurt am Main bekannt. Dort sollen die Messen der Premium Group zusammen mit der Neonyt ab dem Sommer kommenden Jahres das Herzstück der neuen Frankfurt Fashion Week bilden. Berlin hat als Messestandort ausgedient. Im kommenden Januar soll es in der Hauptstadt immerhin mit den Präsentationen und Modenschauen der Mercedes-Benz Fashion Week und des wiederbelebten Berliner Salons sowie einem passenden Rahmenprogramm weitergehen.

Februar: Die dunkle Bedrohung

Bilder aus einer vermeintlich fernen chinesischen Großstadt sorgen zunehmend für Unruhe in Deutschland. Nach dem Ausbruch einer neuartigen Lungenkrankheit werden in Wuhan Wohnviertel abgeriegelt und ganze Straßenzüge desinfiziert. Die Regierung der Volksrepublik greift zu strengen Schutzmaßnahmen, um den Ausbruch der Covid-19 genannten Seuche einzudämmen.

Die Modebranche muss reagieren: Zahlreiche Messen in China werden verschoben oder ganz abgesagt. Durch staatlich verordnete Ladenschließungen im Land leiden auch westliche Marken. Reihenweise müssen sie aufgrund von zu erwartenden Umsatzeinbußen auf dem bislang so wichtigen Wachstumsmarkt ihre Jahresprognosen kassieren.

Und auch in Europa beeinflussen erste Fälle der Krankheit die Verbraucherstimmung. Unsicherheit breitet sich in der längst globalisierten Branche aus. Wie gravierend die Folgen der Corona-Krise in Deutschland sein werden, ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht absehbar.

März: Erster Lockdown erschüttert den Modehandel in Deutschland

Covid-19 wird zur Pandemie. Auch in Europa überschlagen sich die Ereignisse, nachdem die Zahl der Infektionsfälle rapide ansteigt. In Deutschland hat das wie in den Nachbarländern beispiellose Folgen: Ab dem 17. März müssen bundesweit alle Geschäfte schließen, deren Sortimente als nicht essenziell erachtet wird. Dazu zählen auch die Textil- und Schuhhändler. Die Branche gehört von nun an zu den größten Verlieren der Krise: Allein im März brechen ihre Umsätze um mehr als die Hälfte ein, im April sind die Einbußen noch höher.

Obwohl die Bundesregierung und die Länder umgehend Hilfspakete auflegen, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern, setzt eine Pleitewelle im Modehandel ein. Zahlreiche Unternehmen aus allen Segmenten beantragen aufgrund der krisenbedingten Umsatzverluste Insolvenz- und Schutzschirmverfahren. Bereits im März schickt der Modekonzern Esprit seine deutschen Tochtergesellschaften unter den Schutzschirm, am 1. April folgt der letzte hiesige Warenhauskonzern [Galeria Karstadt Kaufhof[(https://fashionunited.de/nachrichten/business/galeria-karstadt-kaufhof-fluechtet-sich-unter-schutzschirm/2020040135123). Im Zuge des ersten Lockdowns wählen darüber hinaus auch namhafte Bekleidungsanbieter wie Appelrath Cüpper, Sinn und Hallhuber den Weg zu den zuständigen Amtsgerichten.

April: Langer Führungswechsel bei Hugo Boss

Auch der Metzinger Modekonzern Hugo Boss AG leidet unter den Folgen der Corona-Krise. Doch schon vor der Pandemie lief es beim einstigen deutschen Vorzeigeunternehmen seit Langem nicht mehr rund. So entschloss sich der Konzern zu einem Führungswechsel: Im April verkündete Hugo Boss, dass Vorstandschef Mark Langer das Unternehmen Ende September verlassen werde. Offiziell war von einem Abschied „im besten gegenseitigen Einvernehmen“ die Rede, Presseberichten zufolge trauten die Aktionäre dem früheren Finanzvorstand, der den Chefsessel im Jahr 2016 übernommen hatte, nicht mehr zu, den Bekleidungsanbieter wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Auf neue Impulse muss der Konzern aber noch eine Weile warten: Im Sommer wurde mit Daniel Grieder, der gerade seinen Posten als CEO von Tommy Hilfiger niedergelegt hatte, ein namhafter Nachfolger für Langer präsentiert. Aufsichtsratschef Hermann Waldemer lobte den Schweizer als „Idealbesetzung“ – doch Grieder wird seinen neuen Posten bei Hugo Boss erst im Juni 2021 antreten. Bis dahin fungiert Finanzvorstand Yves Müller als Vorstandssprecher.

