Gerry Weber: Was führte zur Insolvenz?

Modehersteller Gerry Weber International AG hat am Freitag einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt, um die Muttergesellschaft zu sanieren. Für Branchenkenner nicht überraschend, denn die deutsche Bekleidungsbranche hat es derzeit schwer und auch Gerry Weber kämpft nicht erst seit gestern. FashionUnited hat die Entwicklungen nachgezeichnet, die Gerry Weber das Leben schwer machten.

Während es im Jahr 2014 nach fünf erfolgreichen Jahren für den Konzern noch gut aussah - er übernahm das Münchner Modeunternehmen Hallhuber im Dezember und plante einen Zweitversuch im Herrenmodegeschäft, verdarb das warme Wetter Gerry Weber auch vor vier Jahren das Geschäftsjahr mit einem Jahresumsatz, der mit 852 Millionen Euro Jahresumsatz stabil blieb, statt um 50 Millionen Euro auf 900 Millionen Euro zu steigen wie prognostiziert.

2015

Eine schwierige Branchenlage in Europa drückte auch 2015 weiter Gerry Webers Rendite und der Umsatz wuchs im ersten Quartal 2014/15 nur aufgrund von Neueröffnungen. Nach einem schwachen Halbjahr musste sogar eine Gewinnwarnung abgegeben werden.

Der Abbau der ersten Arbeitsplätze folgte bereits in der zweiten Jahreshälfte 2015 und das Unternehmen gab bald bekannt, auch sein Expansionstempo in Deutschland drosseln zu wollen. Mit der Flaute am deutschen Modemarkt mit Rabattschlachten auf Saisonware und Aufwendungen durch die Übernahme von Hallhuber ging dann auch die Abwärtsspirale von Gerry Weber voran: Ein starker Gewinneinbruch zwang den Konzern, seinen Umbau zu verschärfen.

Gerry Weber: Was führte zur Insolvenz?

2016

Bereits Anfang 2016 musste der Konzern bekanntgeben, 100 Gerry Weber-Filialen schließen sowie jede zehnte Stelle seiner damals gut 7.000 Arbeitsplätze streichen zu müssen. Zudem verzeichnete der Konzern einen Gewinneinbruch im ersten Quartal des Geschäftsjahres um fast 90 Prozent auf 1,2 Millionen Euro und schrumpfte so weiter. In der zweiten Jahreshälfte legte das Unternehmen dann einen umfassenden Sanierungsplan vor, der Umsatz und Ergebnis auch im nächsten Jahr belastete; das Unternehmen schrieb rote Zahlen, die auch der Verkauf des Showroom-Centers „Halle 30“ in Düsseldorf an einen Immobilien-Investor nicht verhindern konnte.

2017

Die Umbaumaßnahmen prägen auch die Neun-Monats-Zahlen für das Geschäftsjahr 2016/17 und sorgten für einen Umsatzrückgang. Auch der Betriebsgewinn schrumpft leicht, während der Nettoverlust etwas verringert werden konnte. „Trotz der erfolgreichen Umsetzung des Programms zur Neuausrichtung Fit4Growth und den damit verbundenen Kosteneinsparungen bei den Personal- und Sachkosten ist es nicht gelungen, das operative Konzernergebnis im Vergleich zum Vorjahr zu verbessern“, hieß es wenig später für das Geschäftsjahr 2016/17.

2018

Gleich im ersten Quartal musste der Modekonzern herbe Verluste hinnehmen, ärgerlicherweise im Kerngeschäft mit seinen Marken Gerry Weber, Taifun und Samoon, was das Unternehmen auf Verschiebungen bei der Auslieferung, die Geschäftsschließungen im Rahmen des Modernisierungsprogramms und die Umsatzentwicklung im Gerry Weber Core-Retail-Bereich auf vergleichbarer Fläche in Deutschland schob. Der Konzernumsatz im Vergleich zum Vorjahr brach um knapp zehn Prozent ein und lag zuletzt bei rund 190 Millionen Euro; im Vorjahr wurden noch 209 Millionen Euro umgesetzt.

Gerry Weber: Was führte zur Insolvenz?

Nachdem der Umsatz auch im ersten Halbjahr hinter den Erwartungen zurückblieb und um mehr als fünf Prozent sank, kündigte der Konzern ein grundlegend verändertes Geschäftsmodell an, dessen Restrukturierungsplan Umbauten und Entlassungen vorsah. Die hohen Kosten, die damit verbunden waren, sorgten im dritten Quartal für einen weiteren empfindlichen Umsatzrückgang.

Als das Unternehmen dann im September in einer Ad-hoc-Mitteilung bekannt gab, ein Sanierungsgutachten in Auftrag gegeben zu haben, rutschte der Aktienkurs teils um mehr als 24 Prozent ab. Dieses kam jedoch im Oktober zu einer guten Prognose, jedoch müsse der Restrukturierungskurs fortgesetzt werden, was einen weiteren Stellenabbau zur Folge habe, hieß es.

Im November wurde dann die Prognose für das Geschäftsjahr 2017/18 weiter gesenkt und eine Einigung mit den Schuldscheindarlehensgebern erzielt, die einen Aufschub vom 5. November bis Ende Januar 2019 gewährten. Jedoch wurden ein weiterer Stellenabbau und Filialschließungen angekündigt: weltweit 900 von 6500 Jobs und die Schließung von 170 bis 200 Filialen.

2019

Der im Dezember angekündigte operative Verlust von 148 Millionen Euro (bei Erlösen von 880 Millionen Euro) wurde Mitte Januar dieses Jahres korrigiert und auf einen operativen Fehlbetrag von 192 Millionen Euro festgesetzt. Gut 10 Tage später dann die Mitteilung: Gerry Weber beantragt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Inzwischen ist die Zahl der Mitarbeiter weiter geschrumpft, deren Löhne und Gehälter jedoch über das Insolvenzgeld abgesichert sind. In einer Präsentationsveranstaltung vom gestrigen Sonntag gab sich das Unternehmen positiv: „Wir sind nicht pleite. Im Gegenteil: Wir haben alle Chancen“, sagte Geschäftsführer Johannes Ehling. Jetzt bleibt abzuwarten, welche Tricks das widerstandsfähige Unternehmen aus dem Hut zaubern wird.

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Fotos: Gerry Weber Website
 

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