Mai: Die Krise als Chance?

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie haben die gewohnten Abläufe in der Bekleidungsindustrie gehörig gestört: Modenschauen und Messen mussten abgesagt werden, von den Lieferketten bis zum Einzelhandel geriet die gesamte Maschinerie der Branche zeitweise ins Stocken. Der krisenbedingte Ausnahmezustand bot Anlass, viele vermeintliche Gewissheiten auf den Prüfstand zu stellen und längst fällige Strukturreformen einzufordern.

Bereits im März hatte sich Altmeister Giorgio Armani für tiefgreifende Veränderungen ausgesprochen und in einem viel beachteten Appell unter anderem eine Entschleunigung in der gesamten Branche sowie die Abkehr vom gewohnten Saisonrhythmus und unnötigen Exzessen angemahnt.

Im Mai legte dann eine ganze Gruppe von prominenten Designern und Labels unter Führung des belgischen Avantgardisten Dries van Noten in einem „offenen Brief an die Modebranche“ ähnliche Forderungen vor: „Wir sind uns einig, dass die gegenwärtige Situation zwar schwierig ist, aber die Gelegenheit für einen fundamentalen und willkommenen Wandel bietet, der unser Gewerbe vereinfachen und es ökologisch und sozial nachhaltiger machen wird, so dass es im Endeffekt den Bedürfnissen der Kunden besser entspricht“, heißt es in dem Schreiben. Fast zeitgleich lancierte das Fachmagazin Business of Fashion (BoF) eine eigene Initiative unter dem Titel „Rewiring Fashion“, die ebenfalls zahlreiche Unterstützer fand. Beide Reformbewegungen schlossen dann im Dezember eine Allianz, um die nötigen Veränderungen gemeinsam voranzutreiben.

In den Monaten seit dem Beginn der Pandemie haben die erzwungenen Einschränkungen aber bereits viele Firmen und Veranstalter veranlasst, neue Wege zu gehen: Von der Arbeitsorganisation – Stichwort: Homeoffice – über die Verlagerung von Showrooms und Präsentationen in virtuelle Sphären bis hin zur weitgehenden Digitalisierung der Produktentwicklung und Orderprozesse sorgte die Krise für einen Innovationsschub.

Juni: Frankfurt Calling

Die aktuelle Sommersaison der Modemessen fällt angesichts der weiter geltenden Schutzmaßnahmen gegen die Covid-Pandemie weitgehend aus. Doch im Juni werden die Weichen für die Zukunft der deutschen Modelandschaft neu gestellt: Völlig überraschend verkünden die Messegesellschaften Premium Group (Premium, Seek) und Messe Frankfurt (Neonyt), ihre Veranstaltungen von Berlin nach Frankfurt am Main zu verlegen.

Dem vorliegenden Konzept zufolge werden die Messen ab dem Sommer 2021 den Kern der „Frankfurt Fashion Week“ bilden. Unter ihrem Dach sollen dann auch Modenschauen, die ebenfalls aus Berlin abwandernden Fachkonferenzen FashionTech und FashionSustain sowie ein passendes Rahmenprogramm die Bankenmetropole zum deutschen Modezentrum machen.

„Fünf Plattformen, drei Messen, zwei Konferenzen, über 2.000 Designer, Brands und Modeunternehmen – die Frankfurt Fashion Week wird zu einem hochgradig attraktiven und relevanten Standort für das internationale Modebusiness“, verkündete Detlef Braun, der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, im Sommer. Trotz der seit langem geführten Diskussionen über die künftige Rolle traditioneller Modemessen, die durch die Corona-Pandemie noch intensiviert wurde, gab sich Braun selbstbewusst: „Wir glauben an das Konzept einer physischen Fashion Week. Aber anders als man es bisher kennt“, erklärte er. Ob es am „unverbrauchten Standort“ Frankfurt besser funktioniert als zuletzt in Berlin, muss sich aber erst erweisen.